U-Bahn-Störung

Anklage: Eine Demonstrantin erinnert  an die 43 entführten Studenten

Foto: xinhua/images.de

Anklage: Eine Demonstrantin erinnert an die 43 entführten Studenten

Auslandspfarrer Marc Reusch berichtet in einer E-Mail aus Mexiko-Stadt

In der vollbesetzten U-Bahn wird es immer heißer und stickiger. Wir stehen an der Station Tacubaya. Der Fahrer versucht schon zum fünften Mal, die Türen zu schließen, aber irgendjemand hält etwas dazwischen. Schnell kommt der Verdacht auf, dass Schüler und Studenten, die auf dem Bahnsteig demonstrieren, mit der Störung zu tun haben. Die Besucher, mit denen wir ­unterwegs sind, reagieren ge­nervt. Sie kommen aus anderen lateinamerikanischen Ländern und kennen solche Situationen, in denen kleine Protestgruppen Teile des öffentlichen Lebens lahmlegen, nur zu gut.

Marc Reusch

Marc Reusch ist Auslandspfarrer in Mexiko-Stadt.
Foto: Privat
Aber die jungen Mexikaner, die zurzeit überall im Land protestieren, haben ein ernstes Anliegen: Sie fordern Aufklärung im Fall der Studenten aus Iguala, im Südwes­ten des Landes: 49 Studenten einer pädagogischen Hochschule dort hatten im Oktober einen Bus besetzt und waren daraufhin von der Polizei überwältigt worden. Die Polizisten erschossen mutmaßlich sechs von ihnen und übergaben die anderen 43 offenbar einer kriminellen Bande. Seitdem sind sie verschwunden, und es mehren sich Gerüchte, dass sie ermordet wurden. 

In die jetzigen Proteste mischt sich auch tiefsitzende Wut: darüber, dass niemand ein Wort des Bedauerns findet, nicht einmal der Präsident. Möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen, weitermachen, als sei nichts passiert. Wie schon so oft in Mexiko. Über die Unfähigkeit der Justiz, die keine zehn Prozent der Verbrechen vor Gericht bringt. Und schließlich auch da­rüber, dass gute Bildung ein Geschäft ist, das sich nur wenige leisten können – und das in einem Land voll junger Menschen. Das Durchschnittalter liegt hier bei 27 Jahren. In Deutschland sind es 46 Jahre.

Unser U-Bahn-Fahrer fordert schließlich alle Fahrgäste auf, auszusteigen. Dann schließt er die Türen und fährt ­weiter. Unsere Besucher sehen nun mit mehr Ver­ständnis auf die protestierenden Studenten, und mit dem nächsten Zug setzen wir unsere Fahrt fort.

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