Eva Luise Köhler: Lasst uns lieben mit der Tat

Michael Hauri / imagetrust/Michael Hauri / imagetrust

Religiöse Erziehung erlebte ich zuerst im evange­lischen Kindergarten, im Religionsunterricht in der Schule und in der Kinderkirche. Gespannt hörte ich zu, wenn biblische Geschichten wie zum Beispiel Josef und seine Brüder erzählt wurden. Die Leidensgeschichte Jesu rührte mich zu Tränen. Ich durfte dieses kindliche Hineinwachsen in den Glauben erfahren, obwohl gerade mein ­Vater Kirche und Religion kritisch gegenüber stand. Wie meine älteren Schwestern bin ich getauft, und wie sie ­wurde ich auch später zum Konfirmandenunterricht geschickt. Bei aller Kirchen- und Religionskritik waren meine Eltern wohl der Ansicht, dass eine Vierzehnjährige, die zum Kon­firmandenunterricht geht, zumindest nicht auf Abwege gerät.

Während der Konfirmandenzeit und auch später habe ich christliche Gemeinschaft erlebt. In der Jungschar und im Jugend­kreis diskutierten wir biblische Texte, verbrachten Freizeiten miteinander und sangen Fahrtenlieder und Spirituals. Mit unserem Religionslehrer Pfarrer Faber hatten wir großes Glück. Er wich unseren Teenagerfragen nicht aus, sondern diskutierte sie ernsthaft mit uns.

###mehr### Dietrich Bonhoeffer und Jochen Klepper sind zwei Persön­lich­keiten, die mich tief beeindruckt haben. Beide hatten sich während der Zeit des Nationalsozialismus trotz aller­ Konsequenzen gegen die Judenverfolgung gestellt und sich zu ihrem Glauben bekannt. Bonhoeffers Liedtext »Von guten­ Mächten wunderbar geborgen« oder Kleppers Lied »Die Nacht ist vorgedrungen« spenden heute noch Trost und Zuversicht.­ Vorbilder sind für mich auch »die Barmherzigen­ Schwestern von Vincent Paul«, mit denen mein Mann und mich eine herzliche Freundschaft verbindet. Vorbild ist aber auch Pfarrer Frieder Grau, der das Diakonische Werk »Karlshöhe« in meiner Heimatstadt Ludwigsburg leitet. Als Schirmherrin der »Karlshöhe«­ darf ich immer wieder erleben, wie sich Pfarrer Grau mit Liebe, Hingabe und Konsequenz dafür engagiert, dass Menschen ihr Leben annehmen können und eine Perspek­tive für sich entwickeln, auch wenn ihr Leben anderen aussichtslos erscheinen mag.­

Ich »lernte« Gottvertrauen nicht zuletzt durch diese Vorbilder. Immer wieder gibt es Menschen, die durch Gott in der Welt wirken und an denen ich mein Handeln ausrichten kann. Die gute Nachricht ist für mich, dass Gott uns annimmt, wie wir sind, mit unseren schönen Seiten, aber auch mit unseren Unzulänglichkeiten.

Als ein Mensch, der sich in seinem christlichen Glauben auf Gott und Jesus konzentriert und mit der Lutherbibel groß geworden ist, bin ich sicherlich evangelisch. Mir liegt die Ökumene jedoch sehr am Herzen. Trotz aller Unterschiede, die Theologen sicherlich besser erklären können als ich, sollten wir uns noch stärker auf unsere christlichen Gemeinsamkeiten besinnen. Mein Mann und ich lernen viel von den Barmherzigen Schwestern von Vincent Paul.
Gerne erinnere ich mich auch an den Taizé-Gottesdienst in Berlin, an dem ich 2012 mit meinem Mann und meiner Tochter teilnehmen durfte. Es war wunderbar zu erleben, wie Christen verschiedenster Konfessionen gemeinsam Gottesdienst feierten. Es wäre schön, wenn wir auch beim Abendmahl in nicht allzu ferner Zukunft als Christen gemeinsam eine Lösung finden könnten.

Ich bete nicht zu festen Zeiten. Aber es ist mir ein Bedürfnis, im Alltag hin und wieder innezuhalten, um mit Gott zu sprechen. Im Gebet finde ich Kraft, meine Aufgaben anzugehen und meine Schwächen zu überwinden.

Für mich ist das Gebet nicht nur der Ort des Bittens, sondern auch der des Dankes. Dies gilt für die kleinen Dinge genauso wie für die großen. Mein Mann und ich sind für ­unsere 45-jährige glückliche Ehe, für unsere Kinder, Enkel und unsere Familien und Freunde dankbar. Dass sich in unserem Leben vieles so gut gefügt hat, empfinden wir nicht als selbstverständlich.

Glaube bedeutet für mich nicht nur auf Jesus, Gott und die Auferstehung zu vertrauen. Gleichzeitig möchte ich auch mein Handeln von meinem Glauben leiten lassen. Wenn mir das nicht gelingt, erinnere ich mich an meinen Konfirmationsspruch: »Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.« Dieser Vers aus dem Johannesevangelium hat für mich Bedeutung im Alltag, ebenso wie für meine Schirmherrschaften und meine Stiftungsarbeit. Nächstes Jahr feiert die »Eva Luise und Horst Köhler Stiftung für Menschen mit seltenen chronischen Krankheiten« ihr 10-jähriges Jubiläum. Mein Mann und ich sind dankbar, dass wir mit Hilfe von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Forschung auf diesem Gebiet unterstützen können.

Mit der Gemeinde zu beten, die Predigt zu hören, zu singen und das Abendmahl zu feiern, ist für mich immer wieder wichtig und bestärkt mich auch in meinem Glauben. Ich werde im Gottesdienst zum Nachdenken über mich, mein Handeln und meine Position zum Geschehen in der Welt angeregt.

Einen wichtigen Platz nimmt für mich auch die Kirchenmusik ein. Wo immer das Leben meinen Mann und mich hinführte, habe ich bis heute im Kirchenchor gesungen. Kirchenmusik kann Glaubensaussagen oft in einer Weise interpretieren, wie es Worte nicht können.

Da die evangelische Kirche in der Welt wirkt, muss sie sich auch mit dem Geschehen in der Welt und mit gesellschaftlichen und politischen Prozessen auseinandersetzen, immer bezogen auf die christliche Botschaft. Seelsorge und Verkündigung sollten dabei nicht zu kurz kommen.

Die ausgestreckte Hand Gottes werde ich meinen Kindern nicht vorenthalten. Taufe war für mich keine vorweggenommene Entscheidung für meine Kinder. Ich sah sie als Angebot einer Erziehung im christlichen Glauben. Ob meine Kinder dieses Angebot nach dem 14. Lebensjahr oder im Erwachsenenalter weiter annehmen wollen, stand ihnen immer frei. Aber wie hätten sie sich für etwas entscheiden oder etwas ablehnen können, was sie nicht kennen?

Und meine Kinder sind, wie sie mir sagten, froh darüber, dass mein Mann und ich sie haben taufen lassen, ohne ihnen später Druck zu machen, mit der Konfirmation in die christliche Gemeinschaft eintreten zu müssen. Unsere beiden Kinder sind konfirmiert, mein Sohn hat christlich geheiratet und meine Enkelkinder sind getauft.

Eva Luise Köhler

Als Erste Frau im Staat übernahm Eva Luise Köhler, geboren 1947 in Ludwigsburg, die Schirmherrschaften u. a. über das Müttergenesungswerk und UNICEF Deutschland. Bis heute engagiert sich die Grund- und Hauptschullehrerin als Schirmherrin bei ACHSE, der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen, und für die diakonische Einrichtung Karlshöhe Ludwigsburg. Familie Köhler zog 1998 nach London, im Jahr 2000 nach Washington, bevor Horst Köhler zum 1. Juli 2004 das Amt des Bundes­präsidenten antrat (bis 2010).

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