Integration mal anders: Die deutsche Zulufrau

Eine weiße 
Sangoma, 
wo gibt’s denn 
sowas?
Gut integriert: Renata Reck ist beim afrikanischen Heiler Mahlaenthabeni in die Lehre gegangen

Harald Stutte

Gut integriert: Renata Reck ist beim afrikanischen Heiler Mahlaenthabeni in die Lehre gegangen

Weiße Heilerin, chrismon plus 02/2019

Renata Reck lebt seit mehr als 40 Jahren in der ­südafrikanischen Provinz unter Schwarzen. 
Und ist immer noch die Fremde. Auch deshalb macht sie jetzt eine Ausbildung – zur Heilerin.

Mittägliche Stille in Elukwatini, einem Dorf, dreieinhalb Autostunden östlich von Johannesburg. Frauen hocken auf der Erde und schwatzen. Männer lehnen auf der Kühlerhaube eines Autos. Da, ein ­Geräusch wie von einem Tier. Die ­Unterhaltungen verstummen. Das Geräusch wird lauter. Eine kreischende Frau spurtet um die Ecke, eine Mittvierzigerin. Sie ist in ein buntes Tuch gehüllt. Ihr Gesicht ist von der mittäglichen Hitze gerötet. Kaum ist sie an der anderen Hausecke verschwunden, setzen die Gespräche wieder ein, als wäre nichts geschehen. Hier wohnt ein Sangoma, ein afrikanischer Heiler. 
Und Gogo Magwaza, die Frau, die hier um Haus und Hof rennt, ist weiß. Sie ist in Hamburg geboren und heißt mit bürgerlichem Namen Renata Reck. Sie ist keine Frau, die in der Mitte ihres Lebens die Spiritualität entdeckt hat und aus einem Leben in Sicherheit und Wohlstand ausstieg. Renata Reck konnte gar nicht aussteigen, weil sie nie eingestiegen ist – in die deutsche Welt des Wohlstands.

Warum sie schreiend um das Haus, die Praxis ihres Lehrers, tobt? "Es sind die Urahnen, die sich meiner Bauchstimme bedienen und all das Schlechte 
vertreiben, das sich im Umfeld des Hauses meines Meisters angesammelt hat", so erklärt sie das seltsame Ritual.

Neue Heimat Swasiland

1976, da war Renata gerade fünf, wanderten ihre Eltern ins südliche Afrika aus. Ihr Vater, der aus Oberschlesien stammende Kunstmaler ­Albert Christoph Reck, wollte der mittel­europäischen Enge entkommen und nahm seine Familie auf einem in Eigenregie hochseetauglich gemachten Lotsenkutter mit ins kleine ­Königreich Swasiland. Die Ortschaft Ngwenya wurde Renatas neue Heimat. Mit ihren sieben Geschwistern wuchs sie unter Swasi auf, spielte mit ihnen, ging mit ihnen zur Schule.

Ihre Eltern nahmen schwarze Waisen­kinder auf, sie wurden Re­natas Brüder und Schwestern. Die Recks gehörten dazu, auch wenn sie wohlhabender als die anderen waren und ein Auto besaßen.

Harald Stutte

Der Journalist Harald Stutte, 54, ist mit einer ­Südafrikanerin ­verheiratet. 
Seine Frau kennt eine von Renata Recks Schwestern, die in Deutschland lebt.
privatHarald Stutte, chrismon plus 02/2019, Renata Reck, südafrikanische Heilerin

So gesehen ist Renata Reck heute vorbildlich integriert. Ihre Muttersprache, sagt sie, sei das im östlichen Süd-
afrika und in Swasiland gesprochene Siswati. Sie spricht Englisch, ganz ­passabel auch Afrikaans, dazu die Sprachen der Zulu und der ­Xhosa – alle relevanten Sprachen des Viel­völkerstaates Südafrika, der sich stolz Regenbogennation nennt. Nur mit dem Deutschen hapert es ein wenig.

"Ich habe versucht, in Hamburg zu leben", sagt Renata Reck. "Um nach zwei Jahren festzustellen, dass ich es nicht konnte. Ich fühlte mich fremd, kam mit dem Tempo des ­Lebens, den Zwängen, dem Wetter nicht klar." ­Also blieben sie und einer ihrer ­Brüder im südlichen Afrika, während ihre betagten Eltern und die meisten der Geschwis­ter wieder in Deutschland heimisch wurden. Sie gehöre nicht nach Europa, sagt sie, Afrika sei ihre Heimat.

Weißen greift man nicht einfach so in die Haare

Wie Millionen Südafrikaner hat Renata Reck weder Kranken- noch Rentenversicherung. Fast ihre gesamte Habe trägt sie in einer Tasche mit sich herum. Wenn sie von Südafrika spricht und "wir" sagt, zählt sie sich zu Südafrikas Unterprivile­gierten. Auch 25 Jahre nach dem ­Ende der Rassentrennung ist die soziale Stellung noch weitgehend eine Frage der Hautfarbe: Weiß bedeutet wohlhabend, arm sind zumeist Schwarze oder Coloureds.

In Johannesburg lässt sich Renata Reck – oder Gogo Magwaza – jetzt zur Touristenführerin ausbilden. Ihr Bruder lebt 350 Kilometer weiter östlich im ehemaligen Elternhaus, in Ngwenya, Swasiland. Wenn sie ihn besucht, reist sie per Sammeltaxi zum Preis von 50 Rand, etwas mehr als drei ­Euro. Für die Schwarzen, die dann dicht gedrängt um sie herumsitzen, bleibt sie eine Umlungu, eine Weiße. Sie mache sich einen Spaß daraus, ­eine Weile zu lauschen, erzählt Re­nata Reck. "Sie ­reden über meine Haare. Oder wundern sich, warum ich kein 
eigenes Auto habe. Oder sie mut­maßen, mein Mann hätte mich aus dem Auto geworfen." Einmal befühlte 
eine hinter ihr sitzende Frau wie selbstverständlich ihre Haare: "Wo ­hast du diese tollen Extensions her?" Als sich Renata Reck umdrehte, ­kreischte die Fragende vor Schreck und entschuldigte sich. Weißen greift man nicht einfach so in die Haare.

Dreimal im Jahr zum Heiler

Das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, kennt Renata Reck seit ihrer Schulzeit in Swasiland. Manchmal kränke es sie, sagt sie, manchmal ignoriere sie es einfach. Umso wichtiger ist es ihr, noch afrikanischer zu leben. Zum Beispiel als Sangoma, als afrikanische Heilerin. Sie will ankommen und angenommen werden.

Heiler genießen in Afrika hohes Ansehen – und das in einem Land wie Südafrika, dem einzigen Industrie­staat des Kontinents, der mit der ersten 
Herztransplantation weltweit 1967 Medizingeschichte schrieb. Dreimal im Jahr besucht ein durchschnittlicher Südafrikaner einen Heiler – auch wenn nur ein sehr geringer Prozentsatz der rund 57 Millionen Südafrikaner Naturreligionen an-
hängt; die meis­ten sind Christen. ­
Teils ist das Vertrauen in die heilen­de ­Kraft der Sangoma groß, teils der 
Geldbeutel fürs Krankenhaus zu klein.

 Renata Reck spart für ihre eigene Praxis. Sie hofft, dass die Leute der weißen Sangoma trauenHarald Stutte

Die einzige Sangoma der Welt mit deutschem Pass

Die geschätzt 200 000 Heiler im Land weissagen auch. Sie beraten in Ehe- oder Erbschaftsstreitigkeiten und rufen Regen in Dürrzeiten. Von ihrer Kräuterkunde haben schon Pharmakonzerne profitiert. Die Teufelskralle etwa, in Deutschland eines der bekanntesten Rheumamittel, stammt aus dem Fundus afrikanischer Heiler. Renata Reck alias Gogo Magwaza ging ein Jahr bei Mahlalenthabeni in die Lehre, einem der bekanntesten Heiler 
im Osten des Landes. Sie ließ sich ­prüfen und ist nun die einzige San­goma der Welt mit deutschem Pass.

Noch arbeitet Renata Reck bei ­"Ligwala Gwala". Der Radiosender in der kleinen Provinzhauptstadt ­Nelspruit am Rande des Krüger-­Nationalparks gehört zum öffentlich-rechtlichen SABC-Verbund, einer Art südafrikanischer ARD.

Fluchen auf Siswati

Für die Serie "Ngalutfota Lolu­manti" (auf Deutsch: "Was wir nicht alles schultern müssen . . . ") spricht Renata Reck vor allem weiße Rollen: die Chefin einer Firma, die Frau eines Farmers, die reiche Städterin. Fünfmal die Woche wird das Hörspiel zur bes­ten Sendezeit ausgestrahlt. Seine 
Alltagsgeschichten sind bei Schwarzen 
beliebt. Über die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme darin 
wird am heimischen Tisch beim Abendessen, im Sammeltaxi oder an der Supermarktkasse gestritten. Die Sprecher werden verehrt wie Stars.

Autor Mfundo Khoza und Produktionsleiter Penny Lubisi hatten von 
der Siswati sprechenden Weißen gehört. Sie wollten sie unbedingt für ­ihre 
Sendung haben. Beim Vorsprechen sollte Renata Reck ins Mikro fluchen: "Msunu Kanyoko" – "Beim Arsch ­deiner Mutter". Die Produzenten kringelten sich und klatschten sich begeistert ab. "Klingt wie echtes Dorf- und Straßen-Siswati!" Und: "Kannst du nicht ein bisschen gestelzter ­sprechen, vielleicht ein klitzekleiner Buren-Akzent dazu?"

 Bei Aufnahmen für's Radio, die Produzenten sind begeistert: "Klingt wie echtes Straßen-Siswati"Harald Stutte

Im Zweiwochenrhythmus pro­duziert Renata Reck nun je eine Episode der Radio-Soap. Für die zwei Tage am Wochenende bekommt sie 500 Rand, etwa 30 Euro. Sie wohnt dann bei afrikanischen Freunden im benachbarten Lupishi. "Mein erstes regelmäßiges Einkommen", sagt sie. "Und eine Menge Geld."

Geld, das sie dringend braucht. Um als Sangoma zu arbeiten, muss sie dem Dorf, in dem sie arbeiten will, ein Fest spendieren und ein paar Ziegen schlachten lassen. Wenn das Dorf die deutsche Sangoma akzeptiert, kann sie dort ihre Praxis eröffnen – wie ein deutscher Landarzt in der Provinz. Wer sich helfen lassen will, zahlt zwischen 30 und 50 Rand, zwei bis drei Euro – je nach Ver­mögen. Die Nachfrage ist groß – wie die Zahl der Menschen zeigt, die geduldig vor der Praxis des Sangoma in Elukwatini warten, dreieinhalb Autostunden östlich von Johannesburg.

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