Die Welt verändern, Schritt für Schritt

Steffen Jänicke

Wer eine Kita gründet, tut etwas Gutes - nicht nur für sich, sondern für die Gesellschaft. Noch besser ist es, wenn die Politik solches Engagement unterstützt. Bundespräsident Joachim Gauck über eine neue Kultur des Miteinanders.

Was macht uns stark? Anders gefragt: Was macht uns wehrhaft gegen Anflüge von Bequemlichkeit, Verdruss oder Angst? Warum gibt es Menschen, die selbst in schwierigsten Momenten ein Lächeln im Gesicht haben – und andere, die sich schon bei scheinbar geringen Anlässen der Ohnmacht ergeben? Solange ich denken kann, treiben mich diese Widersprüche um. Als Junge glaubte ich, alles, was ich mir nicht erklären konnte, sei mit den Wirren der Nachkriegszeit zu begründen. Als Pfarrer nahm ich mir vor, Menschen mit ihren höchst unterschiedlichen Be­gabungen, auch ihren Bürden, vor allem mit ihren individuellen Möglichkeiten zu sehen. Später, in der Zeit der Aufarbeitung der SED-Vergangenheit, wurde mir offenbar, wie sehr Staat und ­Gesellschaft – zumal in einer Diktatur – die Entwicklung des Einzelnen beeinflussen können. Und nun, mit über 70 Jahren, versuche ich all diese Antworten zu einem großen Bild zusammenzufügen. So viele Farben! Zu den kraftvollsten gehört die Erinnerung an einen Augenblick in diesem Frühjahr, als ich mit dem querschnittgelähmten Samuel Koch auf einer Bühne saß. Er sprach über das, was ihn trotz seines schweren Unfalls leben und weiterleben lässt. Seine Worte schwingen bis heute in mir nach.

Was macht uns stark? Es sind nicht die Attribute der vielzitierten Leistungsträger, die mir dazu als Erstes einfallen. Die Stärke, die ich meine, ist Ausdruck einer Haltung. Sie wächst mit uns, wächst vor allem dann, wenn wir uns angenommen, handlungsfähig und gebraucht fühlen. Wissenschaftler haben dafür ein Wort geprägt – die Erfahrung der „Selbstwirksamkeit“. Das Beste an diesem Begriff ist die Tatsache, dass er nicht irreleitet in die Kategorie der vermeintlichen Nützlichkeit, die über Jahrhunderte so viele Gruppen – auch Menschen mit Behinderung – von gesellschaftlicher Teilhabe ausschloss oder marginalisierte. Selbstwirksam kann jeder sein, unabhängig von Alter, körperlicher oder geistiger Verfassung, von geschlechtlicher Identität und Orientierung, von Herkunft oder Religion. Selbstwirksamkeit braucht jedoch auch ein Gegenüber, mindestens einen Menschen, der hinsieht, zuhört, reagiert. Es macht uns stark, für andere eine Bedeutung zu ­haben. Das ist der Grund, warum Millionen Männer, Frauen und Jugendliche in Deutschland freiwillig engagiert sind und auch ohne Bezahlung, aus eigenem Antrieb viel Zeit und Energie für das Gemeinwohl aufbringen. Wenn man einen Vereinsvorstand, eine Lesepatin oder einen Arzt ohne Grenzen fragt, warum all das die Mühe lohnt, dann hört man fast immer die gleiche Antwort: Ich bin so froh, etwas beitragen zu können.

Wahr ist allerdings auch: Wenn Selbstwirksamkeit verwehrt bleibt, geraten der Einzelne und irgendwann die Bürgergesellschaft insgesamt in Schieflage. Mit etwas Abstand zur Wutbürger-Debatte stellen wir fest, dass der Kern der Empörung nicht unbedingt in einem Bauplan fixiert war. Kern war vielmehr das Gefühl vieler Menschen, von Entscheidern und Machern übergangen, in der öffentlichen Debatte deklassiert, sogar entmündigt worden zu sein. Leider ist das Misstrauen gegenüber „denen da oben“ noch immer weit verbreitet, aber einige Kommunen haben aus den ­Erfahrungen der vergangenen Jahre gelernt, haben einge­sehen, dass man Partner im Dialog nicht „mitnehmen“, sondern vor allem ernst nehmen sollte.

Ob Kommunal-, Landes-, Bundes- oder Europapolitik: Augen­höhe ist noch längst nicht überall erreicht, wo sie in bunten Broschüren proklamiert wird, und auch einige Sprachgebilde könnten Revision vertragen. Der sogenannte politische Raum beispielweise ist bei näherem Hinsehen kein Elfenbeinturm, keine Insel in Berlin-Mitte. Der politische Raum ist überall dort, wo Menschen die Geschicke unseres Landes selbst in die Hand nehmen, wo sie mitreden, mitbestimmen und mitgestalten. Wenn etwa Eltern eine Kita gründen – sei es aus Not oder aus pädagogischer Überzeugung –, dann handeln sie zwar als persönlich Betroffene, aber deshalb nicht weniger wirksam für die ­Gesellschaft. Gut, wenn Politik und Verwaltung Engagement dieser Art nicht als Übergriff in ihre eigenen Zuständigkeiten betrachten, sondern stattdessen den Engagierten beispringen, weil vor Eröffnung der neuen Kita jede Menge Bürokratie und Standards zu bewältigen sind.

Was macht uns stark? Sicher nicht die Betonung von Unter­schieden, vielmehr der Versuch vernünftiger Kompromisse. Oft werden Bürger, Staat und Unternehmen als Gegenspieler dargestellt und Themen, die Kooperation unbedingt nötig hätten, mit diesen Rollenerwartungen aufgeladen. Sogar von Sektorgrenzen, einem Wort, das ich gern der Vergangenheit überlassen würde, ist dann die Rede. Umso mehr begrüße ich jedes Projekt, das die Kraft der Kompromisse fördert und damit der Selbstwirksamkeit ihren Weg bahnt, die Bürgerhaushalte und Bürgerforen beispielsweise oder Austauschprogramme zwischen Wirtschaft und Verwaltung. Allerdings sollten wir uns eingestehen, dass eine neue Qualität des Miteinanders manchmal mehr bedeutet, als selbst eine vitale Bürgergesellschaft wie unsere von heute auf morgen zu leisten imstande ist. Gerade bei den Langzeitvorhaben, die wir nur als große Gemeinschaft bewältigen können, kommt es auf indi­­vi­duelle ­Haltung an. Wenn beispielsweise die Umsetzung der inklusiven Bildung mehr als eine Generation Lehrer und Eltern in Atem hält, sollten wir uns daran erinnern: Der zutiefst humanistische Ansatz von Inklusion ist richtig. Oder wenn Vielfalt anstrengend wird und Integrationsprogramme viel Aufwand bedeuten, dann sollte Toleranz – soweit sie durch unsere Verfassung gedeckt ist – weit über die Lutherdekade hinaus unser Leitgedanke sein.

Zur Vollständigkeit muss an dieser Stelle gesagt werden: Falsche Toleranz macht nicht stark, sondern kleinmütig. Sowohl der Staat als auch die Bürgerinnen und Bürger können nur dann verlässlich handeln, wenn Grenzen der Toleranz definiert sind. Diese Art von Grenzen sollten wir nicht als Bedrohung unserer Freiheit verstehen, im Gegenteil. Sie stecken den Rahmen ab, innerhalb dessen die Fülle an Bürgerrechten, nach denen sich Millionen auf der Welt vergeblich sehnen, auslebbar und lebendig sind. Wenn ich dieser Tage in unserem Land Diskussionen über Politikverdrossenheit höre, muss ich an ferne Orte wie den Tahrir-Platz denken. So viele Menschen haben den Tod für das riskiert, was bei uns zuweilen mit einem müden Zucken quittiert wird. Auch Müdigkeit gehört zur Meinungsfreiheit, aber solange ich Gelegenheit dazu habe, möchte ich erwidern: Stark macht uns die Erkenntnis, dass wir es sind, die diese Welt verändern können.

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Lesermeinungen

Die Welt verändern, Schritt für Schritt.

Die Kultur eines besseren oder gar eines idealen Miteinanders ist fundamental abhängig von den Werten, die alle an diesem Vorhaben interessierten Partner gemeinsam haben. Ergo müßten nicht nur alle der gleichen Partei, der gleichen Weltanschauung sondern auch noch der gleichen Religion angehören. Diese Ansatz ist also utopisch. Wer dennoch daran glaubt ist ein Phantast.

Also liegt die Wahrheit der Möglichkeiten und einer Einigung irgendwo dazwischen. Die setzt aber Demokratiefähigkeit und die Abkehr vom Absoluten der eigenen Meinung voraus. Schon wieder das Problem, dass hierfür eine gegenseitig anerkannte Wertskala unumgänglich ist. Also auch nichts mit absehbarem Erfolg.

Der Anspruch, die Welt Schritt für Schritt verändern zu wollen und auch zu können (etwas zu wollen ohne es zu können, ist pure Phantasterei!) ist obsolet. Es sei denn, künftigen Generationen ist eine vererbbare Gehirnwäsche bis hin zum Idealmenschen möglich. Das ist bisher niemand (zum Glück), nicht mal ansatzweise, gelungen, obwohl die Mächtigen dieser Erde und auch die christlichen und alle anderen Religionen das zu gerne gewollt haben und immer noch wollen.

So bin ich beim Endpunkt der Überlegung angelangt. Die zwei Seelen (resp. göttliche Ausstattung) in unserem Wesen und dem anderer Menschen, führen nun einmal zu einem täglichen Konkurrenzkampf zwischen GUT und BÖSE in uns selbst. Diese Bipolarität aller Menschen und der gesamten Natur ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Und dennoch ist erstaunlich, dass selbst Bundespräsidenten, zum Wohle der eigenen Wünsch,e versuchen, diesen Aspekt viel oder ein wenig zu verdrängen.

Ja er begrüsst die syr.Flüchtlinge; hat er auch welche auf seine Kosten untergebracht? Genau wie bei den Linken, jede >Familie soll mtl. 1000 Euro haben plus 35o für jedes Kind.
Finanzierungsgrundlage aber bis heute nicht bewiesen.
Gauck ist ja parteilos, also SPD und Grüne und Linke nicht wählbar!!!!!!!

Zitat aus dem Artikel: "Oft werden Bürger, Staat und Unternehmen als Gegenspieler dargestellt" Wer wird denn solche hässlichen Töne anschlagen? Der Staat teilt seinen verehrten Bürgern per Grundgesetz, gewöhnlichen Gesetzen und Verordnungen mit, was ihnen erlaubt und verboten ist. Der anständige Bürger nimmt diese Vorgaben als Freiheiten wahr, für die er seinem Staat Dankbarkeit und Gehorsam schuldet. Von Stund an kämpft der Bürger sich durch die tägliche Konkurrenz. Die Erfolge und Niederlagen, die er dabei einzustecken hat, hängen sehr unmittelbar davon ab, ob er wesentlicher Anteilseigner eines Unternehmens ist oder ob er sich dort seine Brötchen in Normalgröße zu verdienen hat. Unbelehrbare, die sich gar keine Lizenzen abholen wollen, sondern Zwecke im Leben verfolgen, die den Staats- und Unternehmenszwecken zuwider laufen, landen im Knast. Wo soll da bitte noch ein Gegensatz zwischen Bürger, Staat und Unternehmen sein? __________________________ Zitat: ".....Millionen Männer, Frauen und Jugendliche in Deutschland freiwillig engagiert sind und auch ohne Bezahlung, aus eigenem Antrieb viel Zeit und Energie für das Gemeinwohl aufbringen...." Ein wirklich schöner Zug von diesen vorbildlichen Millionen Männer, Frauen und Jugendlichen! Eltern putzen kostenlos die Klosetts in den Schulen ihrer Kinder und der Schulträger spart sich so die sonst fälligen Kosten für die Putzfrauen. Und der oberste staatliche Machtrepräsentant und ehemalige Pfarrer spendet begeistert Beifall. Was soll da noch schiefgehen können?

Es fällt mir schwer zu glauben, dass der Vorspann zum Text von Joachim Gauck autorisiert ist, denn er entwertet alles, was im eigentlichen Text ausgeführt wird.

Selbstwirksamkeit, soziale Sicherheit, natürliches Neugierverhalten, kurzum alles, was zu einem zufriedenen, selbstsicheren und ausgeglichenen Menschen gehört, fußt in erster Linie auf Bindungen zu festen Bezugspersonen in der frühen Kindheit. Die besten Voraussetzungen hierfür liefert in aller Regel eine gute Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern und eben nicht eine Kita, in der Kinder nur "professionell", aber eben nicht mit elterlicher Liebe betreut werden, die für die soziale Entwicklung eines Kindes viel wichtiger ist.

Wenn hier die "Gründung einer Kita" als etwas "Gutes" beschrieben wird, dann wird ganz beiläufig vermittelt, dass diese besser sei als die Betreuung durch die Eltern. Das widerspricht aber ganz überwiegend den medizinischen, psychologischen und soziologischen Erfahrungen.

Es stellt sich die Frage: Hat Joachim Gauck wirklich so wenig Sachkenntnis über die kindliche Entwicklung? Das kann ich kaum glauben. Oder wurden seine Ausführungen einfach dazu missbraucht, einer regierungsamtlichen wirtschaftsfreundlichen aber familienfeindlichen Ideologie ein bundespräsidiales und dazu pastorales Mäntelchen umzuhängen, um sie damit besser verkaufen zu können?

Dr. Johannes Resch
Arzt für Neurologie und Psychiatrie