Lernen von der Diakonie: Wie gehe ich mit Demenz um?

"Aber seine Gefühle werden nicht dement"
Lernen von der Diakonie - Besuch bei alten Verwandten

Keith Brofsky/Getty Images

Lernen von der Diakonie - Besuch bei alten Verwandten

Menschen aus der Diakonie helfen weiter. Diesmal: Ein Besuch bei alten Verwandten ist mal wieder dran...

Wenn ich meinen Onkel im Pflegeheim besuche, fragt er jedes Mal nach meiner Mutter. Es ist schrecklich für uns beide, wenn ich dann sage: "Aber Onkel ­Peter, die ist doch vor vier ­Monaten gestorben."

Gabriele Schröder: Müssen Sie das wirklich so direkt sagen? Sie könnten aufnehmen, was er mitteilen will: Wie schön, dass wir beide so viel an sie denken.

Die Gespräche sind so anstrengend: Er fragt und vergisst ­meine Antworten gleich wieder.

Gabriele Schröder

Gabriele Schröder leitet die Hamburger Angehörigenschule. Hier finden Angehörige Hilfe, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause versorgen. Pro Jahr berät Gabriele Schröder mit ihrem Team mehrere Tausend Menschen. Die Angehörigenschule ist eine Einrichtung der Diakonie Hamburg und bietet in ganz Hamburg ein großes und vielfältiges Kursangebot. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Valeska Achenbach

Es gibt kein Patentrezept. Ver­suchen Sie, ihn ins Erzählen zu bringen. Wo hat er Ihre Mutter kennengelernt? Gut ist auch, wenn Sie mit ihm in Bewegung kommen. Spazieren gehen zum Beispiel.

Neulich hat er die ganze Zeit ­geschimpft, dass ihn niemand besucht – obwohl wirklich täglich jemand bei ihm ist. Da bin ich  echt sauer geworden. 

Natürlich sind Sie das, aber muss er das mitbekommen?  Sie sind ja auch traurig darüber, dass sich Ihr Onkel verändert hat. Und wenn Sie doch mal vor ihm schimpfen: Seine Gefühle werden nicht dement. Sie können sich bei ihm entschuldigen, selbst wenn er auch das gleich vergisst.

Einmal habe ich ihm ein Foto von seiner Frau und mir gezeigt. Er hat sie nicht erkannt. Das war ein Schock!

Es ist wichtig, dass Sie ihm keine Quizfragen stellen: Erkennst du die Frau auf dem Foto? Er will sich ja keine Blöße geben. Also muss er sich schlaue Strategien ausdenken, weil er die Fassade wahren  will. Demenz ist sehr anstrengend. Für Sie, aber auch für Ihren Onkel.  

Als ich ihm einen Rosenstrauß mitgebracht habe, hat er die Köpfe abgerupft und den Rest umgekehrt in die Vase gestopft. 

Versuchen Sie, den kleinen Moment der Freude bei ihm zu er­kennen. Auch hier könnten Sie das Thema aufnehmen: "Du hast doch Blumen immer geliebt." Und schon sind Sie weg von dem Strauß und Ihren verletzten Gefühlen.

Manchmal kann ich nicht kommen, dann rufe ich ihn an – aber das geht fast gar nicht mehr.

Telefonieren ist schwierig, Menschen mit Demenz brauchen eine Eins-zu-eins-Zuwendung. Geschirr abwaschen oder auf dem Handy rumklicken und sich dabei mit dem Onkel unterhalten – da kann er nicht mehr folgen. Kommen Sie lieber seltener, aber dann wirklich konzentriert auf ihn.

Leseempfehlung

Nein, das ist kein Ausflug. Vati muss ins Pflegeheim. Turbo-Alzheimer.
Eine Alzheimer­diagnose kann einen aus der Bahn werfen. Christa C. lernt, sich richtig in die Kurve zu legen
Wenn Renate Messerschmidt ihren Mann im Pflegeheim besucht, sitzt da eine andere und streichelt ihn
Alzheimer-Gedenktag in dieser Woche: Eine chrismon-Reportage aus aktuellem Anlass

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.