Umzug aus Israel nach Deutschland

Heimisch werden im Land der Täter
Heimisch werden im Land der Täter, Holocaust, Adi Shapira, Kristin Holighaus

Sebastian Arlt

In Deutschland fühlt sich Adi Shapira, 44, frei. In Israel war ihr alles zu eng – das Land, aber auch die Beziehungen

Heimisch werden im Land der Täter, Adi Shapira, Kristin Holighaus

Ihr Vater entrann dem Holocaust nur knapp. Und dann zieht die Tochter nach Deutschland...

Adi Shapira, 44:

Ich dachte an meinen Vater, als wir vor drei Jahren in Deutschland ankamen, mein Mann, die Kinder und ich. 1947 war mein Vater auf einem Schiff nach Israel gekommen, mit 200 anderen jüdischen Waisenkindern. Er hatte den Holocaust überlebt, hatte nichts und niemanden mehr. Und nun zogen mein Mann und ich in das Land, das für meinen Vater das Land der Täter war.

Und wir freuten uns darauf. Wir wollten unseren Horizont erweitern, und wir suchten ein neues Zuhause. In Israel ist alles eng, nicht nur geografisch. Das gilt auch für Familienbande und Beziehungen zu Freunden. Einerseits ist das schön. Andererseits hat man nie Ruhe, nie Zeit allein.

Als Kind habe ich mich immer gefürchtet vor dem jährlichen Gedenktag für die Opfer der Shoa, an dem das ganze Land trauert. Wir gingen zu den Trauerfeiern, nur mit unserer Mutter. Mein Vater schloss sich in seinem Zimmer ein, meist für eine ganze Woche. Wir Kinder schlichen durchs Haus, nie hätten wir anzuklopfen gewagt. Ich hätte ihn gerne getröstet, aber ich traute mich nicht. Ich hatte Angst vor seinem Schweigen, seinem Schmerz. Mein Vater wollte über seine Vergangenheit nie mit uns sprechen. Er wusste selbst kaum etwas. Wollte auch nichts wissen.

Als Kind war ich von zwei Dingen überzeugt – dass die Kriege in Israel vorbei sein würden, wenn ich erwachsen bin, und dass ich nie, niemals nach Deutschland will. Aber dann verliebte ich mich in meinen Mann, und der liebte Deutschland. Er hatte in München Elektrotechnik studiert, es hat ihm gut gefallen. Als er das Angebot bekam, als Unternehmensberater in Europa für israelische Firmen zu arbeiten, ergriffen wir die Chance.

Schwieriger Start in Deutschland

Meinem Vater habe ich als Letztem von unserer Entscheidung erzählt, ein paar Monate vor unserer Abreise. Wir beide waren uns immer sehr nah. Und jetzt wollte ich nicht nur weit weg, sondern ausgerechnet nach Deutschland! Ein paar Tage war Funk­stille. Aber dann rief er an und sagte, dass er unsere Entscheidung akzeptiert. Er versprach sogar, uns zu besuchen.

Und plötzlich begann er, nach seinen Wurzeln zu suchen. Er ist in Brüssel geboren, als Sohn polnischer Juden. Er hatte acht Geschwister. Außer einer Schwester, seinem Großvater und ihm hat niemand den Holocaust überlebt. Die anderen sind in Auschwitz gestorben. Seine Mutter musste im Durchgangslager Mechelen in Belgien Naziuniformen nähen. Irgendwie schaffte sie es, ihn direkt nach der Geburt zu einer nichtjüdischen Familie zu geben, deren Kind tot geboren worden war. So hatte er Papiere und war sicher. Seine ältere Schwester Liliane hatte man bei einer anderen Familie versteckt, auch sie überlebte. Die beiden sind sich das erste Mal auf dem Schiff nach Israel begegnet. Er war fünf, seine Schwester sieben. Der Großvater blieb in Belgien und starb bald.

Unser Anfang in Deutschland war dann doch schwerer als erwartet. Mein Sohn sagte in der Schule monatelang kein Wort. Mittlerweile sprechen beide Kinder akzentfrei Deutsch. Nur ich kämpfe immer noch mit der Sprache. Ich bin eigentlich Krankenschwester und Heilpraktikerin, aber jetzt habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht: Kochen. Ich gebe vegane Kochkurse und beliefere Kunden mit Torten und Kuchen für Feste.

Vergangenheit und Zukunft verschmelzen

In Deutschland fühle ich mich freier als in Israel. Ich suche mir aus, welche Kontakte ich pflege, wie und ob ich ein jüdisches Fest feiere. Zu israelischen Feiertagen treffen wir oft israelische Freunde und feiern gemeinsam. Aber gerade durch die Kinder lernen wir auch viel über deutsche Bräuche und Feste, das gefällt uns. Unser Sohn ist mittlerweile 13 und hat jetzt seine Bar-Mizwa gefeiert. Auf die Synagoge verzichteten wir ganz, stattdessen fuhren wir nach Israel und verbrachten ein paar Tage mit der Familie in der Wüste. Das hatte mein Sohn sich so gewünscht.

Mein Vater ist inzwischen sehr krank geworden und bett­lägerig, aber er redet immer noch davon, dass er uns besuchen kommen will. Und er spricht mit meinem Sohn heute über das, was er mir früher nicht erzählen konnte.

Ich bin froh, dass es uns allen hier so gut gefällt. Für mich ist das hier der Ort, wo Vergangenheit und Zukunft verschmelzen und der zu meinem Zuhause geworden ist. Und für meine Kinder wird es vielleicht sogar einmal die Heimat sein.

Protokoll: Kristin Holighaus

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