Politik und Gewalt in Moskau

Schizophrene Stimmung

Foto: Privat

Markus Schnepel

Pfarrer Markus Schnepel betreut zusammen mit seiner Frau die deutschsprachige evangelische Emmausgemeinde in Moskau. www.emmausgemeinde-moskau.de
Heute Morgen war ich seit langem mal wieder im Kreml. Ein Ort für Touristen, ich habe nur Deutsche, Chinesen, Italiener und Holländer dort getroffen. Die Sonne schien, die goldenen Kuppeln der Kirchen leuchteten und ich war wieder beeindruckt von der bewegten Geschichte Russlands und dem italienisch-russischen Stilmix, den die alten Kremlbauten ausmachen. Man kann sich auf dem Kremlgelände jetzt sogar noch freier bewegen und um Putins Amtssitz schleichen. Auf dem Rückweg kaufte ich einige leckere Lebensmittel ein und traf meine gut gelaunte Familie zu Hause.

Alles in Ordnung im Russischen Reich? Alles nur Panikmache in westlichen Medien? Vor ein paar Tagen begegnete mir morgens ein deutscher Topmanager im Aufzug. Er sah müde und überarbeitet aus. „Wie geht´s?“ frage ich. Familiär sei alles in Ordnung, sagte er, aber die allge­meine Lage mache ihm wirklich Sorgen. Ich wundere mich. Das hatte ich von ihm so noch nie gehört.

Auch im Gemeindevorstand machen sich viele wegen des Kriegs in der Ukraine und der Lage in Russland Sorgen. Selbst Russlanderfahrene. Die Spirale der Gewalt ist ihnen unheimlich, keiner hätte sie für möglich gehalten. Trotzdem sagen alle, dass sie gern hier sind.

Die Kreativen und Intelligenten resignieren

Eine unheimliche, fast schizophrene Stimmung legt sich über Moskau. Ja, das Lebensmittelangebot ist ein wenig eingeschränkt und gute Sachen sind teurer,  sonst scheint alles ganz normal zu laufen. Gleichzeitig spüren alle die Anspannung in Köpfen und Herzen, geschaffen durch Kriegsrhetorik, Fernsehpropaganda und Einschüchterung subtiler Art.

Nur wenige wehren sich öffentlich. Gerade wurde in Pskow ein liberaler Politiker und Verleger zusammengeschlagen, weil er von Begräbnissen russischer Soldaten berichtet hatte, die in der Ukraine gefallen waren.

Viele der kreativen, intelligenten Leute, die im Land etwas verändern könnten, resignieren und gehen weg. Demnächst ist ein Friedensmarsch in Moskau geplant, der sich gegen die aggressive Politik des Präsidenten richtet. Ich bin gespannt, wie viele dort mitgehen.

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