Norbert Blüm über die Mythen der Neoliberalen

Handeln wie in der Familie
Ohne Nachhaltigkeit organisieren wir den Weltuntergang, sagt Norbert Blüm

Nach mir die Sintflut", rief die stolze Madame de Pompadour, als beim Festgelage am Hofe Ludwig XV. 1757 die Nachricht eintraf, das zahlenmäßig unterlegene Heer Friedrichs II. habe die französische Armee bei Roßbach besiegt. Heute avanciert der Spruch zur Parole einer neuen Rücksichtslosigkeit.

Norbert Blüm

Der frühere CDU-Politiker Norbert Blüm ist engagierter Katholik. In den 1980er und 1990ern war er Bundesminister für Arbeit und Soziales.
Future Image/imago
Holzfäller roden die Wälder am Amazonas und ­nehmen unseren Enkeln die Luft zum Atmen. Konsumenten überschwemmen die Ozeane mit Plastikmüll. Abgasverursacher heizen das Weltklima an, lassen den Meeresspiegel steigen und Inseln schwinden.

Jahrhundertelang pflanzten Waldbauern Bäume, die sie in ihrem Leben nicht mehr nutzten. Baumeister bauten Kathedralen, deren Einweihung sie nicht mehr erlebten, wie auch Eltern Kinder zeugen, die sie überleben werden. Denken und Handeln in familiären Dimensionen gehört zum Erbgut des Homo sapiens.

Die Haltung "Nach mir die Sintflut" zerstört Brücken zwischen den Generationen. Gary S. Becker, Vordenker der Neoliberalen, erhielt den Nobelpreis für die Behauptung, der Mensch sei ein Vorteilssucher, sonst nichts. Der Schnäppchenjäger ist der Prototyp des ­cleveren Konsumenten, "America first" die nationale Variation der Sintflutpropaganda. Sie scheitert an ihrer Logik. Schnäppchen für alle gibt es nicht. Eine Nation kann nur "first" sein, wenn andere es nicht sind.

Die Familie ist die personifizierte Nachhaltigkeit. Eltern wollen in ihren Kindern fortleben

In der schönen neuen Welt des Neoliberalismus macht niemand mehr einen Handschlag, ohne vorher zu kalkulieren, welchen Vorteil er bringt. Keine Freundlichkeit ohne hinterhältige Berechnung. Doch unsere glücklichsten Erfahrungen, unsere besten Fähigkeiten entstammen nicht dem Reich der Kalkulation. Liebe ist Hingabe ohne Hintergedanken. Rücksicht und Vorsicht bedürfen jedoch der Einübung. Ich kenne dafür keine geeignetere Institution als die Familie. Sie ist die personifizierte Nachhaltigkeit, die säkularisierte Trans­zendenz, weil sie zur Überschreitung des engen selbstsüchtigen Horizontes zwingt. Eltern wollen in ihren Kindern fortleben. "Mein Kind soll es einmal besser haben" ist der selbstlose Wunsch guter Eltern.

Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Menschheit die Mittel, sich auszumerzen. Ohne Nachhaltigkeit organisieren wir den Weltuntergang. Von der Renaissance der Familie hängt unser Schicksal ab.

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