Auf der anderen Seite des Zauns

Foto: Morgana Wingard

Die norwegische Psychologin Fjeldsæter arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in Liberia.

Wir sahen uns jeden Tag durch den orangenen Sicherheitszaun, lächelten und winkten uns zu. Patrick lebte mit Hunderten Infizierten in der Quarantänezone auf dem Gelände des Ebolazentrums in Monrovia. Ich gehöre zum Personal und komme dort nur mit Schutzanzug hinein. Patrick, sechs Jahre alt, spielte mit jungen Männern Schach und Poker, wenn sie die Kraft dazu hatten, und hörte BBC Africa. Seine Mutter starb bereits an Ebola, sein Vater war mit ihm an diesem schrecklichen Ort.

Jeden Tag sagte ich mir: Ane, verliere nicht dein Herz an dieses Kind, das nicht mehr lang leben wird. Aber es war unmöglich, morgens, wenn ich zur Arbeit kam, nicht nach Patricks schüchternem, schiefen Lächeln zu suchen. Nicht in seinem Gesicht und der medizinischen Akte nach Hoffnungszeichen zu suchen.

Und dann kam der Tag, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Patrick winkte nicht mehr. Er lag im Hof, auf einer Matte im Schatten. Er hatte die ganze Nacht über Bauchschmerzen geklagt, sagte sein Vater.

Ich zog mich an, Schutzanzug, Maske, Schutzbrille, doppelte Handschuhe, und ging durch die Schleuse. Patrick hatte ausgetrocknete Lippen, fiebrig glänzende Augen und keine Kraft. Als er mich sah, versuchte er zu lächeln. „Patrick, mein Freund, du siehst nicht so gut aus. Es macht mir Angst, dich so zu sehen. Gibt es etwas, das ich für dich tun kann?“ Er blickte auf, flüsterte etwas, und ich beugte mich näher, in meinem unförmigen Schutzanzug. Was hatte er gesagt? „Ich sagte, kannst du mir ein Fahrrad bringen?“ Ich ging. Ich wollte nicht in meine Schutzbrille heulen.

Am nächsten Morgen war ich wieder da. Ich war sicher, dass Patrick die Nacht nicht überlebt hatte, und wollte seinem Vater beistehen. Der ausgezehrte Mann grinste, als er mich sah. Und zusammengesunken in dem Stuhl neben ihm schickte
mir jemand sein schiefes, schüchternes Lächeln.

Patrick wurde an einem Sonntag mit seinem Vater entlassen. Sie erhielten ein Zertifikat, das ihre Heilung bestätigt. Patrick ist so abgemagert, dass er seine Hosen mit einer Schnur zusammenbinden muss. Aber er hat Fahrrad fahren gelernt – auf „meiner“ Seite des Zaunes.

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