Soldat der Roten Armee und jüdischer Rotarmist im Zweiten Weltkrieg: Semjon Friedrich

Semjon Friedrich
Semjon Friedrich in ­seiner Moskauer Wohnung

Foto: Oksana Yushko

Semjon Friedrich in ­seiner Moskauer Wohnung.

Soldaten der Roten Armee befreiten Deutschland - und zahlten einen hohen Preis dafür. Unter ihnen auch: Semjon Friedrich

Semjon Friedrich, 91, stemmt sich mühsam aus dem Sessel. Schwer atmend versichert er, er sei kerngesund, schließlich habe er immer Sport getrieben, sechs Mal die Woche, vor allem Basketball und Schwimmen.

Danke, Viktor!

 Frauke Thielking

Vor 70 Jahren gab sich das faschistische Deutschland endlich geschlagen. Das Kriegsende war nicht schön für die meisten Deutschen. Und es war eine Befreiung, für die die Soldaten der Roten Armee einen hohen Preis zahlten. Zum Artikel.

Als Semjon 15 war, wütete der stalinistische Terror. Sein Vater wurde als „Volksfeind“ verhaftet; die Mutter brachte noch lange Essen ins Gefängnis, da war der Vater längst tot; dann behielt man auch die Mutter da. Semjon kam ins Heim. Nachts verprügelten ihn andere ­Jugendliche, weil er Jude war.

Mit 18 wird er an die Front geschickt. Bei Rschew will die Rote Armee die Wehrmacht mit einer großen Offensive zurückdrängen. Semjon und seine Kameraden sollen ihre Geschütze abfeuern, dann soll die Luftwaffe eingreifen, dann sollen Panzer losfahren, dann die Infan­terie losstürmen. Am 24. August 1942 morgens um sechs Uhr. Semjon und seine Kameraden haben keine Uhr, sie tun kein Auge zu. Als die anderen Stellungen feuern, feuern auch sie los. Aber weder Panzer noch Flugzeuge kommen zur Unterstützung. „Man hat uns in den Tod geschickt“, sagt Semjon. Als ein streichholzschachtelgroßer Granatsplitter in seine Schulter dringt, ist für ihn der Krieg vorbei. Seinen kleinen Bruder, der mit 14 den Deutschen in die Hände gefallen war, sieht er erst 1945 wieder, nachdem die Rote Armee den Bruder in Auschwitz befreit hat.

Semjon wird Kraftfahrer. Jahrelang fährt er auch für jenes Militärgericht, das seine Mutter in die Verbannung geschickt hat. Freitags spielt er mit den Richtern Volleyball. Der Sport, so scheint es, hilft ihm, mit der Geschichte ­fertigzuwerden. Wie ärgerlich, dass er jetzt nur noch hundert Meter am Stück gehen kann!

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