Mail aus Genua: Nach dem Brückeneinsturz

Ein Jahr ohne die Ponte Morandi
Ein Jahr ohne die Ponte Morandi

Campo/Lightrocket/GettyImages

Im August 2018 war die Brücke eingestürzt, im Juni 2019 wurden die letzten Pfeiler gesprengt

Im August 2018 war die Brücke eingestürzt, im Juni 2019 wurden die letzten Pfeiler gespreng

Vor einem Jahr stürzte in Genua die große Autobrücke zum Hafengebiet ein. Die Seemansdiakonin erzählt, wie es weiterging.
Deutschland spricht 2019

Die Ponte Morandi war nicht irgendeine Brücke. Es war die Hauptverkehrsader von Genua, eine vierspurige Autobahn, die unter anderem die Fähr- und Kreuzfahrthäfen am Stadtrand mit dem Zentrum verband. Viele Genueser benutzten sie mehrmals am Tag. Seit einem Jahr ist das alles anders. Am 14. August des vergangenen Jahres brach ein Teilstück der Brücke zusammen. Autos stürzten in die Tiefe, mindestens 43 Menschen kamen ums Leben.

Barbara Panzlau

Barbara Panzlau leitet die Deutsche Seemannsmission in Genua.

Seitdem hat die Stadt viele Probleme zu lösen. Angehörige betrauern die Verluste. Mehrere Hundert Menschen, deren Häuser unter der Brücke standen, verloren ihr Zuhause. Sie wurden evakuiert, mittlerweile hat man ihre Wohnungen abgerissen. Nach den Schuldigen am Unglück wird weiter gesucht. Es ist aber davon auszugehen, dass die privaten Be­treiber der Autobahn einen großen Anteil daran haben. Bis vor kurzem ragten noch die Trümmer der alten Brücke in den Himmel, Ende Juni wurden diese gesprengt.

Die Seeleute bleiben in den Häfen isoliert

Jetzt baut man 
eine neue Brücke, nach Plänen des genuesischen ­Architekten Renzo Piano. Bis diese fertig ist, lebt die Stadt im Ausnahmezustand. Als Verbindungsweg bleibt nun die alte Römerstraße Via Aurelia, die sich direkt am Meer entlangschlängelt – romantisch und schön, aber wenig geeignet für den Verkehr einer Stadt mit gut einer ­halben Millionen Einwohner. Vor allem die Seeleute auf den großen Schiffen leiden darunter. Sie 
haben manchmal nur ein paar ­Stunden frei, das reicht bei der schwierigen Verkehrslage nicht für einen Ausflug in die Stadt oder eine Einkaufstour. So bleiben sie in den Häfen oder auch auf den Schiffen, isoliert und abgeschnitten vom Rest der Stadt.

Wir von der Seemannsmission besuchen sie jetzt noch häufiger auf den Schiffen und renovieren zurzeit unseren Club am Containerhafen. Genua, genannt "La Superba", die Stolze, ist eine herrliche Stadt ­zwischen Meer und Bergen. Es ist hart, dass die Seeleute von ihr kaum etwas wahrnehmen können.

Infobox

Der Verein Deutsche Seemannsmission sieht sich als Fürsprecher der Seeleute aller Nationen und setzt sich dafür ein, dass diese unter menschenwürdigen Bedingungen leben und arbeiten können. Er betreibt 34 Anlaufstationen in deutschen und internationalen Häfen.

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