Wissen sammeln und es wieder zurückgeben

Das 50:50-Modell

Es ist der Geschmack der Erinnerung, der mich immer wieder meine Mutter anrufen lässt. Das Rezept für die Gulaschsuppe, die bei jedem Familientreffen auf dem Tisch stand? Meine Großeltern brachten es im zweiten Weltkrieg aus der Slowakei mit, das kann ich nicht googeln. Auch nicht die Zutaten für die würfelförmigen Pfefferkuchen, die wir in der Adventszeit in kleinen Tüten geschenkt bekamen. Stück für Stück hole ich mir das Küchenwissen meiner Mutter ein. Sie erklärt alles gerne, aber immer mit einem kleinen erstaunten Unterton: Das interessiert dich?

Na klar. Das hätte sie mir ruhig schon früher beibringen können, denke ich. Als ich noch zu Hause wohnte, etwa. Andererseits: Da fand ich das wirklich nicht spannend und sie war niemand, die eine ideelle Aussteuer vorbereitete. Nun scheint der richtige Zeitpunkt dafür, komisch, dass meine Mutter das nicht schon längst fühlt. Denn laut dem Soziologen Heinz Bude kommt mit der Lebensmitte auch die „Tradierungsaufgabe“. Etwa ab fünfzig gilt es, Wissen, Werte, Erfahrungen oder Traditionen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben, um so die Gesellschaft am Laufen zu halten. Laura Carstensen, Psychologin an der Stanford University in Kalifornien, spricht von einem 50:50-Modell: Die ersten 50 Jahre eignen wir uns eine Fülle an Wissen und sozialem Know-how an, um es die nächsten 50 Jahre an unsere Umgebung und die Gesellschaft zurückzugeben.

Junge und Alte empfinden Traditionen eher als Ballast

Das klingt sehr selbstlos, ist es aber nicht unbedingt. Im Weitergeben steckt auch der Wunsch, dass etwas von mir bleibt, dass ich Spuren hinterlasse, dass mein Leben nicht umsonst war. Das kann helfen, der Midlife Crisis zu entkommen. Generativität bedeutet Sorge für die nachfolgenden Generationen. Für Heiko Ernst, Chefredakteur von Psychologie heute, liegt darin die große „Selbstentfaltungs- und Glückchance des mittleren Erwachsenenalters“: „Auf der Höhe von Können und Wissen und reich an Erfahrung können wir neuen Lebenssinn finden und die Achtung der anderen gewinnen“, schreibt er in seinem Buch „Weitergeben. Anstiftung zum generativen Leben“.

Hanna Lucassen

Hanna Lucassen ist freie Journalistin in Frankfurt/Main. Ihre Schwerpunktthemen sind soziales Engagement, Pflege, Menschen zwischen Gesundheit und Krankheit. Das kommt nicht von ungefähr: In ihrem ersten Beruf war die gebürtige Flensburgerin Krankenschwester. Danach hat sie Soziologie studiert und bei einer Fachzeitschrift volontiert. Auf chrismon.de bloggt sie unter dem Titel Pflege-leicht? Hanna Lucassen schreibt auch die Lebenserinnerungen alter Menschen auf und sucht für den Fastenkalender 7 Wochen Ohne nach schönen Worten. 
Lena UphoffPortrait Hanna Lucassen, Redaktion chrismon, Redaktions-Portraits Maerz 2017
Aber wie sieht es aus mit Angebot und Nachfrage? Wer will überhaupt haben, was ich zu geben habe? Die Zeitzeugin aus der NS-Zeit, die Interviewanfragen bekommt, oder die Malerin, deren Schüler genau hinschauen, wie sie den Pinsel ansetzt – ihnen ist sicher klar, woran die Nachwelt Bedarf hat. Aber den anderen? Die Angst ist groß, in der Rolle der Oma zu landen, die ständig alte Weisheiten von sich gibt, während der Rest der Familie gähnend dabeisitzt. Heiko Ernst meint in der Tat: „Die Generativität ist in einer Krise“. Denn die Welt entwickle sich so schnell weiter, dass immer wieder neue Fähigkeiten gefordert sind. Traditionen empfänden sowohl Junge als auch Alte eher als Ballast. „Was in der Zukunft helfen kann, wissen wir noch nicht.“

Trägerin wichtigen Kulturwissens

Das ist sicher die Kunst: Zu verstehen, was die Nachkommen brauchen können und sich darum zu kümmern, ohne besserwisserisch und  aufdringlich zu werden. Einige können das: Ein pensionierter Lehrer renaturiert  eine Moorlandschaft, damit es wieder ein Stück (annähernd) unberührter Natur gibt. Ein Vater erzählt seinen Kindern die Geschichte ihrer Ahnen als Fortsetzungsroman – jedes Jahr im Winterurlaub ein Kapitel. Eine Unternehmerin geht in Hauptschulen und übt mit den Abgangsklassen, wie man bei Praktika nicht dumm herumsteht, wenn es mal nichts zu tun gibt.  

Meine Mutter hat alte Briefe, die wir früher aus dem Ferienlager geschickt haben, Bilder und ein paar Dokumente gesammelt. Die dicke orangene Plastikmappe steht seit Ewigkeiten im Schrank. Die „Mappe für das Alter“, so hieß sie, und ich hatte mir immer vorgestellt, wie meine Mutter als alte Frau auf dem Sofa sitzen und darin stöbern würde. Stattdessen hat sie angefangen, uns die Dinge nach und nach zu schicken, dem letzten Brief lag ihr Mutterpass bei, mit den Daten meiner Geburt. Mich hat das sehr gefreut. Aber ansonsten hält sie sich so gar nicht an das 50 : 50-Modell, sondern lernt unverdrossen immer weiter. Sie macht einen Italienisch-Kurs und bringt sich gerade das Simsen bei. Jetzt ruft sie manchmal bei mir an, um zu fragen, wie sie aus T9 rauskommt oder warum alle Buchstaben immer groß erscheinen. Ich als Trägerin wichtigen Kulturwissens – fühlt sich nicht schlecht an.

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