E-Mail aus Italien über die Regierung von Matteo Salvini

Drei Fragezeichen
Afrikanische Straßenhändler auf dem Piazzale Michelangelo in Florenz

mauritius images/Alamy

Afrikanische Straßenhändler auf dem Piazzale Michelangelo in Florenz

Afrikanische Straßenhändler auf dem Piazzale Michelangelo in Florenz

Wo geht es hin mit Italien? Der deutsche Auslandspfarrer in Florenz stößt immer wieder auf Ratlosigkeit.

Wohin steuert Italien? Gleich drei Mal begegnete mir in letzter Zeit ein großes Fragezeichen. Nummer 1: 
Ein italienischer Freund erzählte von einem Kioskbetreiber, der nach dem Regierungsantritt von Lega und 5-Sterne-Bewegung deutsche Tageszeitungen verschenkt habe – ohne Titelseiten. Er habe sich über die Schlagzeilen geärgert, in denen die neue Koalition pauschal als populistisch und rechtsextrem beschrieben wurde. Mein Freund malte etwas ­unsicher ein Fragezeichen in die Luft: "Wir brauchen hier in Italien ­dringend einen Wandel. Warum ­lassen wir die neue Regierung nicht erst mal machen?"

Friedemann Glaser

Friedemann Glaser
 ist Pfarrer der deutschsprachigen 
Auslandsgemeinde 
in Florenz.
Friedemann Glaser, Pfarrer

Nummer 2: Afrikanische Händler gehören in Florenz zum Straßenbild. Immer wieder einmal lädt ein Bar­besitzer den Straßenhändler vor seiner Tür zum Espresso ein. Mit den markigen Sprüchen des ­neuen Innenministers und Lega-Chefs ­Matteo Salvini könnte die öffentliche Stimmung kippen. Bei einem ökumenischen Treffen erzählte der Ver­treter einer katholischen Basisgemeinde, dass ein aus Indien ­stammender Achtzehnjähriger nicht mehr alleine Bus fahre, weil er aufgrund seiner Hautfarbe ständig aggressive Bemerkungen über sich ergehen lassen müsse. Der Junge lebe seit vierzehn Jahren in Florenz und spreche perfekt Italienisch. "Wo führt das hin, wenn fremdenfeindliche Sprüche ganz selbstverständlich werden?" Besorgt malte der Mann ein Fragezeichen in die Luft.

Nummer 3: Die europäische Flagge hängt an öffentlichen Gebäuden. Aber in der Flüchtlingsfrage fühlen sich die Italiener von der EU im Stich gelassen. Dass die "Aquarius" mit über 600 geretteten Flüchtlingen an Bord keinen italienischen Hafen anlaufen durfte, gehört zu Salvinis Abschreckungspolitik. Eine Nachbarin erklärte 
mir, dass es auch ein Warnschuss in Richtung Brüssel war: "Wir sind nicht europa­kritisch. Aber was sind das für Freunde, die einem in der Not nicht ­helfen?" Das Fragezeichen, das sie in die 
Luft malt, wirkt sehr energisch.

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