Stanislaw Petrow ist gestorben - er verhinderte einen Atomkrieg

Der Mann, der die Welt rettete
Die Entscheidung - Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow

Marco Wagner

1983 meldete ein sowjetisches Überwachungssystem den Angriff amerikanischer Atomraketen. Der diensthabende Offizier, Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, reagierte besonnen – und verhinderte womöglich einen Atomkrieg

„Start“ – knallrot leuchtet es unvermittelt auf der großen Wand gegenüber auf. Sirenen beginnen zu heulen. Es ist 0.15 Uhr am 26. September 1983. Stanislaw Petrow weiß, dass ihm nur wenige Minuten bleiben. Die acht anderen Männer im Kontrollraum der Militärbasis Serpuchow-15 sehen ihn an. Er muss entscheiden, ob es sich um einen feindlichen Angriff handelt. Petrow ist Oberstleutnant der sowjetischen Luftwaffe und diensthabender Leiter einer Satellitenüberwachungsanlage, knapp 90 Kilometer südlich von Moskau. In dieser Nacht meldet das System den Start amerikanischer Atomraketen. Die sowjetische Führung hätte dann etwa eine Viertelstunde Zeit, einen Gegenschlag zu befehlen. Die Folgen: Atomkrieg, Millionen Tote, auf Jahrhunderte verstrahlte Landstriche.

Petrow steht vor einem Dilemma: Das System meldet mit höchster Wahrscheinlichkeit einen Angriff. Doch die visuelle Überwachung zeigt nichts an. Keines der Systeme hatte sich bislang geirrt. Andererseits befindet sich die Malmstrom Air Force Base in Montana, von der der Abschuss gemeldet wurde, gerade auf der Tag- und Nachtgrenze. Aber ein Angriff mit nur einer Rakete? „Unsinn!“, denkt Petrow.

"Das Warten war furchtbar"

Dann, zwei Minuten nach der Meldung, greift er zum Hörer, ruft das Führungskommando an und meldet: Fehlalarm! Noch während er am Telefon ist, registriert das System vier weitere Raketenstarts. Petrow bleibt bei seiner Einschätzung. Etwa 23 Minuten dauert es bis er Gewissheit hat: Das Radar hat keine Rakete erfasst. Kein Einschlag. „Das Warten war furchtbar. Aber als die Zeit verstrich und nichts zu sehen war, fiel eine unglaublich schwere Last von mir ab“, sagte Petrow 2012 der Zeitung „Die Welt“. Später stellt sich heraus, dass ein Satellit ungünstige Reflektionen über der amerikanischen Militärbasis als Raketenabschuss eingestuft hatte.

Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow wächst in einer Welt auf, die nur zwei Seiten kennt: den kapitalistischen Westen und den kommunistischen Osten, Erzfeinde im Kalten Krieg– im Zaum gehalten durch das nukleare Arsenal des jeweils anderen. Petrow, am 7. September 1939 geboren, kommt in jungen Jahren zum Militär, arbeitet als Ingenieur und Systemanalytiker. Das Satellitensystem „Oko“, das den Start der Raketen meldet, hat er mit entwickelt.

Wie knapp ein Atomkrieg wirklich bevorstand, wird nie ganz klar sein. Petrow selbst hätte den Gegenschlag nicht befehlen können. Was die Situation heikel macht, sind die Umstände des Jahres 1983. In Folge des Nato-Doppelbeschlusses hatte das Verteidigungsbündnis Pershing-II-Raketen in Westeuropa stationiert. Der Abschuss der Passagiermaschine Korean-Air-Lines 007 mit 269 Toten durch die Sowjetunion am 1. September bewog US-Präsident Ronald Reagan zur Aussage, die UdSSR sei ein „Reich des Bösen“. Parallel plante die Nato die gewaltige Militärübung „Able Archer“. Für Moskau ein Zeichen, dass der Westen sich auf den Erstschlag vorbereitete.

"Ich bin kein Held"

Man hätte es Petrow kaum verdenken können, wenn er zum Gegenschlag geraten hätte. Jahre später erzählt er, dass er sich nicht vollständig sicher war. Er sei seiner Erfahrung und seinem Instinkt gefolgt. Der Instinkt kann trügen, aber Petrow hat die Kommandokette rechtzeitig unterbrochen, bevor sich die Nervosität mit mehr involvierten Personen hochschaukeln konnte.

Zehn Jahre lang erfährt niemand von den Ereignissen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, Ende 1992, berichtet Generaloberst Jurij Wotinzew in der Zeitung „Prawda“ von jener Nacht. Petrow wird im Westen mit Auszeichnungen überhäuft – mit dem „World Citizens Award“, dem „Deutschen Medienpreis 2011“ und dem „Dresden Preis 2013“. In seiner Heimat erfuhr er kaum Anerkennung und lebte bis zu seinem Tod am 19. Mai 2017 in einer kleinen Wohnung in Frjasino nahe Moskau. „Ich bin kein Held“, betonte Petrow bis zuletzt, er habe nur seine Arbeit gemacht. „Aber sie hatten Glück, dass ich an diesem Abend Schicht hatte.“

Information

Die Dokumentation „The man who saved the world“ (2014) vom dänischen Peter Anthony Regisseur porträtiert Stanislaw Petrow. Während einer Reise in die USA trifft er auf die Schauspieler Kevin Costner und Robert de Niro, um seine Geschichte zu erzählen. Die Autorin, Journalistin und Filmemacherin Ingeborg Jacobs hat über ihn das Buch „Stanislaw Petrow: Der Mann, der den Atomkrieg verhinderte“ geschrieben. Es ist 2015 im Westend Verlag erschienen.

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Lesermeinungen

Autor Güthlein erweckt in seinem Artikel bewusst oder aus erschreckender Unwissenheit heraus den Eindruck, die Nato habe die Sowjetunion im Kalten Krieg militärisch bedroht. Das darf nicht unwidersprochen bleiben, wenn es evangelischen Christen ernst damit ist, auf Basis einer ehrlichen und objektiven historischen Aufarbeitung vergangener Konflikte für die Erhaltung von Frieden und Freiheit in der Zukunft zu lernen. Die Nato war und ist ein politisches Werte- und Defensivbündnis souveräner, freiheitlich-demokratischer Staaten. Ihre Strategie diente immer der Kriegsverhinderung. Der Warschauer Pakt (WP) war dagegen ein reines Militärbündnis unfreier und undemokratischer Satellitenstaaten unter zentraler Führung durch die Sowjetunion. Seine Strategie diente der Kriegsführung zur Verbreitung der kommunistischen Ideologie im Sinne der angestrebten „Weltrevolution“. Nato-Angriffspläne auf das Territorium des WP hat es nie gegeben, wohingegen die Angriffspläne des WP zur Eroberung Westeuropas unter sowjetischer Führung aus den 80er-Jahren schwarz auf weiß vorliegen. Die erwähnte Stationierung der Pershing II-Raketen der Nato 1983 war eine Defensivreaktion auf die nukleare Bedrohung durch sowjetische SS-20-Raketen, die schon seit 1976, also schon sieben Jahre vorher, bestand. Nato-Verteidigungsübungen wie die erwähnte „Able Archer“ fanden einmal im Jahr größtenteils auf dem Papier statt während die Streitkräfte des WP über Jahrzehnte jeden Tag mit 90%iger Kampfbereitschaft aufmunitioniert in ihren Kasernen saßen. Und das US-Präsident Reagan die totalitäre Diktatur Sowjetunion nach Millionen Gulag-Toten und mehreren blutig niedergewalzten Volksaufständen als „Reich des Bösen“ bezeichnete, war wohl kaum übertrieben. Das alles sind wenige aber entscheidende historische Fakten, die im Artikel hätten Erwähnung finden müssen, weil er nur so einen Sinn bekommt. Denn der sowjetische Oberstleutnant Petrow hat die Welt nicht gerettet, weil er – eben völlig zu Recht – an der Möglichkeit eines nuklearen Erstschlags durch die Nato gezweifelt hat, sondern weil er seiner russischen Technik misstraute. Und das ist ein entscheidender Unterschied.

Mit freundlichen Grüßen

Stefan Messner

Danke, dass sie diese Person noch einmal in Erinnerung gerufen haben.
Ergänzend möchte ich anfügen, dass Andropow, der damalige Präsident der UDSSR - ebenso wie Reagan - von einem Erstschlag der Gegenseite ausging und das Zeitfenster der Entscheidung für einen atomaren Gegenangriff extrem kurz war.

Warum dieser Mensch S.J.Petrow nicht den Friedens-Friedens-Nobelpreis erhielt ist mir daher unbegreiflich.

Ebenso unbegreiflich ist mir, warum meine Generation, die jetzt die politische Verantwortung innehat, diese Illusion der Abschreckung vergessen hat oder will.
Die Friedensbewegung der Reagan-Ära bleibt daher für mich die historisch herausragende Leistung, die (auch) von deutschem Boden ausging.
Das diffus-unheimliche Gefühl der Vernichtung habe ich jetzt wieder im Nordkorea-Konflikt.
Und diesmal geht keiner auf die Straße.