Interview zur Lebensweise der Mennoniten

"Mennoniten sind sehr zurückhaltend"
Mennoniten beim Gebet

Foto: Mika Sperling

Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche und zählen zu den traditionellen Friedenskirchen. Mika Sperling hat Gemeinden in Russland, Deutschland und Kanada fotografiert und schildert ihre Eindrücke.
Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen. Sind die Quäker, Mennoniten und Brethren für andere Kirchen Vorbilder? Was tun sie, wenn es hart auf hart kommt? Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?

chrismon: Sie haben mennonitische Gemeinden in verschiedenen Ländern fotografiert. Was ist auf Ihren Bildern zu sehen?

Mika Sperling: Es sind größtenteils Alltagssituationen, aber auch Familien- und Einzelporträts. Ihre Gemeinsamkeit ist vielleicht, dass sie die Mennoniten in Momenten der Ruhe zeigen.

Serie: Friedenskirchen

  • Sind Mennoniten, Quäker und Brethren für andere Kirchen Vorbilder?
  • Bleiben sie pazifistisch, wenn es hart auf hart kommt?
  • Und was bringt ihr Engagement wirklich für den Frieden?
Alle Folgen unserer Friedenskirchen-Serie finden Sie hier.

 

Sind Sie selbst Mennonitin?

Ich gehöre zwar zur ethnisch-religiösen Gruppe der Mennoniten, bin aber nicht getauft. Meine Großmutter hat ihren Glauben als Mennonitin noch richtig gelebt. Meine Eltern kamen dann früh davon ab. Dennoch haben sich meine fünf Schwestern im Erwachsenenalter taufen lassen und drei von ihnen leben in mennonitischen Gemeinden.

Warum haben Sie die Mennoniten überhaupt fotografiert?

Vor zwei Jahren habe ich angefangen, mich für meine Wurzeln zu interessieren und bin nach Russland gereist. Ich bin dort zwar geboren, aber meine Familie ist nach Deutschland gezogen als ich noch ein Baby war. Bei Omsk habe ich zwei mennonitische Dörfer fotografiert, aus denen meine Vorfahren stammen. Ein Jahr später habe ich mich entschieden, die Entwicklung dieser Dörfer zu dokumentieren, solange sie noch da sind. Dann habe ich Gemeinden in Kanada und Deutschland fotografiert, um die Unterschiede zu illustrieren.

Wodurch zeigen sich diese Unterschiede?

Die kanadischen Gemeinden fallen durch mehr Leere auf, die Mennoniten wohnen weit auseinander. Ich hatte das Gefühl, die Leute leben dort mehr für sich als in Russland, wo die Mennoniten-Kinder auf der Straße auch mit anderen Kindern spielen. Die kanadischen Mennoniten haben außerhalb ihrer Arbeit nicht viel mit anderen Kanadieren zu tun. In Deutschland ist die Situation völlig anders. Sie haben keine eigenen Dörfer. Außerdem betreiben sie keine Landwirtschaft mehr, obwohl auch hier noch die Tendenz besteht, auf dem Land zu leben. Mennoniten brauchen wegen ihrer großen Familien viel Platz.

Gibt es auch sichtbare Gemeinsamkeiten?

Die Mädchen tragen geflochtene Zöpfe und knielange Röcke. Die Jungs haben Hemden und lange Hosen an. Das war in allen drei Ländern gleich. Außerdem wirken die Mennoniten immer etwas zurückhaltend, beinahe schüchtern. Sie bemühen sich sehr um Ernsthaftigkeit. Das wird in den Gemeinden positiv wahrgenommen und steht für Beständigkeit im Glauben. Es heißt nicht, dass Lachen und Spaß verboten wären, aber Glaube ist für sie eine ernste Angelegenheit.

Drückt sich das durch strenge Regeln aus?

Nein, der Glaube definiert sich nicht durch Dogmen und Verbote, sondern aus einer freiwilligen Überzeugung heraus. Regeln sind für die Mennoniten kein Wert an sich. Sie kleiden sich züchtig, weil sie Gott gefallen wollen.

Durften Sie etwas nicht fotografieren?

Ich habe keine Bilder von betenden Mennoniten gemacht. Das Gebet ist für sie etwas sehr Intimes. Dabei möchten sie nicht gestört werden.

Spielt das Bild für die Mennoniten eine Rolle in ihrem Glauben?

Sie machen sich kein Bild von Gott oder Jesus und haben auch keine Heiligenporträts. Ihr Bethäuser sind sehr minimalistisch gehalten. Vor Fotos haben sie allerdings keinerlei Bedenken. Familienporträts spielen zum Beispiel eine wichtige Rolle. Viele Gemeinden haben auch eigene Fotografen für Hochzeiten oder andere Feiern.

Mika Sperling

Mika Sperling, 25, ist Fotografin und stammt aus einer mennonitischen Familie. Für ihr Abschlussprojekt hat sie Mennoniten in Deutschland, Russland und Kanada fotografiert.

Was fasziniert Sie an den Mennoniten?

Ihre Sicherheit und ihr starker Glaube an die eine Wahrheit. Sie widmen ihr ganzes Leben dieser Wahrheit. Das verleiht ihnen eine große Stärke, schwierige Situationen zu überstehen. Eine meiner Schwestern hat erst mit Anfang 20 zum Glauben gefunden. Ihr Charakter hat sich seitdem verändert, sie kann bestimmte Situationen jetzt besser meistern. Mennoniten erleben im Alltag viel Gegenwind, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Für manche ist es ein täglicher Kampf, beständig zu bleiben. Sie selbst würden wohl sagen, um "nicht vom Weg abzukommen". Das ist besonders den deutschen Mennoniten anzumerken, denn hier leben sie nicht isoliert, sondern sind ständig mit der Welt konfrontiert. Dennoch schaffen sie es, ihren Glauben zu bewahren und auszuleben.

Information

Serie: Friedenskirchen

Hitler, Saddam Hussein, Islamischer Staat: Manchem Irren müsse man sich mit Gewalt entgegenstellen, sagen viele Christen. Gewalt löst keine Probleme, sie schafft nur neue, sagen die Friedenskirchen. In einer Serie von Interviews und Reportagen geht chrismon plus diesen Fragen nach:
 
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Lesermeinungen

Die Aussagen sind mir zu verallgemeinernd. Es gibt eben nicht die eine "Lebensweise der Mennoniten". Was ist denn meine Lebensweise als Mennonit? Worin unterschiede ich mich denn von meinem katholischen, lutherischen, muslimischen oder atheistischen Nachbarn? Meine "sehr zurückhaltende Art" habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht meine "züchtige" Kleidung? Oder ist es nicht einfach meine theologische Überzeugung, die mich von Katholiken oder Atheisten unterscheidet?

Wer mennonitische Großstadtgemeinden in Amsterdam, Hamburg oder New York, afrikanische Gemeinden oder mennonitische LGBT-Aktivisten besuchen wird, wird ein völlig anderes Bild von Mennoniten bekommen als hier gezeigt.