Studie über Klischees in Ost- und Westdeutschland

Geld schweißt zusammen
Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung widerlegt Klischees über Armut und Zusammenhalt

Die Ostdeutschen haben angeblich wieder mal versagt. Eine kürzlich veröffentlichte Unter- suchung der Bertelsmann-Stiftung hat ergeben, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in den ostdeutschen Bundesländern geringer ist als im Wes­ten. Die sozialen Netzwerke sind schwächer, die Hilfsbereitschaft geringer, das Vertrauen in die Mitmenschen nicht so ausgeprägt. Auch mit dem Engagement für das Gemeinwesen sieht es nicht so gut aus wie in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg.

Da dachte man im Westen noch, die "Ossis" haben sich zwar in der DDR unterdrücken lassen und hatten keine ­Ahnung vom Wirtschaften, aber wenigstens kuschelig war’s. Die vermeintlich größere Solidarität unter den Ostdeutschen galt vielen als das eigentliche Humankapital, das der Osten zur Bundesrepublik beisteuern würde. Und nun das.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung verrät aber vor allem viel über die Klischees, die Ost- und Westdeutsche bis heute übereinander im Kopf haben. Die Annahme, dass die Westdeutschen allesamt unterkühlte Profitgeier sind, stimmte schon vor 25 Jahren genauso wenig wie das Klischee von der ostdeutschen Wärmestube. Die enge Verbundenheit, die viele Ostdeutsche als Geborgenheit empfanden, bezog sich auf ­einen sehr engen Kreis von Menschen, denen man vertraute. Darüber hinaus schottete man sich ab. Der Rückzug in diese private Nische ist aber nicht das, was unter gesellschaftlichem Zusammenhalt verstanden wird. Die Kriterien der Bertelsmann-Studie zielen auf einen sehr viel weiteren Nahbereich.

Ein Nachteil der Untersuchung ist, dass sie sich allein auf andere Studien bezieht. Doch die haben ihre Daten zum Teil für ganz andere Forschungsziele erhoben. Auch die Durch­mischung der Bevölkerungen in den vergangenen 25 Jahren ist nicht berücksichtigt. Haben womöglich die zugezogenen Westdeutschen im Osten den Schnitt versaut?

Der gesellschaftliche Zusammenhalt hängt vom Geld­beutel ab. Das ist das eigentlich traurige Ergebnis der Studie. Die Ostdeutschen schneiden auch deshalb so schlecht ab, weil ihr Armutsrisiko höher ist. Wer mehr Geld hat, ist hilfsbereiter, vertraut mehr und hat mehr Freunde. Womöglich ist das der Grund, weshalb viele Kirchengemeinden so homogen ­bürgerlich sind. Menschen, denen es nicht so gut geht, ­kommen von sich aus nicht. Offenbar suchen auch nicht viele nach ihnen. Das ist im Westen nicht anders als im Osten.

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