Chefin des Ravensburger Otto Maier-Verlags

"Eine Frau kann das auch"
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Anja Koehler/andereart.de

In den Verlagen arbeiten viele Frauen – nur selten an der Spitze. Dorothee Hess-Maier leitete viele Jahre den Ravensburger Otto Maier-Verlag
Deutschland spricht 2019

chrismon: Sie sind vor kurzem 80 geworden. Und immer noch im Dienst?

Dorothee Hess-Maier: Da ich noch einige Aufgaben als Gesellschafterin der Ravensburger AG habe und die Stiftung Ravensburger Verlag begleite, gehe ich regelmäßig ins Büro. Mit 80 ist man ja geneigt, zu sagen: „Ach, heute bleibe ich mal zu Hause.“ Ich gehe trotzdem. Ohne Regelmäßigkeit kommt man leicht ins Schleudern.

Dorothee Hess-Maier

Dorothee Hess-Maier ist eine der großen Verlegerpersönlichkeiten in Deutschland und war die erste Frau an der Spitze des Börsenvereins. Als Enkelin des Gründers Otto Maier durchlief sie alle Bereiche des Ravensburger Buchverlags: Buchhandel, Vertrieb, Werbung, Lektorat, Verlagsleitung, Geschäftsführung, Vorstand. Im Jahr 2000 wechselte sie in den Aufsichtsrat und hat die Aufgaben für die Stiftung Ravensburger Verlag übernommen. 

Ihr Großvater, der Buchhändler Otto Maier, hat 1883 den gleichnamigen Verlag gegründet. Was für ein Mensch war er?

Ich kenne nur Familienerzählungen über ihn. Er war ein strenger Vater von drei Söhnen, deren Erziehung und Bildung ihm sehr am Herzen lag. Ein praktizierender evangelischer Christ, vom Pietismus geprägt, ein musischer Mensch, der viel zeichnete und einiges davon in seinen frühen Verlagsprogrammen umsetzte.

Otto Maier hat Bücher und Spiele für Kinder, Jugendliche und Familien verlegt. Warum ist das bis heute erfolgreich?

Erst waren es Bildungsspiele: Kinder sollten spielen und etwas dabei lernen. Das ist auch heute wieder gefragt und prägt unsere Bücher, Spiele und Beschäftigungsmaterialien. Eltern schätzen wohl den pädagogischen Zeigefinger, der bei Unterhaltung und Spaß zum Vorschein kommt.

Warum sind Sie in das Familienunternehmen damals eingestiegen?

Als die Familie mich gefragt hat, hatte ich nicht viele Bedenken. Im Grunde wusste ich noch nicht, was ich wollte.

Sie sind eine der wenigen Frauen an der Spitze eines Verlages. Wie haben Sie das über Jahre geschafft?

Frauen an der Spitze eines deutschen Verlages gab es schon einige. Ich war ja nur am Ende meiner beruflichen Entwicklung an der Spitze. Davor war ich bemüht, dass meine Leistung anerkannt wird. Nicht weil ich zur Familie gehöre, sondern weil ich ordentlich arbeiten kann und etwas im Kopf habe. In meiner Generation wurde immer noch Männern mehr zugetraut als Frauen. Da musste ich zeigen: Eine Frau kann das auch.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Männern erlebt?

Meistens habe ich den Männern den Vortritt gelassen und mich eher im Hintergrund gehalten. Ansonsten gab es nie Rangeleien wegen Mann und Frau. Es war alles sehr kollegial. Mit meinem Vetter in der Geschäftsführung war es völlig klar, dass er im Unternehmen an der Spitze steht. Wir arbeiteten mit gegenseitiger Akzeptanz und ergänzten einander mit unseren Fähigkeiten. Nie spielte eine Mann-oder-Frau-Frage eine Rolle.

"Onkel Karl lehnte Monopoly ab, weil es Kinder zu Raffgier erziehe"

In Verlagen arbeiten sehr viele Frauen, aber nur wenige ganz oben. Warum?

Das ändert sich zurzeit, sowohl im Haus Ravensburger als auch in Banken und Industrieunternehmen, auch in unserer Branche der Verlage und Buchhandlungen. Dort sind jetzt viele Frauen in der Verbandsarbeit und in den Schlüsselfunktionen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

Sie waren von 1989 bis 1992 nach 164 Jahren als erste Frau Vorsteherin des Börsenvereins.

Ich war seit 1981 in der Verbandsarbeit tätig, dann im Vorstand des Börsenvereins, hatte also Erfahrung gesammelt. Als mir das Vor- steheramt angetragen wurde, habe ich zunächst einmal abgewehrt. Es stellte sich aber niemand sonst zur Wahl.

Ab 1999 schrieb die Ravensburger AG rote Zahlen. Da waren Sie im Vorstand des Verlags.

Ja, nicht allein. Es bestand ein gutes und vertrauensvolles Zusammenspiel mit unserem Aufsichtsrat. In einem Familienbetrieb hat man auch eine engere Beziehung zu den Mitarbeitern, die damit auch eine andere Einstellung bei Krisen zeigen. Natürlich hat man auch gelitten für die Gesellschafter, die eigene Familie. Deren Existenz hängt vom Wohlergehen der Firma ab, es geht ja auch um deren Geld.

Sie sagen, Sie verlegen nicht alles für Geld. Was zum Beispiel nicht?

In der Nachkriegszeit wurde uns das Spiel Monopoly als Lizenz für Deutschland angeboten. Damals hat mein Onkel Karl das abgelehnt, weil er meinte, es erziehe Kinder zu Raffgier. Wir haben es dann natürlich auch bereut, weil es ein großer Erfolg war. Wir machen keine gewaltverherrlichenden Spiele. Auch im Buchverlag wird bei den Themen darauf geachtet. Wir haben in Unternehmensgrundsätzen niedergelegt, was wir verlegen wollen. Es muss zur Marke passen. Das blaue Dreieck steht für gewisse Werte.

Welche?

Freude, Bildung, Gemeinsamkeit. Dass unsere Produkte zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbstentfaltung anregen sollen und Sinn für Gemeinschaft und Familie vermitteln.

"Halte interreligiöse Bildung für ein Zukunfstthema"

Was war die schwierigste Zeit in Ihrem Berufsleben?

Ich habe als Mutter voll gearbeitet. In den 1970er Jahren war das ein gewisser Makel: Du lässt dein Kind allein. Heute werden berufstätige Mütter allerorten gutgeheißen, ob sie als Zweitverdiener gebraucht werden oder der Selbstverwirklichung wegen einen Beruf ausüben. Ich musste arbeiten, weil ich ja nicht einfach die Verantwortung abgeben konnte. Glücklicherweise hatte ich eine Kinderfrau und eine Großmutter. Aber man hat immer ein schlechtes Gewissen, wenn man sich dem Kind nicht ausreichend widmen kann.

Die Stiftung Ihres Verlags fördert Forschungsprojekte zur religiösen Bildung.

Ja. Das erste hieß: „Brauchen Kinder Religion?“ Das wurde fortgeführt mit „Mein Gott, dein Gott, kein Gott?“ Wir wollten Erzieherinnen Hilfestellung geben, wie sie mit immer mehr muslimischen Kindern zurechtkommen und wie man schon bei kleinen Kindern für Toleranz sorgen kann.

Warum haben Sie das gefördert?

Annette Schavan, damals Kultusministerin von Baden-Württemberg, hatte uns als Mitglied unseres Stiftungsrats darauf hingewiesen, dass am Lehrstuhl Tübingen zum Thema interreligiöse Bildung geforscht wird. Ich habe es aufgegriffen, weil ich es für ein Zukunftsthema halte.

Das war vor mehr als zehn Jahren innovativ.

Ja, vielleicht. Aber die Erzieherinnen erwarteten auch schon Empfehlungen und Richtlinien für die Praxis und die Ausbildung. Die Entwicklung hat sich ja jetzt verschärft. Immer mehr Kinder anderer Glaubenszugehörigkeit müssen integriert und gestützt werden.

Welches Verhältnis haben Sie persönlich zu Religion?

Ich bin keine Kirchgängerin und nicht besonders fromm, aber evangelisch erzogen. Auch in Zeiten, in denen es keinen Religionsunterricht in der Schule gab, hat meine Mutter dafür gesorgt, dass ich eine Art religiöse Unterweisung bekam. Als Jugendliche war ich im Kirchenchor und im Bach-Chor der evangelischen Gemeinde – auch ein gewisser Zugang zur Religion.

Warum fördert Ihre Verlagsstiftung die musische Bildung?

Kunst hat mich immer beschäftigt. Ich halte musische Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, für die Entwicklung von Kreativität, für wichtig. Ich habe gesehen, dass in den Lehrplänen die musische gegenüber der kognitiven Bildung etwas zurückstecken muss.

Sie fördern vor allem Kunstunterricht in der Schule.

Unser Stiftungsprojekt soll den oft vernachlässigten Kunstunterricht durch außerschulische Stunden ersetzen oder ergänzen. Die Lehrer bewerben sich mit ihren Ideen und erhalten dann einen gewissen Betrag, mit dem sie Material bezahlen können, oder die Mitwirkung freischaffender Künstler. Eine Jury wählt aus und die Projekte werden dokumentiert und im Netz veröffentlicht. Inzwischen ist „Kunst. Klasse“ in vielen Bundesländern gelaufen. Nach demselben Prinzip fördern wir seit diesem Jahr „Werk. Klasse“. Da sollen Schüler Materialerfahrung machen, das Handwerkliche, Feinmotorische spielt wieder eine Rolle. Auch das wird gut angenommen.

Worauf sind Sie stolz?

Mit Stolz kann ich nicht so viel anfangen. Ich bin nur dankbar, dass ich das Allermeiste in beruflicher und privater Hinsicht gut bewältigt habe, ohne andere oder mich selbst zu beschädigen.

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