Fahrije macht, was sie will

Gewächshäuser in Krusha e Madhe

Sina Niemeyer

Gewächshäuser in Krusha e Madhe

Eigentlich war für Fahrije Hoti Trauer vorgesehen. Und dass sie den Rest ihres Lebens bei den Schwiegereltern verbringt. Doch die Kriegswitwe aus dem Kosovo gründete eine landwirtschaftliche Genossenschaft. Heute vertreibt sie eine Paprikapaste und wird als Erfolgsunternehmerin herumgereicht

Eine weiße Plastiktür fällt hinter Fahrije Hoti und ihrem Mann Bashkim ins Schloss. Serbische Polizisten hetzen die albanischen Bewohner des Dorfes Krushe e Madhe im Südwesten des Kosovo durch die Straßen. Auf ihrem Arm trägt die 29-Jährige ihren drei Monate ­alten Sohn Drilon, an der Hand hält sie die dreijährige Tochter Sabina. Serben brüllen Befehle. Schüsse fallen. Im Chaos verliert Fahrije ihren Mann aus den Augen. Sie wird ihn nie wiedersehen. 

Es ist der 25. März 1999. An diesem und am nächsten Tag ist Krushe e Madhe Schauplatz eines der verheerenden Massaker des Kosovokriegs. Drei Viertel der Häuser werden zerstört und 241 Menschen ermordet. Von 63 Personen fehlt bis heute jede Spur. Mehr als 500 Kinder verlieren ihre Väter, 140 Frauen werden zu Witwen.

Fünfzehn Jahre später öffnet sich in Krushe e Madhe eine weiße Plastiktür. Fahrije Hoti denkt oft daran, wie sie zum letzten Mal in ihrem Leben mit ihrem Mann gemeinsam durch so eine Tür das Haus verließ. „Landwirtschaftliche Genossenschaft Krusha“ steht auf einem Schild an der Hauswand. Drinnen zündet sich Fahrije, eine 45-jährige Frau mit praktischem Kurzhaarschnitt, eine Marlboro an. Sie ist Chefin der Genossenschaft, die als einzige im Land Ajvar, einen scharfen Paprikaaufstrich, nach traditionellem Rezept produziert. Die Böden um das 7000-Einwohner-Dorf sind fruchtbar, Paprikaanbau hat hier eine lange Tradition.

Fahrije ist im ganzen Land bekannt

Zwei Albanerinnen klopfen an Fahrijes Tür. Sie möchten einer holländischen ­Touristin die Kooperative zeigen. Fahrije spult ihr Programm ab, das sie für Besuche solcher Art vorbereitet hat: „2005 haben wir den Verein ‚Grate e Veja‘ – die Witwen – gegründet.“ Fünf Jahre später wandelten die Frauen den Verein in eine Koopera­tive um und nannten sie „Krusha“. In­zwischen sind zehn Frauen festangestellt, 15 liefern Paprika und fertigen Ajvar. Mit 100 ­Gläsern fingen sie an, in diesem Jahr sollen es 30 000 werden. „Für ein Glas mit 720 Gramm Ajvar brauchen wir fünf Kilo Paprika“, erklärt Fahrije. Ihren Ajvar gibt es inzwischen in jedem Supermarkt des Landes zu kaufen. Auf einen Händler, der ihren Ajvar auch in die Schweiz oder nach Deutschland bringt, hofft Fahrije noch.

Seit die Regierung an Fahrije eine Goldmedaille für ihre Leistungen verliehen hat und Fahrije immer wieder in Talkshows über Frauenrechte spricht, ist sie im ganzen Land bekannt. Immer ­wieder tauscht sie sich auf Tagungen auch mit serbischen Frauen über deren Kriegserfahrungen aus. Die stellvertretende ­Ministerpräsidentin lobte sie in einer Rede in den USA als Vorbild für kosovarische Frauen. Denn noch immer ist es im jüngsten Land Europas ungewöhnlich, wenn Frauen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen.
Als Fahrije 17 war, hatten ihre Eltern einen Mann für sie ausgesucht. Bei der Hochzeit sah sie ihn zum ersten Mal. Ihr Vater drückte ihr zum Abschied ein Goldstück in die Hand, dann gehörte sie zur Familie von Bashkim Hoti. Anfangs war ihr der Mann fremd. „Aber nach Mitternacht mochten wir uns“, erzählt sie. Streng sei er gewesen, aber respektvoll. Aus Respekt erwuchs Liebe. Während Bashkim Arbeit am Bodensee fand und Schiffe putzte, kümmerte sie sich daheim um die kleine Tochter. Die Schwiegereltern ließen ihr Freiheiten, gaben ihr Geld für Urlaube am Meer. Nach drei Jahren in Deutschland kam Bashkim zurück. Drei Monate vor dem Massaker wurde Sohn Drilon geboren.

Fahrije flüchtete im Krieg mit Drilon und der dreijährigen Sabina nach Alba­nien. Als sie zurückkehrte, suchte sie überall nach ihrem Mann. Sie drehte Leichen in Straßengräben um und zog Personalausweise aus den Taschen toter Männer. Wahrscheinlich hatte der Weiße Drin, der Fluss am Randes des Dorfes, Bashkims Leiche fortgetragen. Nur sein Reisepass wurde eines Tages am Ufer des Flusses gefunden. Fahrije fiel es schwer, Bashkims Tod zu akzeptieren – ohne einen Körper, von dem sie Abschied nehmen konnte.
„Es war die schwierigste Zeit in meinem Leben“, sagt sie. Im Kosovo fällt der Besitz eines verstorbenen Mannes an seine Eltern, auch die Witwe muss bei dessen Familie bleiben. Fahrije überlegte, ganz wegzugehen. Bashkims ehemaliger Arbeitgeber wollte sie nach Deutschland holen.

###autor### Sie weiß noch genau, wie die Schrift vor ihren Augen verschwamm, als sie die Reisedokumente ausfüllte. Doch dann entschied sie: „Meine Kinder haben ihren Vater verloren. Sie sollen nicht auch noch ihre Heimat verlieren.“ Sie blieb bei den Schwiegereltern, baute sich aber ein neues Leben auf. Erst ging sie von Haus zu Haus, um andere Witwen davon zu überzeugen, gemeinsam gegen die Gleichgültigkeit der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren. Die Mörder ihrer ­Männer sollten gesucht und verurteilt werden. Tagelang hielten die Frauen ihre Plakate in die Fernsehkameras. Einmal wurde Fahrije in Handschellen abgeführt. „Wir alle sind stolz auf Fahrije. Sie hat als Erste die Traurigkeit abgeschüttelt“, sagt  eine Mitstreiterin. Die Kriegsverbrechen von Krushe e Madhe wurden zwar nicht aufgeklärt. Doch das Selbstbewusstsein der Witwen wuchs.

Immer war es Fahrije, die die anderen Witwen motivierte, all die Dinge zu tun, für die bisher Männer verantwortlich waren: Felder bearbeiten, Paprika pflanzen und ernten. Eine Frau erzählt, wie sie sich eines Tages auf den Traktor setzte und einfach losfuhr. „Vorsicht, ich komme!“, rief sie den verdutzten Passanten zu, „aus dem Weg!“ Die Dorfbewohner schüttelten die Köpfe. Doch sie ließen die Witwen ge­währen. Dass Frauen, insbesondere Witwen, allein auf die Straße gehen oder selbst ein Fahrzeug steuern, war ungeheuerlich. Frauen gehörten hinter die hohen Mauern des Hofes, so wie seit Jahrhunderten.

Vergewaltigungen werden oft nicht als Gewalt gegen die Frau gesehen

Nun trommelte Fahrije Witwen für einen Führerscheinkurs zusammen. Ein ausländischer Hilfsverein bot ihn an. 2005 fing sie an, als Chauffeurin für die deutsche Organisation „Amica“ zu arbeiten, eine Hilfsorganisation für Frauen und Mädchen aus Krisengebieten. Auf die Idee mit dem Ajvar kam schließlich eine ausländische Sozialarbeiterin. Fahrije war begeistert. Sie klapperte Supermärkte ab und fragte: „Würdet ihr unseren hausgemachten Ajvar kaufen?“ So wurde sie Geschäftsfrau und hatte fünf Jahre später genug Geld gespart, um aus dem Haus der Schwiegereltern in ihr eigenes Heim zu ziehen.

Wenn es viel zu tun gibt, hilft auch Fahrijes Sohn Drilon, Etiketten auf Ajvar­gläser zu kleben. „Spec me Hudhur“ – „Paprika mit Knoblauch“ – steht darauf. Der 15-Jährige ähnelt dem Vater auf alten Fotos. Fahrije versiegelt die Gläser, die ihr der Sohn reicht. Später liefert sie eine ­ganze Kiste an ein Restaurant.

Ein Mann aus dem Dorf kommt zur Tür herein. Er sammelt Unterschriften für eine Petition. Die Vergewaltigungen während des Kosovokriegs sollen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verhandelt werden. Fahrije und ihre Tochter unterschreiben. Der Sohn verkrümelt sich, dem Jugendlichen ist die Situation peinlich. Viele Kosovaren begreifen Vergewaltigungen noch immer nicht als Gewalt gegen die Frau, sondern als Ehrverletzung des Ehemannes. Die Familie verstößt vergewaltigte Frauen in der Regel.
Auch Fahrije möchte nicht über das sprechen, was sie in der Moschee sah. Dort war sie mit anderen Dorfbewohnerinnen gefangen gehalten worden, ehe sie nach Albanien fliehen konnte. Es hat lange gedauert, bis die Medien anfingen, Vergewaltigungen im Krieg zu thematisieren. Frauenverbände fordern, dass Vergewalti­gungsopfer ebenso wie Witwen und an­dere Kriegsopfer entschädigt werden.

Fahrije und die anderen Witwen waren nie bei einem Psychologen, sie tauschen sich untereinander aus. Jeden Morgen trifft Fahrije sich mit ihrer besten Freundin Advije Duraku in einem Café. Meist sitzen außer ihnen nur Männer an den Tischen, vor ihnen längst geleerte Es­pressotassen und volle Aschenbecher. Dass sich Frauen in Cafés treffen, ist neu im ländlichen Kosovo.

Oft kommt Advije auch nachmittags bei Fahrije vorbei. Ihre rechte Hand ist geschient, mit der anderen stellt sie schwungvoll ein Bügeleisen auf den Tisch. „Hat dir jemand die Hand gebrochen?“, fragt Fahrije, packt Advijes gesunden Arm und verdreht ihn zum Spaß. „Mein Mann ist auferstanden. Er war’s“, antwortet die Freundin. Advijes derbe Scherze sorgen für gute Laune. Draußen prasselt der ­Regen nieder. Ein heftiger Donnerschlag. Danach ist es finster, der Strom ist weg. „Dieses Wetter ist gar nicht gut für die ­Paprika“, seufzt Fahrije.

An einem Abend im Ramadan feiern ein paar befreundete Witwen in Fahrijes Haus Iftar, das Fastenbrechen. Sie tragen Seidenblusen, manche sind geschminkt. Nur Fahrije hat wie ­immer ihren Jogginganzug an. Es sind stolze, schöne Frauen. „Mir“, das albanische Wort für „gut“, schwirrt durch die Luft. Die Frauen fragen sich gegenseitig nach dem Wohlbefinden aller Familienmitglieder. Die Begrüßung dauert zwanzig Minuten.

"Fahrije wird nicht gefragt!"

Viele Tränen haben sie gemeinsam geweint, Krieg und Traumata erlebt, ihre Ehemänner verloren, die Kinder allein groß gezogen, hart gearbeitet und Häuser gebaut. Keine von ihnen ging länger als acht Jahre in die Schule, einige wurden mit fünfzehn Jahren verheiratet. Eigenes Geld verdienen und Entscheidungen treffen, das war in ihren Lebensläufen nicht vorgesehen. Der Krieg hat sie dazu gezwungen. Der Preis für die Eigenständigkeit ist hoch: Sie alle sind allein geblieben. Wenn Frauen ein zweites Mal heiraten, verlangt die Tradition, dass die Kinder bei der Familie des ersten Mannes zurückbleiben.

Während ihre 18-jährige Tochter Sabina den Tisch deckt, zeigt Fahrije den Frauen die neue Produktionshalle, die in wenigen Wochen eingeweiht werden soll. Bisher haben die Frauen die Paprikaschoten im Erdgeschoss von Fahrijes Haus und da­hinter im Hof verarbeitet. Das neue Ge­bäude ist kleiner geworden als geplant. Da Fahrije kein eigenes Land besitzt, bekam sie keinen hohen Kredit. Vergeblich hatte sie versucht, die Schwiegereltern zu überzeugen, dass sie ihr Bashkims Land überschreiben. „Nur 5000 Euro habe ich von der Bank bekommen“, sagt Fahrije. „Das reicht nicht.“ Sie träumt davon, eines Tages mit den Serbinnen aus einem der Nachbardörfer zu kooperieren. Deren eingelegte Weinblätter sind die besten. Ab und zu trifft sich Fahrije mit den serbischen Frauen in einer nahen Stadt. Nach Krushe e Madhe trauen sie sich nicht.

Fahrije teilt einen der Brotlaibe mit ihrer Freundin. Aufgetischt sind Tomaten­salat, scharfe Paprika, Eier, Wurst und Hühnchen. Sabina setzt sich zu den Frauen. Eine Witwe, die sechs Töchter hat, fragt sie: „Warum studierst du nicht in Prizren? Dann könntest du zu Hause wohnen bleiben. Wenn du meine Tochter wärst, würde ich dich nicht allein nach Pris­tina gehen lassen.“ Trotzig kontert Sabina: „Fahrije wird nicht gefragt!“ Sie hatte sich gewünscht, dass ihre Tochter etwas Technisches studiert. Doch Sabina will Lehrerin werden.

„Aber sie gibt dir doch Geld“, wendet die Witwe ein. „Sie hat mich geboren. Sie muss mir Geld geben!“, ruft Sabina energisch. Die Frauen lachen: „Wie die Mutter! Sie macht, was sie will.“

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