Die Festung Gezi-Park

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Wohnhaft nur 500m vom Ort des Geschehens berichtet Studentin Judith Nahrwold, wie sie die Proteste in Istanbul miterlebt.

An Stelle des Istanbuler Gezi-Parks soll ein Einkaufszentrum gebaut werden – dieser  Abriss ist ein Symbol für die vielen Veränderungen in der Stadt und in der Türkei, mit denen die Menschen nicht einverstanden sind. Neue Gesetze schränken die persönliche Freiheit immer stärker ein: Demonstrationsverbot am Taksimplatz, oder das Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Die rasante Gentrifizierung führt zu Umweltbelastung, Lebensraum wird verdrängt: Dem neuen Flughafengelände muss ein Wald weichen, der dritten Bosporus-Brücke eine ganzen Nachbarschaft.

Vor 10 Tagen wurde mit der unrechtmäßgen Abholzung der Bäume im Gezi-Park begonnen, die Besetzung startete. Die Polizei ging massiv gegen die Demonstrierenden vor. Zwei Freundinnen bekamen dabei Tränengas direkt ins Gesicht geschossen, wir suchten im Krankenhaus Hilfe auf. Seit diesem Tag geht niemand von uns mehr ohne Essig, Zitronen und Milch vor die Tür, um die Schmerzen nach einer Gasattacke zu lindern. Immer wieder kommt es zum massiven Einsatz von Wasserwerfern und Gas. Der Park wird zu einer umkämpften Festung. Es gibt Schwerverletzte und Tote.

Trotz der Heftigkeit der Ereignisse gibt es eine Aufbruchsstimmung, Menschen sprechen vom türkischen Frühling, von einem Neuanfang. Je massiver das Vorgehen der Polizei ist, desto größer wird die Solidarität unter den Menschen.

Vergangenen Samstag strömten tausende Menschen Richtung Innenstadt. Der Schiffsverkehr ist seit dem lahm gelegt, deswegen kommen sie zu Fuß über die sechsspurige Autobahn-Brücke von der asiatischen Seite auf die europäische. Alle fordern, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan solle abtreten. Längst geht es nicht mehr nur um den Gezi Park.

Der Park wurde zurück erobert und ist nun  einer Festung gleich, die Zufahrtsstraßen sind mit über 20 Barrikaden abgesichert. Er ist die Quelle des Widerstandes. Immer mehr Menschen bringen Nützliches mit und die Demonstranten richten sich ein:  Sie bauen Betten, befestigen Hängematten, musizieren, singen, tanzen, schmücken Bäume, graben einen Garten um, sprühen Graffiti und errichten eine kleine Bibliothek. Die Materialien für diese Aktionen finden sie auf der angrenzenden Baustelle: Blech, Bretter, Nägel, Steine, Kabel, Stahl. Die Solidarität der Menschen untereinander ist unbeschreiblich und die Form des Protests nicht nur auf der Straße, sondern auch auf Twitter und Facebook unglaublich kreativ.


Das sind die positiven Seiten dieses Widerstandes. Andere Städte haben einen solchen Ort wie den Gezi-Park nicht. In Ankara, Izmir und weiteren Großstädten kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen, auch hier gibt es zahlreiche Verhaftungen und Auseinandersetzungen. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Regierung endlich einlenkt und es zu einer friedlichen Lösung kommt.

Judith Nahrwold

Judith Nahrwold studiert Gender Studies in Berlin, seit September 2012 an der Istanbul Universität. Sie verfolgt die Veränderungen in der Stadt und ist seit dem ersten Tag bei den Protesten im Gezi-Park dabei.

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