E-Mail aus... Kairo von Martin Gehlen über lähmende Zustände

Friedhofsruhe
Posteingang - Kairo

Reuters/Amr Abdallah Dalsh

Rückzug ins Private. Auf dem Plakat: Diktator al-Sisi mit Vorgängern Sadat und Nasser

People walk in front of a picture for Egypt's President Abdel Fattah al-Sisi with former presidents Gamal Abdel Nasser and Anwar Sadat at Al Shohadaa "Martyrs" metro station, formerly know as "Mubarak", in Cairo, Egypt July 24, 2017. REUTERS/Amr Abdallah Dalsh

Von der hoffnungsvollen Revolution in die Diktatur. Korrespondent Martin Gehlen über lähmende Zustände in Kairo

Auf dem Tahrir-Platz feierten die Bewohner Kairos 2011 die erste Revolution seit den Pharaonen. Die Bilder des Arabischen Frühlings zogen die Menschen überall auf der Welt in ihren Bann. Kairo wurde zur Drehscheibe der Hoffnung. Gut sechs Jahre später ist nichts davon geblieben. Die Menschen sind stumm und verängstigt. Die warmen Nächte verbringen sie zwar zwischen fliegenden Tee- und Cola-Verkäufern auf den Nilbrücken. Aber politisch ­haben sie sich wieder verkrochen in die Welt von Twitter und Facebook.

Politisch herrscht Friedhofsruhe. Mehr als 60­ 00 Menschen sind hinter Gittern, Hunderte Aktivisten spurlos in den Fängen des Geheimdienstes verschwunden. Und ein neues Gesetz, das die Arbeit von Nichtregierungs­organisationen einschränkt, wird ­auch noch die Reste der Zivilgesellschaft ersticken.

Die Brutalität der Folter nimmt zu

Selbst das renommierte „Nadeem-Zentrum zur Behandlung von Opfern von Gewalt und Folter“, die einzige Hilfsadresse für Misshandelte im ganzen Land, wurde zum Aufgeben ­gezwungen. Seit der Gründung habe es in Ägypten noch nie solche Zustände gegeben, beklagt ­Nadeem-Mitbegründerin Aida Seif al Dawla beim Gespräch in ihrer Wohnung. Die Brutalität der Folter habe extrem zugenommen. In den Gefängnissen gebe es „exzessive sexuelle Gewalt“ – gegen Frauen und Männer gleichermaßen. Die heutigen Staatsschläger agierten ohne jede Skrupel und Gewissensbisse. Sie würden sich ganz offen mit ihren Untaten brüsten – getragen von einem durch Medien und Regime aufgehetzten öffentlichen Klima, sagt die Medizinprofessorin, die Psychiatrie an der Ain-Shams-Universität lehrt. „Wir werden euch die Luft zum Atmen nehmen“, habe ein Regierungsmitglied kürzlich zu ihr gesagt. „Und das ist das, was sie tun.“

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