E-Mail aus Stockholm

Angst vor dem 18. Geburtstag
Flüchtlinge demonstrieren im letzten Sommer gegen die schwedische Abschiebepolitik

Ake Ericson/Redux/laif

Flüchtlinge demonstrieren in Stockholm im Sommer 2017 gegen die schwedische Abschiebepolitik

8/20/2017.Stockholm, Sweden. Led by Fatemeh Khavari, refugees and their supporters have been holding a sit-down strike in Stockholm for over a two weeks, protesting deportations to Afghanistan. Defiant, the youngsters insisted that violence and intimidation would not deter them from their goal of convincing Sweden to halt deportations to Afghanistan, which the youths say is still plagued by violence and insecurity.

In Schweden müssen jugendliche Asylsuchende zum Arzt, wenn man ihnen ihr Alter nicht glaubt. Eine Lehrerin berichtet

Ich gebe seit einiger Zeit jugendlichen Migranten Schwedisch­unterricht. Die meisten sind Afghanen und kamen im Sommer 2015 hierher. Damals wurden sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge noch mit offenen Armen empfangen. In der Zwischenzeit hat Schweden einen Kurswechsel in der Asylpolitik vollzogen. Meine Schüler warten zum Teil immer noch auf einen ­
Bescheid, ob sie im Land bleiben ­dürfen oder nicht. Das ist nerven­zehrend und wird besonders bedrohlich, wenn sich ihr 18. Geburtstag nähert.

Sylvia Vonwirth Kauffner

Sylvia Vonwirth 
Kauffner ist Leh­rerin in Stockholm.
Privat

Bis dahin sind Jugendliche ­
in betreuten Gemeinschaftsunterkünften oder in Familien untergebracht, ein Vormund hilft ihnen unter anderem beim Asylantrag und bei Behördenkontakten. Mit der Volljährigkeit ändert sich ihre Lage völlig. Sie verlieren ihren Wohnplatz von heute auf morgen, man weist ihnen eine Unterkunft in anderen Landesteilen zu. Viele aber wollen die vertraute Umgebung nicht verlassen und landen auf der Straße. Wird ihr Asylantrag abgewiesen, wird der Abschiebeprozess schnell eingeleitet. Sie sind völlig allein auf sich gestellt.

Seit Herbst 2017 müssen ­­
meine Schüler zu medizinischen Unter­suchungen, bei denen ihre Alters­angaben überprüft werden. Auch ich als Lehrerin muss manchmal be­stätigen, dass Schüler X wie ein 17-Jähriger denkt und handelt. Wenn die Behörde dann beschließt, dass er doch schon älter ist, geht alles sehr schnell. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mich an einem Freitag­nachmittag ein verzweifelter Jugend-
licher anruft und fragt, ob ich nicht vielleicht ein Zimmer für ihn habe.

Infobox

Sylvia Vonwirth verfasste zusammen mit der Diakonin der deutschsprachigen Gemeinde in Stockholm einen längeren Beitrag zu diesen Thema, der im Gemeindeblatt 1/2018 erschienen ist. Zu finden auf der Homepage der Gemeinde.

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