Sohn eines KZ-Arztes

Vati war ein Verbrecher

Andreas Reeg

Der Vater war Arzt und machte tödliche Versuche mit KZ-Häftlingen. Der Sohn hat sich Jahrzehnte mit dieser Schuld herumgeschlagen

Johannes Lützberg*:

Mein Vater hat sich im Juli 1945 in Berlin das Leben genommen, mit Zyankali. Man hatte ihn wohl zur Verantwortung ziehen wollen. Meiner Mutter sagte man was von schweren Infek­tionen, aus Rücksicht auf die Hochschwangere. Ich kam zwei Monate später auf die Welt, als fünftes Kind.

Das Bild meines Vaters, das man mir malte, habe ich geliebt: der große Mediziner, jung Professor geworden, von den Patienten verehrt, dazu ein liebevoller Vater. Er war der wichtigste Mensch in meinem Leben, ich wollte ihm nacheifern, auch Arzt werden. 

Mit 14 lud mich die ehemalige Sekretärin meines Vaters nach Berlin ein. Das war für mich das Allergrößte: die Stadt, in der mein Vater gelebt hat, in der er begraben ist! Aber meine Mutter war dagegen: Sie habe Angst, die Russen würden mich aus dem Zug holen. Die hätten meinen Vater gesucht. Weil er „Versuche“ gemacht habe. Menschenversuche. Ich ging in mein Zimmer, nahm das Foto meines Vaters von der Wand und schmiss es in die Ecke. Nach Berlin fuhr ich trotzdem. Ich besuchte sein Grab und ließ mir von der Sekretärin erzählen, was sie an meinem Vater geschätzt hat. Mit meiner Mutter habe ich nie mehr darüber geredet.

Ich wurde schlecht in der Schule, konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Eine Nenntante gab mir schließlich das Buch von Mitscherlich über den Nürnberger Ärzteprozess. Aber mein Vater kam darin nicht vor – der Prozess richtete sich ja nur gegen noch lebende Ärzte. Über die Versuche meines Vaters fand ich nirgendwo etwas, nur, dass er ein früher Nazi gewesen ist. Arzt wollte ich jedenfalls nicht mehr werden. Sondern Lehrer.

Die Auseinandersetzung mit einem toten Vater ist schrecklich

Ich studierte dann genau zur Zeit der 68er Bewegung. Abstrakt konnte ich über das Dritte Reich sprechen, über meine persönliche Situation schwieg ich. Aus Scham. Ich hatte ständig Angst, dass es rauskommt. Weil man mich dann mit anderen Augen ansehen würde.

Immer mal wieder besuchte ich sein Grab. Es dauerte viele Jahre, bis ich sagen konnte: Du bist mein Vater, ich bin dein Sohn – und es ist mir ehrlich gesagt schnurzegal. Ich muss nicht so werden wie du. Es gibt keine Zwangsläufigkeit: Er hat gefehlt, auch ich werde fehlen. Nein, es ist meine Entscheidung. Als ich so weit war, konnte ich auch im Freundeskreis sagen, wer mein Vater war.

Ich wurde Lehrer, später Schulleiter, ich habe viel mit „schwierigen“ Kindern gearbeitet, Opferzeugen an die Schule eingeladen, mich für den Austausch mit Frankreich engagiert. Ich habe immer weit über meine Kraft hinaus gearbeitet. Vielleicht wollte ich damit die Schuld meines Vaters abtragen.

Als ich dachte, ich sei durch mit dem Thema, kam 1979 die Serie „Holocaust“ im Fernsehen. Ich merkte, dass ich erst den halben Weg hinter mir hatte. Nun fing ich richtig an zu forschen, schrieb alle Archive an. Das zog sich über fast zwei Jahrzehnte hin.

Mein Bruder weiß nicht, was mein Vater getan hat

Am Ende wusste ich, dass mein Vater neben seiner Arbeit als Oberarzt an der Charité noch die Fliegeruntersuchungsstelle leitete, als Stabsarzt. Er war an Kälteversuchen mit KZ-Häftlingen in Dachau beteiligt. Er wollte wissen, wie über dem Meer abgeschossene Soldaten überleben können. Dazu steckte man Häftlinge in Kältekammern oder tauchte sie in Kältebäder. Wieder und wieder. Bis sie erstarrt und tot waren. Ich fand die Referentenliste einer Geheimtagung über diese Versuche, darauf mein Vater. Seine Verbrechen haben mein Leben sehr überschattet. Die Auseinandersetzung mit einem toten Vater ist schrecklich. Weil man nichts mehr klären kann.

Meiner Mutter habe ich nie gesagt, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat. Als sie tot war, sagte ich es meinen Schwes­tern. Ein einziges Mal sprachen wir auch über die Versuche. Meine älteste Schwester hat den Vater innerlich aufgespalten in den rührenden Vater und den furchtbaren Wissenschaftler. Mein älterer Bruder weiß nichts. Wir sind uns erst jetzt nähergekommen, seit er sehr krank ist. Als er mal hörte, was Ärzte im Nationalsozialismus gemacht haben, sagte er: „Ich hoffe nicht, dass Vati dabei mitgemacht hat.“ Was hätte ich sagen sollen? Mein Bruder hat ein schweres Leben gehabt. Ich will ihm das nicht antun. Aber mit dreien meiner Nichten und Neffen spreche ich öfter darüber. Mein Patensohn wird den dicken Ordner erben.

* Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Christine Holch

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Lesermeinungen

Zitat aus dem Artikel: "Die Auseinandersetzung mit einem toten Vater ist schrecklich" Ich würde sagen, mit einer Leiche kann man sich nicht auseinandersetzen. Deshalb sollte man es erst gar nicht versuchen. Manche Probleme löst man, indem man sie sich nicht macht. Das hier ist dafür ein typischer Fall. _______________________________ Falls einen die Neugierde umtreibt, was Papi getrieben hat, als es noch keine Bundeskanzler, sondern Reichskanzler gab, wird man darauf kommen, dass erfolgreiche Menschen eben alles machten, was für den Erfolg nötig war. Das ist heute kein bisschen anders als damals. Warum das so ist, ist eine Frage, mit der sich auseinanderzusetzen erhellend sein könnte. Sich schuldig zu fühlen für das, was der Vater gemacht hat, ist ein Fehler.

Schwere und Tiefe der Auseinandersetzung von Herrn Lützberg* mit der Täterschaft seines Vaters sind in dem obigen Artikel nur angedeutet. Zu seinem Mut, sich diesem Thema zu stellen weit über dieses Interview hinaus, und zu dem Ausmaß seiner - eben nicht verdrängten oder verleugneten - persönlichen Betroffenheit möchte ich ihm hier meinen Respekt und meine Hochachtung aussprechen. Er hat das schwere Erbe seines Vaters nicht nur abgelehnt, sondern durch seine Ideale und sein Engagement mit seinem Leben bewusst und erfolgreich anders angetreten.