Ein Jahr nach dem Reformationsjubiläum

"Vom Fest ist nicht viel geblieben"
2017 kamen eine Millionen Besucher nach Wittenberg

Jörg Gläscher und Martin Jehnichen

2017 kamen eine Millionen Besucher nach Wittenberg - und dieses Jahr?

2017 kamen eine Millionen Besucher nach Wittenberg

Wittenberg stand 2017 im Zentrum des Reformationsjubiläums. 
Von der Begeisterung ist wenig geblieben, sagt Oberbürgermeister Torsten Zugehör - und macht die Kirche dafür verantwortlich.

chrismon: Vergangenes Jahr stand Wittenberg im Mittel­punkt des großen Reformationsjubiläums. Was ist geblieben von der Feststimmung?

Torsten Zugehör: Das 500-jährige Jubiläum der Reformation war ein ganz besonderes Ereignis in unserer Stadtgeschichte. Wir haben über eine Million Besucher gezählt. Den Sommer über gab es von morgens bis abends ein ­Kulturprogramm, manchmal kamen Hunderte Menschen zum Abendsegen auf den Marktplatz. 15 000 Jugendliche haben am Camp für Konfirmanden teilgenommen. Natürlich war uns bewusst, dass man ein solches Festjahr nicht auf Dauer stellen kann. Das würde uns als Stadt mit 50 000 Einwohnern auch überfordern. Aber wir haben mit den Verantwortlichen in der Kirche 2017 viel über Nachhaltig­keit geredet. Wir hatten zum Beispiel verabredet, dass es weiterhin einen Abendsegen geben soll, und auch 2018 sollten Jugendliche nach Wittenberg zum Konfi-Camp kommen. Aber von alldem ist nicht viel geblieben.

Die historischen Gebäude wurden aufwendig saniert. Immerhin, oder?

Darüber freue ich mich, und es sind ja auch 2018 Touristen gekommen, um die historischen Stätten anzuschauen. Doch schicke Gebäude alleine reichen auf längere Sicht nicht, um Besucher anzulocken und, vor allem, um die Wittenberger anzusprechen. Sie können den schnellsten Computer haben – wenn die Software fehlt, nutzt die beste Hardware nichts.

Torsten Zugehör

Torsten Zugehör wurde 1971 in Wittenberg geboren und ist seit 2015 Oberbürgermeister der Lutherstadt. Er ist bekennender Protestant und Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags.
Marko Schoeneberg

Claudia Keller

Claudia Keller erinnert sich, dass Menschen am 31. Oktober 2017 Schlange standen vor den Wittenberger Kirchen, weil die Gottesdienste überfüllt waren. Sie wünscht der Lutherstadt, dass sie das nicht erst in 500 Jahren wieder erlebt.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Was wäre die "Software" bezogen auf Wittenberg?

Wir müssen den Menschen ein kulturelles Programm bieten. Da sind wir gerade mit dem Kirchenamt der EKD in Hannover im Gespräch. Wir als Stadt zelebrieren jedes Jahr im Juni "Luthers Hochzeit" als großes Mittel­alterfest. Danach ist es lange hin bis zum Reformationstag am 31. Oktober. Da müssten die EKD, die Landeskirche und die örtlichen Kirchen ein Programm organisieren, auch wenn es nur sechs Wochen während der Ferienzeit sind. Es reicht eine Bühne, die man tagsüber für Lesungen und Diskussionen nutzt und abends für ein Konzert. Doch ­dieses Jahr gab es so etwas gar nicht.

Tun sich die Protestanten schwer mit "heiligen" Orten?

Den Katholiken fällt das leichter. Wir Protestanten ­stellen mehr unseren Glauben und einzelne Personen in den Mittelpunkt. Aber selbst mit Martin Luther fiel uns das schwer. Wir haben am Ende aus der Lutherdekade die ­Reformationsdekade gemacht aus Sorge, Luther zu sehr zu glorifizieren. Aber ich wünsche mir, dass die evangelische Kirche auch künftig die Lutherstadt Wittenberg als Wiege der Reformation erkennt und dafür etwas tut.

Tut sie das nicht? Die EKD hat im April im Schloss eine reformationsgeschichtliche Forschungs­bibliothek eröffnet und ihr Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst hierher verlegt. An wen richtet sich Ihre Kritik?

An alle, die vergangenes Jahr Verantwortung getragen haben. Ich habe den Eindruck, dass in der Kirche alle ­völlig erschöpft sind von 2017. Alle wünschen sich ein ­Sabbatjahr, am besten ein Sabbatjahrzehnt. Erst mal schön ausruhen. Aber wir waren uns doch einig: 1517 ging die Reformation erst los! Luther hat ja auch nicht die Thesen angeschlagen, ist nach Hause gegangen und hat gesagt: "So, jetzt erst mal ruhig. Melanchthon, bleib mal locker, wir machen unsere Lehraufträge an der Universität und halten uns ansonsten raus!"

Sie sprachen die Konfi-Camps an. Ende August gab es doch auch in diesem Jahr ein solches Jugendtreffen.

 15000 Konfirmanden feierten und diskutierten bei Konfi-CampsJörg Gläscher, Peter Endig/epd-bild, Jens Jehnichen, Marko Schoeneberg

Ja, aber nur für eine Woche! 2017 waren es zehn Wochen. Wenn unsere katholischen Brüder und Schwestern zu ihrer Erstkommunion nach Rom reisen, dann können doch die evangelischen Jugendlichen fünf tolle Tage in Wittenberg verbringen, zumal wir hier eine halbe Zugstunde von Berlin und Leipzig entfernt sind. Aber selbst über die eine Woche haben wir mit der EKD heftig gerungen. Logistisch stand von unserer Seite alles bereit: Strom, Wasser, baurechtliche Genehmigungen, wir konnten sogar die Feuerwehr dafür gewinnen, dass sie die Zelte auf- und abbauen und ein- lagern. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich freue mich über die eine Woche. Es ist gut, dass die Aktion wenigstens im Kleinen weitergeht. Wenn etwas erst mal unterbrochen ist, dann ist es sehr schwer, es wiederzubeleben.

Viele Kirchenvertreter fragen sich, wie man Menschen gerade im Osten für die Kirche begeistern kann. Wurden hier Chancen verschenkt?

Und wie! Warum gibt es den Abendsegen auf dem Marktplatz nicht mehr? Wir haben hier die Schlosskirchengemeinde, die Evangelische Akademie, den Lutherischen Weltbund, das Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur, die Stadtkirchengemeinde, wir haben ganz viele Vikarinnen und Vikare. Aber die Kirche ist so ein schwerfälliger Tanker! Dass es keinen Abendsegen mehr gibt, ist umso trauriger, als es 2017 lange gedauert hat, bis sich die Wittenberger dafür begeistert haben. Am Anfang kamen nur vier oder fünf. Aber am Ende waren es jeden Abend hundert, zweihundert Menschen. Die ganze Stadtgesellschaft ging hin. Eine Kollegin von mir hat ­einen Laden in der Altstadt. Die hat sich immer beeilt, um rechtzeitig abzuschließen, damit sie es noch zum Abendsegen schaffte. Das war für sie ein schöner Abschluss des Tages. Es müsste Pfarrern doch ein Bedürfnis sein, so ­etwas weiterzumachen. Es kann ja wohl nicht sein, dass die Stadtverwaltung den Abendsegen organisieren muss.

Sie sind Protestant, Mitglied im Kirchentagspräsidium und in Wittenberg in der Kirche engagiert. Haben Sie auch in Ihrer eigenen Kirchengemeinde dafür geworben?

Klar, aber ich bekam nur Schulterzucken. Der Stadt­kirchenpfarrer hat im Weihnachtsgottesdienst gesagt: Die Karawane zieht weiter. Aber wir können doch nicht einfach am Straßenrand stehen und winken. Gerade in Zeiten, in denen die Kirche beständig Mitglieder verliert, muss sie präsent bleiben. Auch um Ehrenamtliche zu motivieren.

Im August feierte Wittenberg die Melanchthon- Festwochen, und der Bonner Pfarrer Siegfried Eckert und hochkarätige Mitstreiter haben die Idee zum ­"Forum Reformation" entwickelt. Sie wollen neue ­Veranstaltungsformate suchen, um an die Aufbruchstimmung von 2017 anzuknüpfen. Am 30. Oktober soll es losgehen mit einem großen Gottesdienst in Wittenberg. Es tut sich durchaus etwas.

Das "Forum Reformation" ist ein toller Ansatz, ich ­mache da auch mit, und wir als Stadt unterstützen das. Wir überlegen auch, ein jährliches großes Chorfestival in Wittenberg zu organisieren, denn wir haben festgestellt, dass unheimlich viele Menschen gerne vor und in den historischen Stätten singen. Wir überlegen außerdem, wie wir an den Erfolg der Ausstellung "Luther und die Avantgarde" anknüpfen können. Über 30 000 Besucher haben 2017 die Werke namhafter zeitgenössischer Künstler gesehen, die im alten Gefängnis gezeigt wurden. Wir haben uns vergeblich gewünscht, dass diese Ausstellung verlängert wird. Jetzt gibt es die Idee einer Wittenberg-Biennale. Wir sind mit dem Initiator der Avantgarde-Ausstellung im Gespräch und werben bei Land und Bund um Gelder. So eine Kunstbiennale gibt es in den neuen Bundesländern noch nicht. Aber ich bin nicht sehr optimistisch, dass das etwas wird.

Im Kirchenamt der EKD heißt es, man sehe sich durchaus in der Verantwortung, dass es in Wittenberg auch nach 2017 weitergeht. Man versuche als EKD zum Beispiel, für Wittenberg Brücken zum Land Sachsen-Anhalt zu bauen. Ist von dieser Hilfe nichts zu spüren?

Brücken braucht es zur Überwindung von Hindernissen, weil Menschen sonst nicht zueinanderkommen. Zwischen Land und Stadt gibt es aber ein gutes Miteinander. Es ist ganz natürlich, dass Land und Stadt auch unterschiedliche Interessenlagen haben. Selbstverständlich freuen wir uns auch über jede Unterstützung, aber die Kirche befindet sich nicht allein in der Rolle der Moderatorin. Sie muss – und das sage ich auch als Protestant – ein eigenes Interesse an einer nachhaltigen Fortführung der Erfolge von 2017 haben.

Fühlen sich die Wittenberger von der Kirche im Stich gelassen?

So negativ habe ich das noch nicht erfahren. Aber wenn Nachhaltigkeit nicht gelebt wird, ist es eine Worthülse. Dann ist es besser, ehrlich dazu zu stehen, dass wir die Feste feiern, wie sie fallen – und dazwischen ist halt nichts beziehungsweise weniger.

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