Tochter versöhnt sich mit Mutter

Jetzt sprechen sie wieder miteinander
Zur Not auch ohne diese Mutter

Florian Thoss

Nina Ollrogge, 39, ist froh, dass sie nicht mehr das kleine Kind ist, das so dringend Fürsorge brauchte

Portrait Nina Winterwerb

Sie hatte keine gute Mutter. Aber immerhin doch eine Mutter. Also lud sie sie zur Hochzeit ein

Nina Ollrogge, 39:

Meine Mutter war keine Mutter. Sie kümmerte sich um sich, und ich ­kümmerte mich um mich. ­Kuscheln, vorlesen, Hausaufgaben betreuen, das machten die Mütter ­meiner Freundinnen. "Geh mal raus, ­spielen!" war der Satz meiner Kindheit.

Als ich achtzehn war, trennte sie sich überstürzt von meinem Stiefvater, und beide zogen aus unserer Wohnung aus. Ich war Arzthelferin, verdiente 800 Euro und hatte 
keine Ahnung, wie ich die Miete allein zahlen sollte. ­
"Du machst das schon, kriegst ja Kindergeld", sagte ­meine Mutter fröhlich. Und weg war sie. Noch bevor ich innerlich bereit war, mich von ihr abzunabeln, hatte sie sich von mir abgenabelt. Zum Glück zog dann eine Freundin bei mir ein.

Ist sie böse, oder ist sie dumm?

Meine Mutter zog aufs Land, und ich bald darauf in die Hamburger Innenstadt. Besuchte sie mich, störte sie sich an allem, was ihr fremd war. "Wieso sind in deinem Salat Granatapfelkerne, die schmecken doch gar nicht!" Auch mein multikultureller Freundeskreis machte sie skeptisch. "Warum müssen die Afrikaner ausgerechnet nach Deutschland kommen?" Am Lagerfeuer auf dem Mittel­altermarkt, wo sie Hörner verkauft, schnappt man allerhand Blödsinn auf. Ist sie böse oder ist sie dumm? ­
Das fragte ich mich resigniert.

Dann lag mein Opa im Sterben, er war für mich ein liebevoller Ersatzpapa. Fassungslos beobachtete ich, wie meine Mutter aus Angst vor dem Tod lauter Ausreden fand, um ihn nicht besuchen zu müssen. Kurz darauf fuhr der Firmenwagen meines Freundes nicht mehr. Ich bat die Verwandten, uns für wenige Monate Opas Auto zu leihen. Sie wollten nicht, und meine Mutter setzte sich nicht für uns ein.

Da lief mein Fass über. Ich schrie in den Hörer: "Wenn das für dich Familie bedeutet, verzichte ich lieber ganz!" Abends im Bett stellte ich mir vor, wie sie reumütig vor mir stand und alle ausgebliebenen Entschuldigungen der letzten Jahre aus ihr herausbrachen. In der Realität hörte ich anderthalb Jahre nichts von ihr. Und sie nichts von mir.

Die Mutter zur Hochzeit einladen?

Dann planten mein Freund und ich unsere Hochzeit. Ich brachte es nicht übers Herz, sie auszuschließen. Ich bin ihr einziges Kind, und in irgendeinem Winkel meines Herzens weiß ich, dass sie mich liebt. Nur mit welchen Worten lädt man jemanden ein, auf den man stinksauer ist? Sie rief mich sofort an, weinte über unsere verlorene Zeit und hatte überhaupt keinen Groll. Sie war einfach froh, dabei sein zu können.

Als sie mir aber kurz darauf beichtete, dass sie unseren Familienschmuck, unter anderem einen uralten Weißgoldring, den ich zur Hochzeit tragen wollte, spontan vertickt hatte, hätte ich die Brocken am liebsten wieder hingeschmissen. Aber ich tat es nicht.

Sie ist nicht böse, sie ist auch nicht dumm, aber sie hat keinen Sinn für Rituale, sie liebt Tiere über alles und kann sich nur schwer in Menschen einfühlen. Das wurde mir plötzlich klar. Und dass ich zum Glück nicht mehr das kleine Kind bin, das auf ihre Fürsorge angewiesen ist.

Im vergangenen Sommer leerten wir in meiner ­Küche eine Flasche Sambuca zusammen und quatschten bis sieben Uhr morgens. Ich packte alles auf den Tisch. Wie ätzend es war, einen Vater zu haben, der sich nach ­Tschechien verzog, um kein Kindergeld zahlen zu müssen. Wie verscheißert ich mich mit einer Mutter fühlte, die mir nie das Gefühl vermittelte, dass es um mich ging.
Ich schaute in ihr ratloses Gesicht. Sie war erschrocken, 
da war auch Mitgefühl, aber so, als sei sie in all den ­Situationen meiner Kindheit nicht dabei gewesen. Trotzdem brachte dieser Abend die Wende, weil sie mich alles aussprechen ließ, mich erstmals richtig wahrnahm und weil sie kapierte, dass ich es fertig bringe, mein Leben notfalls ohne sie zu leben.

Seitdem geht sie vorsichtiger mit mir um. "Stimmt, ihr esst ja so gerne Granatapfelkerne", heißt es jetzt. Umgekehrt höre ich mir mit mehr Milde ihre in epischer Breite vorgetragenen Schilderungen über den Hund an, der im Garten ein Loch buddelt. Ich versuche, sie zu nehmen, wie sie ist. Keine gute Mutter, aber auch kein schlechter Mensch.

Protokoll: Silia Wiebe
Silia Wiebe arbeitet als freie Autorin. Im März 2019 erschien ihr Buch "Unsere Mütter - Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen" im Klett-Cotta-Verlag

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