Holocaustüberlebende Helene Habermann über Familie und Fleiß

"Ich war 
immer tüchtig"
München 26.04.2018: Portrait von Frau Habermann

Evi Lemberger

Helene Habermann in ihrer Münchener Wohnung

München 26.04.2018: Portrait von Frau Habermann

Sie hat in Hitlers KZs alle ihre Verwandten verloren, trotzdem 
sagt Helene Habermann: 
Viele Menschen haben mir geholfen. Längst ist sie es, die hilft.

"Ich sitze hier", sagt sie mit einem feinen Lächeln auf die Frage, was sie denn ­mache. Umrahmt von ihren temperamentvollen Söhnen Harry und Roman thront sie am Tisch ihrer Münchner Wohnung. Helene Habermann ist eine Dame. 
Elegant, kultiviert, vielsprachig, mit einem treffsicheren Humor und einem charmanten Lächeln, das noch heute Herzen schmelzen lässt. Ihre Schönheit hat dazu beigetragen, dass sie die Barbarei des Dritten Reiches, Ghetto und Arbeitslager überleben konnte. Sie selbst sagt: "Die meisten waren immer gut zu mir." Ein Satz, der einen sprachlos macht.

Helene Habermann ist 1928 in Schlesien, in Oberglogau geboren. Sie ist das einzige Kind des jüdisch-orthodoxen Ehepaars Jehuda und Sara Kornfeld. Der Vater war Textilkaufmann. Ihre Eltern wollten, für die damalige 
Zeit nicht üblich, dass die Tochter später Pharmazie studiert. Aber Helene konnte nur sechs Jahre die Schule besuchen. 1939 musste die ­Familie ins Ghetto Strzemieszyce ziehen. Die elfjährige Helene arbeitete in einer Blech­fabrik. Nebenbei hatte sie Freude daran, im Ghetto kleine Nachrichten und Waren von Haus zu Haus zu tragen. Für die Eltern war das zu gefährlich – das entzückende kleine Mädchen weckte dagegen keinen Verdacht.

Susanne Breit-Keßler

Susanne Breit-Keßler ist Autorin der Webkolumne "Mahlzeit". Viele Jahre schrieb sie die Kolumne "Im Vertrauen" für chrismon. Seit 2000 ist sie Regionalbischöfin des evangelischen Kirchenkreises München-Oberbayern und seit 2003 Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs. Ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie bei der Süddeutschen Zeitung und beim Bayerischen Rundfunk. Mehrere Jahre sprach sie "Das Wort zum Sonntag" in der ARD. Sie war bereits Autorin des chrismon-Vorläufers "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt". Susanne Breit-Keßler ist zudem Vorsitzende des Kuratoriums "7 Wochen Ohne". In der edition chrismon ist von ihr das Buch "Die Ewigkeit ist in mein Herz gelegt" erschienen.  
Monika Höfler

Noch heute lächelt sie ein wenig triumphierend: "Das hat mir gefallen – geheime Botschaften." Niemand hat sie dabei entdeckt. Es stimmte schon damals, was sie heute noch von sich sagt: "Ich war immer sehr fähig. Ich war immer sehr tüchtig." Die kleine Helene hat auch Brot und Geflügelfleisch verteilt, Gaben für die Armen von der Mutter. Die Eltern von Helene Habermann wurden Mitte 1943 nach ­Auschwitz deportiert. Entsetzlich die Erinnerung daran, dass Vater und Mutter nach links "aussortiert" wurden, dorthin, wo die Kandida­ten für das Konzentrationslager standen. Helene musste sich rechts aufstellen. Drei Mal riss sie sich los, um sich in die Arme ihrer Mutter zu flüchten. Drei Mal wurde sie zurückgebracht.

Sie sieht ihre Eltern an diesem Tag zum letzten Mal. Niemand aus ihrer Familie überlebt. Auch die zehn Geschwister der Eltern, ihre ­Kinder und Enkel werden von den Nazis er­mordet. Nur Helene und Cousine Itka bleiben am Leben. Wenn sie davon erzählt, stehen ihr 
kleine Tränen in den Augen. Sie kullern nicht . . .

Alle Kranken werden weggebracht und ermordet

1944 bringen die Nazis Helene zuerst nach Ottmuth, wo sie in einer Schuhfabrik arbeitet. 
Dann kommt sie nach Ludwigsdorf, in das ­Außenlager des KZs Groß-Rosen. Dort muss sie in einer Munitionsfabrik arbeiten, lötet 
Zünder für Bomben. Helene wird krank von 
all dem Gift, mit dem sie in Berührung kommt. 
Auf der Krankenstation wird sie überraschenderweise fürsorglich gepflegt. Sie bekommt von der Küchenchefin zu essen und wird dadurch wieder etwas kräftiger. Als der Besuch der KZ-Leitung Auschwitz bevorsteht, versteckt der behandelnde jüdische Arzt, der ansonsten sehr gefürchtet war, Helene. Er ­rettet ihr damit das Leben. Alle Kranken werden weggebracht und ermordet. Zu nichts mehr nutze. Helene Habermann schaut bewegungslos in die Ferne, als sie davon erzählt.

Ein Jahr später, im Mai 1945, wird Helene wie andere Überlebende von der Roten Armee 
befreit. Die junge Frau lernt Josef Habermann kennen, einen Textilunternehmer, und erklärt sich mit 18 zu seiner Geschäftspartnerin. Die beiden heiraten 1947 und gehen nach München, um dort ein Visum für die USA zu bekommen. Gemeinsam haben sie über 200 Familienmitglieder verloren. Sie sitzen auf gepackten Koffern. Aber das Visum lässt auf sich 
warten. 1948 wird Roman geboren. 1956 kommt 
Sonja zur Welt. Mit zwei kleinen Kindern, sagt Helene Habermann, wollte sie nicht in die neue Welt aufbrechen. Die Habermanns blieben.

Josef Habermann, der während der Nazizeit in Buchenwald und Dormagen furchtbare Grausamkeiten erleben musste, wirft sich mit Verve auf die Gestaltung des neuen Lebens. Einem Rabbiner sagt er: "Nach dem, was ich gesehen habe, sehen Sie mich nicht mehr so, wie Sie mich gekannt haben." ­Helene schämt sich fast, weil es ihr, wie sie sagt, nicht wirklich schlimm ergangen ist. Bis heute schläft sie schlecht – manchmal bleibt sie bis zwei Uhr nachts auf, um zu arbeiten. Dann vergeht die Zeit schneller, sagt sie. Sie führt das jüdisch-orthodoxe Leben fort. Man isst koscher, hält den Schabbat ein und besucht regelmäßig die Synagoge.

"Man soll achten den Menschen. Das geht über 
alles."

Helene Habermann, eine First Lady der Kultusgemeinde, zweifelt nicht an Haschem, dem Gott Israels. Sie versteht nur nach wie vor nicht, "wie man das den Leuten antun konnte, die waren doch damals so anständig, ­korrekt, so ordentlich, so fleißig". Sie, die "immer tüchtig" gewesen ist, arbeitet im Textilunter­nehmen ihres Mannes mit. Sie erzieht die Kinder, zu denen sich inzwischen 1962 noch der Jüngste, Harry, gesellt hat. Sie leitet schließlich die Firma ihres Mannes, kauft außerdem Accessoires ein, passend zur italienischen ­Mode, die ihr Mann vertreibt. Selbstverständlich kümmert sie sich um das Büro.

Helene Habermann hat keine Lust auf Freizeit. Sie engagiert sich in der Israelitischen Kultusgemeinde. Ein Kindergarten muss her. Sie ist bei alldem immer für die eigenen Kinder da. Sie stürmt vom Keller, wo das Büro ist, in die Küche. "Eine schöne Kindheit" haben sie gehabt, sagen die drei Kinder. Die Familie ist eine "unité", eine Einheit. Später ermög­lichen sie gemeinsam durch eine Schenkung die ­Realisierung des "Education Gateway for ­Learning and Reflection", der Bildungsarbeit der Gedenkstätte Yad Vashem.

Helene Habermann sagt: "Das sind nicht einfach sechs Millionen Juden, die man umgebracht hat. Das sind Tanten, Onkel, Schwes
tern, Brüder, Eltern, Kinder. Das soll man nie vergessen, damit so etwas nie wieder passiert. 
Man soll achten den Menschen. Das geht über 
alles." Die Grande Dame, die Musik, Theater 
liebt und alle Namen der Spieler vom FC Bayern kennt, regiert eine Familie. Eine enga­gierte Familie. Mitglieder einer Gesellschaft, die nach all dem Naziterror dankbar dafür sein kann, dass Menschen jüdischen Glaubens wie die Habermanns ihr die Ehre geben. Dieses Jahr war Helene Habermann mit Sohn Harry in Tel Aviv. "Vielleicht ist es besser hier", sagt sie auf einmal. Will sie umziehen? Macht ihr der Antisemitismus zu schaffen? Schade sei es, sagt sie. Sie seien geblieben, als die anderen Holocaustüberlebenden fragten: "Wie kann man nur in diesem Loch Deutschland bleiben?" Aber sie wird es wohl auch diesmal tun – bleiben. "Das ist die 
größte Rache an Hitler", sagt Tochter Sonja zum 90. Geburtstag der Mama. "Alle hat er umgebracht. Und dann kommen diese beiden, die Mama und der Papa, und wir sind schon 
wieder 23."

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