Wladimir Kaminer über Superheroes

Ein gutes Herz und starke Muckis
Miss Fit und Hip Hop Trooper

Superhelden, unterwegs zum "Project Hope". Sie treffen sich in San Diego, um Essen und Kleidung an Obdachlose zu verteilen

Verena Brandt/Verena Brandt

Sie tun Gutes, bekämpfen Böses und können fliegen. Aber warum erfanden die Amerikaner Superhelden? Und was hatten die Sowjets damit zu tun?
Die gute Nachricht: Sie sind unter uns! Die schlechte: Sie sind nicht immer so einfach zu erkennen wie Spiderman, der auf dem Bild gerade Mittagspause macht. Nicht jeder Superheld steckt in einem Kostüm, schwingt sich an Spinnenfäden durch die Lüfte und jagt Superschurken. Die meisten sitzen wohl eher in Pflegeheimen, U-Bahnen oder neben uns auf der Parkbank, tragen Kittel, Uniformen und Norwegerpullis.

Wenn Menschen auf Erden sich überfordert fühlen und nicht mehr weiterwissen, suchen sie im Fliegen nach einer Rechtfertigung für ihr irdisches Scheitern. Der Flug ist in diesem Fall eine typische Übersprunghandlung. Wenn ein Hühnchen im Hühnerstall nicht weiß, wie es seine Küken vor einem Fuchs schützen kann, fängt es an, sich das Gefieder zu putzen. Ein junger Hirsch, der einsieht, dass er keine Chance gegen einen kräftigeren Gegner hat, küsst einen Baum, Hunde gähnen und Menschen fliegen.

Die amerikanischen Superhelden sind meiner Meinung nach aus diesem Grund entstanden. Sie wurden als Priester des Fortschritts geboren, durch ein Wunder geläutert und mit einem nachvollziehbaren moralischen Auftrag losgeschickt: Gutes tun, Böses bekämpfen, Schwachen helfen, Starke demütigen. Außerdem trugen sie die Botschaft, jeder kann ein Held werden.

Captain America, einer der ersten Superhelden, war ein unterernährter Junge, „ein Lauch“, wie mein Sohn heute sagen würde. Sogar die US-Armee wollte ihn nicht haben. In der Sowjetunion, nebenbei gesagt, wäre so ein Unglück dem Captain nicht passiert. Bei uns trainierte jeder Jungpionier im Rahmen des GTO, auf Deutsch im „BAH“-Programm: „Bereit zur Arbeit und Heimatverteidigung“. Und jeder wurde in die Armee eingezogen, ob mit oder ohne Muckis. Captain America wäre bei uns nicht Lauch geblieben, er hätte springen, schwimmen und kämpfen gelernt und wäre später möglicherweise Kosmonaut geworden. In Amerika wuchsen seine Fähigkeiten und seine Muskeln, weil ihm ein kapitalistisches Unternehmen ein Serum verabreichte. Andere amerikanische Helden verdanken ihre Fähigkeiten entweder ihrem außerirdischen Ursprung (Superman) oder dem technischen Fortschritt (Batman) oder einer genetischen Manipulation (Spiderman).

Jurij Gagarin war wirklich überall

Die sozialistischen Superhelden waren dagegen allesamt durch harte Arbeit und Staatspropaganda Helden geworden, sie waren auch, anders als in Amerika, reale Personen: Der Flieger Meresjew, der ohne Beine erfolgreich Einsätze gegen die Nazis flog, oder Jurij Gagarin, der erste Mensch im Weltall. Gagarin hatte ein breites amerikanisches Grinsen, er lächelte die Welt von überall her an, auf Postkarten, Briefmarken, Zeitungsseiten und Kunstfotos. Eine bekannte Proktologin erzählte mir, dass sie einmal im Krankenhaus einem mit starken Schmerzen eingelieferten Patienten mithilfe eines Vergrößerungsglases in den Hintern geschaut und sogar dort Gagarin erblickt hatte. Er lächelte ihr freundlich aus dem Patienten zu. Schuld daran war eine kleine grüne Rakete aus Plastik mit einem Gagarin-Dia in der Mitte, in jedem Haushalt stand sie auf dem Regal. Sie war wie geschaffen für Leute, die sich manchmal zur Entspannung irgendwelche Dinge in den Hintern steckten. Die Rakete hatte einen kleinen Ring hinten dran, wenn er abbrach, konnte nur der Arzt Gagarin wieder rausziehen. Er war also wirklich überall.

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer hatte früher oft ein Kribbeln im Rücken und träumte vom Fliegen. Nachdem seine Frau eine Kratzbürste gekauft hatte, legte sich das aber. Auf dem Evangelischen Kirchentag diskutiert Kaminer mit dem Filmkritiker Georg Seeßlen über „The First Avenger: Civil War“, 25. Mai, 11 bis 13 Uhr, Kosmos in Berlin-Friedrichshain

Der zweite wichtige Grund für die Entstehung der Helden war der amerikanische kapitalistische Traum (vom Tellerwäscher zum Millionär), der dem kommunistischen Traum (vom Pionier zum Milizionär) hoffnungslos unterlegen war. Wie viele Leute in Übersee müssen sich gefragt haben, wie viele Teller sie eigentlich abwaschen mussten, um endlich Millionär zu werden? Sie suchten nach einer Abkürzung auf dem Pfad des Glücks. Eine perfekte Superheldengeschichte sieht so aus: Der Tellerwäscher wird von einer Spinne gebissen, von einem Blitz getroffen, er stolpert über einen Stein oder er fällt in eine Grube und entwickelt plötzlich übernatürliche Fähigkeiten, freut sich und will sofort Schurken suchen, also losfliegen, um die Welt vor ihnen zu retten.

"Menschen zu lieben ist besser, als Staaten zu lieben"

Sowjetische Menschen mussten in keine Grube fallen, um ihrem Traum näher zu kommen, nichts tun reichte aus. Das kapitalistische Hamsterrad braucht dagegen ständig neue Patrioten. Um ihre Phalanx zu stärken, wurden solche Helden wie Captain America geboren. Seinetwegen musste übrigens ein Freund von mir, ein Professor für Linguistik, neulich New York verlassen. Jeden Tag brachte sein zehnjähriger Sohn Captain-America-Comics von der Schule nach Hause. Der Papa hatte sich anfangs nichts Schlimmes dabei gedacht. Dann kamen die Plastikfiguren, die Filme, eine amerikanische Fahne an der Wand im Kinderzimmer, irgendwann schaute der Sohn den Vater an und fragte sich, wie kann er Professor sein, wenn er nicht einmal weiß, wie viele Sterne die amerikanische Flagge hat. Dieses wertvolle Wissen besaß der Professor tatsächlich nicht. Ihm wurde klar, sein Sohn war in einer Patriotenschmiede gelandet. „Sicher darf man das eine oder andere Land loben, zum Lieben sind die Staaten jedoch schlecht geeignet. Menschen zu lieben ist besser“, versuchte er den Jungen aufzuklären. „Patriotismus ist die Wahrheit der Schurken!“ Er hat schnell begriffen, dass er gegen Captain America keine Chance hatte. Die Familie packte ihre Koffer und zog nach Heidelberg. Dort hält sich die patriotische Erziehung in Grenzen.

Ein dritter Grund für die Entstehung der Superhelden war die Angst vor einem Atomkrieg. Die Menschheit stand nahe am Rande dieses Abgrunds und wusste nicht, ob da noch jemand herauskrabbeln würde, sollte sie da runterfallen. Wird es Überlebende geben? Werden sie vielleicht übernatürliche Fähigkeiten besitzen? Werden sie Helden sein? Werden sie strahlen?

Fotografin Verena Brandt spricht über ihr Projekt "Superheroize Me"

Die Gefahr eines Atomkrieges wurde zwar vorübergehend verschoben, der Hauptgegner, die Sowjetunion, gab unter ökonomischem Druck auf und ging unter, die Probleme der Welt sind dadurch aber nur noch ­größer geworden. Können uns heute die Superhelden helfen? Mit dem Ende des Kalten Krieges wirken sie, als wären sie arbeitslos geworden. Ab und zu werden in den neuen Superheldenfilmen noch alte Schurkenbestände in irgendwelchen sibirischen Geheim­labors aufgetaut, bei den meisten ist jedoch das Verfallsdatum längst überschritten, sie können kaum laufen. Andere wollen nicht kämpfen und fallen von alleine um.

Wenn Putin, Trump und Erdogan zusammen in den Weltraum fliegen, ist endlich Ruhe im Karton

Heute scheint die Welt vor einer neuen Sackgasse zu stehen oder in ­eine noch tiefere Grube zu fallen, schon ist die Lust am Fliegen wieder da. Das russische Staatsinstitut für Weltraumforschung hat kürzlich eine landesweite Ausschreibung veröffentlicht, es werden neue Kosmonauten gesucht. Sie sollen eine gute physische Form haben und müssen Flugerfahrung besitzen. Das ganze Volk schaut nach oben und hofft leise, ob vielleicht Putin fliegt? Genug Flugerfahrung hat er, der Mann hat schon alles mögliche geflogen, er ist sogar mit den Kranichen als Leitvogel verkleidet geflogen. Und sein irdischer Job wird mit den Jahren nicht leichter. Putin wird permanent von der westlichen Presse als der mächtigste Mann der Welt hingestellt, der neue CNN-Film über ihn heißt auch so: „The Most Powerful Man in the World“. Dabei ist nächstes Jahr in Russland Wahljahr. Gegen wen soll der mächtigste Mann antreten?

Alle seine Gegner sind entweder vorbestraft oder außer Landes, es gibt nicht einmal einen Kranich, der sich traut, ihm zu widersprechen. Vom mächtigsten Mann der Erde zurück zum russischen Präsidenten – das wäre ein Karriereknick. Die einzige Steigerung könnte im Weltraum liegen: Als „The Most Powerful Man in Space“ könnte Putin der erste Politiker sein, der eine aktive Vertretung der irdischen Interessen im Weltall betreibt. Er könnte den türkischen Präsidenten Erdogan als Copiloten mitnehmen und den amerikanischen Präsidenten Trump als Maschineningenieur, der würde zu einem solchen Flug sicher nicht Nein sagen. Dann wäre hier auf Erden endlich Ruhe im Karton.

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Sie heißen Mr. Xtreme, Nightbug und Grim - gemeinsam formen sie die Xtreme-Justice-League, eine Gruppe von "Superhelden", die in San Diego Gutes tun. Die Berliner Fotografin Verena Brandt ist ihnen begegnet
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Lesermeinungen

Danke an die Chrismon-Redaktion für den sehr beeindruckenden Artikel über die "amerikanischen Superhelden".

Die anschließende Betrachtung von W. Kaminer : ebenfalls sehr lesenswert.

Allerdings muss ich hier als " bekennender Christ" , der auch mal in mehreren Jahren beruflicher Tätigkeit in arabischen Ländern viele Moslems als "Freunde" kennenlernte, eine sehr deutliche Korrektur anmelden: Putin , Trump und Erdogan in einen Topf zu schmeißen ist leichtsinnig und voll daneben. 

In Putins Russland werden die "wahren christlichen Werte" sehr viel höher gehalten als bei uns.

Erwin Chudaska

 

Vielen Dank für diesen Artikel; also für ein Thema, dass man früher als „Schundliteratur“ bezeichnet hätte.

Für mich gibt es zwei Phasen des amerikanischen Helden :

Nach 45, vor dem Vietnamkrieg : Der äußere Kampf in einer Gemeinschaft – Der Wiederaufbau von Heimat
Der Held öffnet ein Fenster oder eine Tür, sieht hoffnungsvoll das weite Land, erobert und kämpft in einer Gruppe gegen vermeintliche Feinde, gründet Heimat und wird mit einer gesellschaftlich anerkannten Position (incl. einer Frau) belohnt .
Die Blaupause für "alle" : John Wayne

Nach dem Vietnamkrieg : Der innere Kampf gegen sich - die beschädigte Identität
Der Held ist traumatisiert ( z.B. Batman) und wird von der Gesellschaft ausgestoßen
(z.B. X-men). In seiner Reise wird er auf Momente tiefster Verzweiflung und Einsamkeit zurückgeworfen. Er überwindet diese innere Hölle, opfert sich für die Gemeinschaft und verzichtet auf ein ziviles Leben. Seine Desillusionierung über die Menschen und die Welt wandelt sich in eine oft spirituelle Einstellung gegenüber dem Leben.
Den filmischen Wandel markiert u.a. ein depressiv-drogenabhängiger "Superman 2" Anfang der 80-iger von Lester/Donner.