Bunter Kontinent

Foto: Jeffrey A/dpa/Picture Alliance

Über Lateinamerika schwappt eine Liberalisierungswelle. Auch in den Kirchen bröckelt die Front der Anti-Homosexualität-Hardliner

Ein Kino in der Hauptstadt San José, es läuft „Midnight in Paris” von Woody Allen. Im Publikum viele Pärchen, darunter  zwei schwule Männer. Als diese sich umarmen, keift drei Reihen weiter hinten eine ältere Dame: Solche Neigungen öffentlich zur Schau zu stellen, das würde direkt in die Hölle führen! Womit sie sicher nicht gerechnet hat: Sie erntet heftigen Widerspruch von den anderen Zuschauern.

Die öffentliche Meinung zur Homosexualität scheint zu kippen – in Costa Rica wie in ganz Lateinamerika. Über den Subkontinent, in dem der Vatikan über Jahrhunderte festlegte, was moralisch und unmoralisch ist, schwappt seit 2007 eine Liberalisierungswelle. Ein Land nach dem anderen legalisiert die gleichgeschlecht­liche Lebenspartnerschaft. Die Homo-Ehe ist in Argentinien sowie Teilen von Brasilien und Mexiko erlaubt.

Evange­likale Fundamentalisten und die offizielle katho­lische Kirche blockieren, wo immer möglich, entsprechende Gesetze, mit dem Hinweis auf das angebliche Wort Gottes. Aber es gibt – vor allem in der anglikanischen und lutherischen Kirche – auch einzelne Würdenträger, die das anders sehen. Melvin Jiménez, Bischof der Lutherischen ­Kirche Costa Ricas, hält es für unzulässig, Homosexualität anhand von Bibelstellen als Sünde zu verdammen. „Wir können die Überzeugungen jener Kultur in unserer Zeit nicht mehr anwenden, ohne fundamentale Rechte zu verletzen.“

Auf einem Symposium in San José traf er ­zusammen mit ähnlich denkenden Bischöfen und Theo­logen aus El Salvador, Mexiko und Chile. Zeitungen und Fernsehsender berichteten, die Redner sprachen sogar im Parlament von Costa Rica. Noch sind sie Einzelkämpfer. Aber immerhin: Die Hegemonie der Hardliner beginnt zu bröckeln.

Markus Plate

Markus Plate ist Journalist und arbeitet für „Brot für die Welt“ in einem Kommunikationszentrum in Costa Ricas Hauptstadt San José.

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Lesermeinungen

@ pro_ecclesia am 16. April 2013 - 9:17
"Südamerika ist in seiner christlichen Geschichte schon immer anfällig für radikale Werdegänge"
War das nicht auch mal in Europa der Fall ?
Fragen Sie sich mal woher das, ( und nicht nur auf das Thema Homosexualität bezogen) kommt.Und fragen Sie sich auch,woher Befreiungsbewegungen in aller Welt ihre Beweggründe haben. Dazu sollte Ihnen schon als Begründung " Unterdrückung " und " "Unfreiheit" einfallen.
Ansonsten wäre es überhaupt sinnlos , sich gegen Talibans Und/oder andere Religions-Terroristen und sonstige Unterdrücker zu wehren oder zu wiedersprechen .

pro_ecclesia schrieb am 16. April 2013 um 9:17: "Man nehme nur die Gräuel der Befreiungstheologie." In der Tat stellt die Zusammenstellung der Begriffe Befreiung und Theologie ein begriffliches und praktisches Gräuel dar. Befreiung durch Theologie ist ein Widerspruch in sich, denn die Theologie handelt von der recht verstandenen Vaterschaft Gottes und der zugehörigen Kindschaft des sündigen Menschengezüchts. Befreiung von Gott und damit Befreiung von der Theologie ist hingegen sowohl dem lieben Gott wie auch seinen Gläubigen ein wahres Gräuel. ________________________ Zitat: "Mit viel Güte und Langmut hat die Kirche ihre Schäfchen wieder einfangen können." Da liegt der Irrtum vor, diese Schäfchen hätten je vorgehabt, den Pferch zu verlassen. Im Gegenteil. Ausgangspunkt der Befreiungstheologie ist die Befürchtung, dass notorische Hungerleider ihren Bock auf den lieben Gott und seine Kirche doch eines schönen Tages verlieren könnten. Und deswegen soll man den Elendsgestalten ermöglichen, sich was zum Essen zu erwirtschaften. Es handelt sich also um einen erfreulich unverstellten Zynismus erlesenster Güte, geboren aus tiefer Sorge um die Sancta Ecclesia. _______________________ Zitat: "Südamerika ist mitnichten brav katholisch und war es auch nie." Da liegen Sie wieder völlig richtig. Man denke nur an die Indiohäuptlinge, die man zur Rettung ihrer Seelen verbrennen musste und die sich auch noch auf dem Scheiterhaufen weigerten, das dargebotene Kruzifix zu küssen. Ziemlich unkatholisch, diese irregeleiteten Eingeborenen! _________________________ Zitat: " Somit hätte die Dame im Artikel ihre Meinung nicht destruktiv rausrufen müssen" Gegen diesen ungerechtfertigten Vorwurf muss ich die Dame in Schutz nehmen. Als mutmaßlich gute Katholikin wusste sie genau wie Sie, dass der wackere Christ von teuflischen Mächten umgeben ist. Sie hat sie sogar in Form der öffentlich knutschenden Homos mit eigenen Augen gesehen. Da bleibt es unerheblich, ob sie wie Seine Heiligkeit im Ruhestand den Weg der Homos in die Hölle direkt aus dem Naturrecht sauber herleiten kann oder ob sie mehr dem gesunden Volksempfinden Ausdruck verleiht. Wenn Satan persönlich im Spiel ist, braucht man keine Höflichkeitsformen zu beachten. Schließlich hat Jesus Christus, als der Teufel ihn in der Wüste versuchte, auch nicht gesäuselt: "Würden Sie mich freundlicherweise in Ruhe lassen, Herr Satan?" Sondern er sprach ziemlich barsch: "Weg mit dir, Satan!" (Matth. 4, 10) Und wenn schon der Herr selber Klartext redet, dann geht der Vorwurf des Fundamentalismus und des Hardlinertums, wie er vom Autor des Artikels erhoben wird, gänzlich an der Sache vorbei.

Südamerika ist in seiner christlichen Geschichte schon immer anfällig für radikale Werdegänge gewesen. Man nehme nur die Gräuel der Befreiungstheologie. Mit viel Güte und Langmut hat die Kirche ihre Schäfchen wieder einfangen können. Seit einiger Zeit grassiert Zuneigung zum selbsternannten Bolivar Nachfolger in Kolumbien und zum dort installierten sozialistischen System. Südamerika ist mitnichten brav katholisch und war es auch nie.

Menschenverachtende Ideologien lassen sich nicht niederschlagen und kaum niederschreien. Deshalb kann der Weg der im Artikel erwähnten Dame im Kino nicht die Lösung sein. Wer auf das Naturrecht und christliche Selbstverständlichkeiten pocht, ist aber ganz sicher weder Fundamentalist noch Hardliner. Als solche würde ich eher jene bezeichnen, die das Christentum mit aller Wehemenz zugunsten einer Multkultideologie umformen und seine sittlichen und apostolischen Wurzeln zu kappen versuchen. Meist geschieht derlei, wenn sich die Kirche einer ideologischen Gesellschaftsordnung verschrieben hat. In Deutschland erleben wir das heuer so wie schon lange nicht mehr.

Vielleicht kann ja gerade ein lateinamerikanischer Papst die Menschen in ihrer Sprache und ihrem Wesen auf den Pfad des Christentums zurück bringen. Die meisten Päpste konnten für ihr Volk viel bewegen, das haben wir bei Benedikt in kleinerem Rahmen ja auch erlebt. Seine Rede im Bundestag bleibt die einzige nonkonforme Stimme der letzten Jahre dort.

Dass das Thema Homosexualität nicht nur pathologisch, sondern auch seelisch wichtig ist, darf die Kirche nicht kalt lassen. Nicht in Lateinamerika und nirgendwo sonst auf der Welt. Daher soll sich der Christ nicht bedrohen und einschüchtern lassen, auch wenn der Teufel um ihn ist. Wer als Christ in dieser Welt ins gesellschaftliche Aus gedrängt oder gar an Leib und Leben bedroht wird, darf die Wahrheit nicht aus den Augen verlieren.

Somit hätte die Dame im Artikel ihre Meinung nicht destruktiv rausrufen müssen, das Böse spricht aber aus den Stimmen derer, die ihr Paroli zu bieten meinten. Hier darf man die Relationen nicht übersehen: Unhöflichkeit gegen Rechtfertigung des Bösen. Wer seine nicht minder unhöfliche Empörung auf die Dame richtet, ist längst geistiges Opfer der würdelosen gottlosen globalen Ideologe.