Geschichte des Erbens

Der große Gleichmacher
Junge Frau im Kuhstall

Getty Images/The Palmer

Schon immer haben Frauen in der Landwirtschaft mitgearbeitet - doch nicht immer haben sie auch etwas geerbt.

Junge Frau im Kuhstall

Wo früher auf faire Weise Vermögen vererbt wurde, ist heute der Anteil der Frauen in Parlamenten höher.

chrismon: Was haben Sie untersucht?

Anselm Rink: Landwirtschaftliche Erbsitten in Deutschland, die historisch stark variiert haben, oft von Ort zu Ort.

Was sind Erbsitten?

Anselm Rink: Erbsitten regeln, wie vererbt wird. Bekam nur der Älteste den Hof des Vaters? Durften nur Söhne erben? Diese ­Sitten sind nicht zu verwechseln mit dem Erbrecht, das heutzutage beispielsweise einen Pflichtteil kennt.

Woher wussten Sie, welche Erbsitte früher wo galt?

Anselm Rink: Der Agrarwissenschaftler Helmut Röhm hat in den 50er Jahren die Bürgermeister von 24 500 Gemeinden befragt, wie dort früher vererbt wurde. Diese Daten haben wir auf heutige Gemeindegrenzen umgerechnet.

Anselm Rink

Anselm Rink ist Juniorprofessor 
für Politische ­Ökonomie an der Universität ­Konstanz und war zuvor wissen­schaftlicher ­Mitarbeiter am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozialforschung.
David AusserhoferAnselm Rink

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Und wie konnten Sie Gleichheit messen?

Anselm Rink: Wir haben soziale Gleichheit untersucht, und zwar ­konkret den Frauenanteil in heutigen Kommunalparlamenten ­sowie die Anzahl von Adeligen in Rotary Clubs.

Mit welchem Ergebnis?

Anselm Rink: Gemeinden, in denen gerecht vererbt wurde – an mehrere Kinder, nicht nur Erstgeborene –, wählen heute mehr Frauen in Parlamente. Und dort finden sich auch weniger Rotary-Mitglieder mit "von" und "zu" im Nachnamen. Faire Erbsitten korrelieren also mit sozialer Gleichheit.

Erbsitten variierten von Ort zu Ort

Heute nimmt die Ungleichheit bei Vermögen zu. 
Können höhere Erbschaftssteuern den Trend stoppen?

Anselm Rink: Da wir uns historische Erbsitten angeschaut haben, ­können wir nichts über den Einfluss der heutigen Erbschaftssteuer aussagen. Unsere Studie lehrt aber, dass faire Erbsitten zwar soziale Ungleichheiten abmildern, nicht aber Einkommensungleichheit.

Wie bitte?

Anselm Rink: Ja, das scheint widersprüchlich. Unsere Daten zeigen, dass faire Erbsitten soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern und zwischen Adeligen und Bürgerlichen ausgeglichen haben – mit positiven Auswirkungen bis heute. So gesehen sind faire Erbsitten ein Gleichmacher. Gleichzeitig stellen wir in fair vererbenden Gemeinden aber eine höhere Einkommensungleichheit fest.

Wie erklären Sie sich das?

Anselm Rink: Wenn Herkunft und Geschlecht nicht mehr systematisch benachteiligt werden, zählt wieder das Talent des Einzelnen. In einer Marktwirtschaft kann das Einkommens­ungleichheit nach sich ziehen.

Also sind Sie dagegen, die Erbschaftssteuern zu ­er­höhen?

Anselm Rink: Ob höhere Erbschaftssteuern den gleichen Effekt hätten wie früher faire Erbsitten, ist offen. Leider kann man das schwer erforschen, denn Erbschaftssteuern variieren – im Unterschied zu Erbsitten – nicht von Ort zu Ort.

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