Namenloses Opfer ohne Gesicht

Demonstration für Frauenrechte vor der Gandhi-Gedenkstätte in Neu-Delhi. Foto: Anindito/dpa picture-alliance

In Indien wird eine Studentin vergewaltigt und ermordet. Ein Verbrechen – und eine Regierung, die Bürgerrechte verweigert

Geht es bei einer Vergewaltigung um Sex? Nein. Es geht um Macht. Und um Macht geht es auch Indiens Regierung, wenn sie um jeden Preis verhindern will, dass Name und Bild der brutal ermordeten Frau in die Öffentlichkeit ge­langen. Angeblich um die Identität und die Würde des Vergewaltigungsopfers zu schützen. In Wirklichkeit geht es darum: Indiens Kampf um Bügerrechte soll keine Symbolfigur bekommen. Keine „Neda“ – die 26-jährige Studentin aus Teheran, 2009 bei Protesten von der Polizei erschossen, deren bildschönes Gesicht zum Ausdruck der „Grünen Revolution“ im Iran wurde.

Ausländische Medien nennen die indische Studentin beim Namen und zeigen ihr Foto. In Indien bleibt sie das namenlose Opfer ohne Gesicht. Ihr Vater und ihr Freund wollen das nicht so stehen lassen: „Meine Tochter hat nichts falsch gemacht. Sie ist gestorben, während sie sich schützte“, sagte der Vater einer britischen Zeitung. Als der 28-jährige Freund der Studentin einem indischen TV-­Sender die grausame Tat und die Untätigkeit der Polizei schilderte, erstattete die Polizei eine Anzeige gegen den Sender – angeblich weil der Freund zu viel von der Iden­tität des Opfers preisgab. Das ist erstaunlich. Bei ähnlich spektakulären Fällen wurden in Indien Opfer und Verdächtige stets mit vollem Namen genannt. Der Fall der erst 14-jährigen Arushi Talwar, die 2008 in einem Vorort von Neu-Delhi vergewaltigt und mit aufgeschlitzter Kehle in ihrem Bett im Haus ihrer Familie gefunden wurde, war Anlass für viele Fernsehshows und eine eigene TV-Serie.

Wegen einer Vergewaltigung allein würde hier wohl niemand vor Wut auf die Straße gehen.

Aber geht es nicht doch um Sex? Um Indiens Frauen? Um Kasten, Klassen oder Religionen? Nein. Es geht um Bürgerrechte. Indiens Frauen sind einiges gewohnt. Wegen einer Vergewaltigung allein würde hier wohl niemand vor Wut auf die Straße gehen. Doch die Geschichte der jungen Studentin aus Neu-Delhi ist selbst für indische Verhältnisse extrem. Sechs Männer hatten sich in einem Bus auf die junge Frau gestürzt, sie vergewaltigt und eine Stunde lang mit Eisenstangen gefoltert. Auch der Freund des Mädchens wurde brutal zusammengeschlagen. Dann ­warfen die Männer das Paar nackt auf die Straße und versuchten, die Frau zu überfahren. Passanten halfen nicht, wohl aus Angst, in das Verbrechen verwickelt zu werden. Und die Polizei stritt 40 Minuten über Zuständigkeiten, bis sie das junge Paar ins Krankenhaus brachte. Die Frau hatte da bereits einen Liter Blut verloren.

Die schreckliche Tat und die Untätigkeit der Polizei – dies alles hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Indiens Mittelklasse, sonst voller Lethargie und Selbstmitleid, mobilisierte sich: Hunderttausende im ganzen Land gingen wochenlang auf die Straßen. Ein Hauch vom Tahrir-Platz in Kairo wehte durch die Innenstadt von Neu-Delhi. Zornige Demonstranten wurden zusammengeprügelt und mit Wasserwerfern vertrieben. Doch die Unzufriedenheit und der Ärger über Indiens Politiker sind damit nicht weg­gespült.

Die Regierung tut alles, um den Spuk schnell zu beenden. Sie verbot den Medien, über den Prozess zu berichten – angeblich um das tote Opfer zu schützen. Indiens Regierung will lieber Untertanen als Bürger mit Rechten – auf der Polizeiwache, im Gerichtssaal, nachts auf der Straße. Mit dem Recht auf einen funktionierenden Staat, auf eine Polizei, die ihre Bürger vor Übergriffen schützt, ein Nahverkehrssystem, in dem auch Frauen sicher heimkommen, die sich keine Limousine mit Fahrer leisten können. Untertanen sind bequemer und billiger. Und die Profiteure aus Indiens Wirtschaftsboom müssen ihren Reichtum nicht teilen. Die Frau, die sich bis zum Schluss mit Händen und Füßen gegen ihre Angreifer wehrte, soll weder Namen noch Gesicht bekommen, um der Bewegung für Bürgerrechte in Indien keine Symbolfigur zu liefern.

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