Nach der Abschiebung

Pfarrer Bernd Prigge mit einer E-Mail aus Venedig

Bernd Prigge

Auslandspfarrer Prigge betreut die evangelisch-lutherische Gemeinde in Venedig.
Vor einem Jahr wohnte Arnaud Touvoli zehn Wochen lang in unserer Sakristei. Der ivorische Flüchtling war im März 2014 von Deutschland nach Italien abgeschoben worden und stand in Venedig auf der Straße. Er hatte damals gehofft, schnell nach Niedersachsen zurückkehren zu können, wo er sehr gute Freunde hatte. Darunter ein  Pastorenehepaar, das eine Petition für seine Rückkehr startete.

Nun ist Arnaud immer noch hier. Während der ersten sieben Monate hatte der italienische Staat keine Unterkunft für ihn. Die Sakristei war keine Dauerlösung, nach fieberhafter Suche konnten wir ihn schließlich – auf Kosten der Gemeinde – ­in einem sozialen Wohnprojekt in der Nähe von Venedig unterbringen.

Im Herbst wurde er dann in ein staatliches Hilfsprogramm für Flüchtlinge aufgenommen. Er lebt jetzt in einer kleinen Wohnung zusammen mit sieben anderen Afrikanern, bekommt jeden Tag fünf Euro für seinen Lebensunterhalt und erarbeitet  mit dem zuständigen Büro einen Plan für seine Zukunft. Seine aktuelle Aufenthaltserlaubnis ist mit einer Arbeitserlaubnis verbunden, ein großer Fortschritt. Er hat einen Kurs zum Maurer abgeschlossen und besucht momentan die Mittelschule, die im Sommer mit dem Realschulabschluss endet. Arnaud spricht schon gut Italienisch. Am Wochenende macht er viel Musik mit Freunden. Wenn er durch die Straßen Venedigs geht, merkt man, dass ihn inzwischen viele kennen.

Doch es ist nicht alles so rosig, wie es sich anhört. Traumatische Erlebnisse an der Elfenbeinküste belasten ihn seelisch. Arnaud hat weiter Heimweh nach Nieder­sachsen. Und immer wieder gibt es büro­kratische Probleme. Über seinen Asylantrag soll voraussichtlich erst Ende des Jahres entschieden werden. Die Behörden sind aufgrund der hohen Antragszahlen maßlos überfordert. Die Verhandlung selbst dauert circa 15 Minuten, in denen der Flüchtling seinen Fall überzeugend vorbringen muss.

Uns als Gemeinde hat Arnaud die ­Augen geöffnet für das Schicksal von ­Menschen auf der Flucht. Und gezeigt, was offenbar das Kostbarste an einem Menschen ist: der richtige Pass.
 

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