Lernen von der Diakonie: Zuhören

"Vielleicht muss die Freundin erst mal Dampf ablassen"
Menschen aus der Diakonie helfen weiter. Diesmal: die Telefon­seelsorgerin. Gute Ratschläge, sagt sie, braucht keiner.

Alle paar Wochen ruft meine Freundin an, weint und schimpft über ihren Mann. Ich sage immer wieder, dass sie eine Paarberatung machen sollen, aber es passiert nichts.

Bettina Tarmann: Weil Ihre Freundin noch nicht an dem Punkt ist, dass sie etwas ändern kann. Ihre Vorschläge erreichen sie deshalb nicht.

Aber wenn sie anruft, will sie doch, dass ich ihr helfe!

Nicht unbedingt. Versuchen Sie, herauszufinden, was sie wirklich braucht in diesem Moment. Hören Sie mal genau hin.

Ich höre, dass sie sich in Rage redet. Ich sage: Beruhige dich doch.

Vielleicht braucht sie erst mal genau das: dass sie Dampf ablassen kann. Unzensiert schimpfen und klagen darf. Gestehen Sie ihr das zu, warten Sie ab. Oft kann man danach gut reden.

Sie sieht immer das Schlechte. Ich sage: Denk doch dran, was er für ein guter Vater ist.

Wahrscheinlich beharrrt sie dann erst recht darauf, wie schwer sie es mit ihm hat. Weil sie das Gefühl hat, Sie verstehen ihr Problem nicht.

Ehrlich gesagt, manchmal tue ich das auch nicht . . .

Das müssen Sie auch nicht, um mit ihr mitzufühlen. Sie können sie am Telefon ja leider nicht in den Arm nehmen, aber so was sagen wie: Ich spüre, wie dich das runterzieht.

Dann sind wir beide deprimiert!

. . . und einander nah, und Sie können sie deshalb erreichen. Nicht mit Ratschlägen, aber mit Fragen wie: Wann warst du eigentlich das letzte Mal richtig verliebt in ihn? So kann sie neben ihrer Traurigkeit auch das Schöne wieder sehen.

Aber dann geht sie erst recht nicht zur Eheberatung. Und alles bleibt beim Alten.

Vielleicht. Und das ist allein die Entscheidung Ihrer Freundin. Jeder Mensch hat seine eigene innere Logik, seine eigenen Ressourcen und sein eigenes Tempo. Das muss man akzeptieren.

Geht es Ihnen als Telefonseelsorgerin auch manchmal so?

Ich hatte mal eine Frau am Telefon, die wurde von ihrem Mann misshandelt. Ich hätte am liebsten nur gesagt: Packen Sie Ihre Sachen! Aber ich merkte, das konnte sie noch nicht. Das war schwer aus­­zuhalten. Meine Aufgabe ist dann, ­herauszufinden, zu welchen Schritten jemand selbst bereit ist. Denn nur diese wird er auch gehen.

Infobox

Die Telefon-Seelsorge ist bundesweit unter der Nummer 0800-1110111 Tag und Nacht erreichbar. 7500 Ehrenamtliche, sorgfältig ausgebildet und begleitet, führen die Gespräche.

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