Die Luftbekleideten

alle Fotos: Michael Obert

Nackt wandern die Digambara durch Indien. Sie essen kein Fleisch, keine Wurzeln. Selbst kleine Insekten schonen sie. Nur ihr eigenes Leben löschen sie aus, indem sie immer weniger zu sich nehmen. Besuch bei einem, der den Jainas wie dem Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain heilig ist

Gelb-orange flimmert der Dunstschleier über den kastenartigen Häusern, den Klosterwällen und Tempeln von Sravanabelagola, einer Kleinstadt im Süden Indiens. Hähne krähen, und die letzten Lichter zittern im frühen Morgen, als die Männer mit dem Aufstieg auf den heiligen Berg beginnen. Mit einem Besen aus Pfauenfedern fegt ihr Anführer die steilen Granitstufen, bevor er sie selbst betritt. Die anderen machen es ihm nach, einer rätselhaften Choreographie folgend, synchron wie in einem Ballett. Ihre Oberkörper sind sehnig, ihre Hinterbacken kräftig. Zwischen muskulösen Schenkeln baumelt ihr unbeschnittenes Glied. Die Männer sind splitternackt.

Digambara – „Luftbekleidete“ – heißen die Mönche des Jainismus, einer Religion mit rund vier Millionen Anhängern. Als Wanderasketen halten sich die Mönche an fünf Schwüre: keine Gewalt, keinen Diebstahl, keine Lüge, keinen Sex, keinen materiellen Besitz – selbst Hemd und Hose lehnen sie ab. Sie essen und trinken nur einmal am Tag. In Sravanabelagola, einer ihrer wichtigsten Pilgerstätten, gewähren die nackten Männer seltene ­Einblicke in ihre geheimnisvolle Welt.

Auf den Stufen des heiligen Berges hält Samata Sagar, der ­Führer der Digambara, plötzlich inne. Direkt vor dem 50-Jährigen mit dem kahlen Kopf und den tiefliegenden Augen wuseln ­Ameisen über den Granit. „Wenn du auch nur eine von ihnen tötest, wird ihr Leid zu deinem eigenen“, sagt Samata und fegt die Insekten behutsam mit seinem Pfauenbesen beiseite. „Dann wächst der Schmerz in dir.“

Für Jainas – wie für Hindus – ist die Welt ohne Anfang und Ende. In ihr wirkt ein ewiges Gesetz in allen Wesen und Dingen. Der Mensch wird nach dem Tod entsprechend seinen guten oder bösen Taten – seinem Karma – als Tier, Mensch, Gott oder in anderer Weise wiedergeboren. „Die Ameise und ich“, sagt Samata und wedelt sicherheitshalber noch einmal über die Stufen.

„Wir teilen das gleiche Schicksal.“ Dann gibt er den anderen ein Zeichen, dass sie ihren Weg fortsetzen können.
Die Digambara praktizieren Ahimsa, das besonders streng ausgelegte Gebot, alles Lebendige zu schonen. Die Pfauenfedern, mit denen sie auf ihren Wanderungen vor sich her fegen, um nicht versehentlich ein Insekt zu zertreten, sind ausgefallen, nicht ausgerupft. Manche Digambara tragen Mundschutz, damit sie keine Mücken einatmen. „Ein Fahrzeug könnte ein Tier oder einen Menschen verletzen“, sagt Samata auf dem Weg nach oben. „Deshalb gehen wir ausschließlich zu Fuß.“ Das jainistische Ahimsa-Gelübde soll Mahatma Gandhi zu seinem gewaltlosen Protest für die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Herrschaft inspiriert haben.

Nur einmal am Tag nehmen die Asketen etwas zu sich, den Rest der Zeit fasten sie

Die Digambara-Mönche ernähren sich streng vegetarisch, sie essen keine Eier, weil darin Leben heranwächst, kein Wurzel­gemüse, weil bei seiner Ernte die Pflanze zerstört wird und anderes Leben Schaden nehmen könnte. Sie waschen sich nicht und putzen niemals ihre Zähne, auch die Einzeller im Wasser haben ein Recht auf Leben. Um keine Flöhe oder Wanzen zu zer­drücken, schlafen sie auf Holzplanken ohne Bettzeug oder Decke. Selbst in ihren Träumen sind die Digambara nackt.

Samata steigt zügig zum Gipfeltempel auf. Unter ihm wird die Stadt allmählich kleiner, die papaya- und mangofarbenen Häuser und staubigen Straßen, der rechteckige See voller Lotusblüten. Samata sieht hinab auf die profane Welt und lächelt. Seine Zähne leuchten auf. Sie sind in gutem Zustand. Auch ohne Zahnpasta. Mit seinem gespannten Bauch und den kräftigen Hinterbacken sieht Samata nicht ausgezehrt aus, wie man sich einen Asketen vorstellen mag. Seine Haut schimmert seiden. Ihn umgibt kein strenger Körpergeruch, eher ein seltsam metallischer Duft. Drei Mal im Jahr zupft er sich den Bart und seine Haare mit den Händen, um sein Äußeres zu pflegen.

Weiter oben werden die Schritte schwerer. Die Granitstufen sind von unzähligen ­Pilgerfüßen glatt poliert. Samata ist schweißüberströmt. Er gibt Geräusche von sich wie ein im Wind ächzender Baum. 614 Stufen, zum Teil kniehoch. Zuletzt haben er und die an­deren Asketen am Vorabend gegessen. Nur einmal am Tag nehmen sie etwas zu sich, den Rest der Zeit fasten sie und gönnen sich bis zur nächsten Mahlzeit nicht einmal mehr einen Schluck Wasser – am heiligen Berg ebenso wie auf ihren langen Märschen durch das brütend heiße Indien.

Er meditierte, bis sich Pflanzen um seine Arme und Beine rankten

Als wäre es heimlich verabredet, geht die Sonne just in dem Moment auf, in dem die Digambara den Gipfel erreichen. Eine lindernde Brise erhebt sich. Papageien flattern vorbei. Das Tor zum Tempel gleicht der Pforte zu einer verborgenen Welt. Säulenhallen und wehrhafte Mauern umgeben den Innenhof. Der Rauch heiliger Feuer, der Duft von Moschusstäbchen. Pilger häufen auf niedrigen Tischen Reiskörner, Erdnüsse, Mandeln und geraspelte Kokosnuss zu Gaben auf, geometrisch angeordnet wie Codes, die verschlüsselte Botschaften zu enthalten scheinen. Über ihnen erhebt sich ein 18 Meter hoher Monolith in den rötlichen Morgenhimmel, die 981 erbaute, aufrecht stehende Statue des nackten Bahubali.

Der Königssohn, so die Legende, besiegte einen seiner Brüder im Kampf um den Thron. Statt jedoch danach das Reich zu übernehmen, ließ er alles zurück und zog in die Wälder, wo er meditierte, bis sich Pflanzen um seine Arme und Beine rankten und Ameisenhügel um seine Waden bildeten. Bahubali ist der erste Mensch, der nach dem Glauben der Jainas Moksha erlangte: ­Erlösung vom Kreislauf aus Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Als die Digambara in den Tempel eintreten, verbeugen sich die Pilger zwei Mal, um ihre tiefe Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Aus Sicht der Jainas sind ihre Mönche auf dem Weg zur Erlösung sehr viel weiter fortgeschritten als sie selbst. Allein strenge Askese, Meditation und sittliches Handeln, wie die Digambara es vorleben, vermögen den ewigen Kreislauf der Existenzen zu durchbrechen. Die nackten Männer sind der lebende Inbegriff der jainistischen Lehren. Wenn sie auf ihren Wanderungen in einen Ort einziehen, strömen Menschen aus der ganzen Region zusammen, um ihre Reden zu hören und sich in religiösen Dingen unterweisen zu lassen.

Unter den Pilgern auf dem heiligen Berg ist auch Mister Makhai. Der Jaina mit den starken Augenbrauen und dem mit Gel zurückgekämmten schwarzen Haar ist im Privatjet angereist. Das letzte Stück vom Flughafen in Bangalore hat er in einer klimatisierten Limousine zurückgelegt.

Der Millionär auf Knien vor dem nackten Asketen

Jetzt trägt der Goldhändler und Multimillionär aus Mumbai schlichte weiße Baumwollhosen, ein weißes Hemd und keine Schuhe. Für einen Moment versucht er seine Stadtvilla zu vergessen, seine Shopping-Trips nach Dubai und das Inselresort im Indischen Ozean für 2500 Dollar die Nacht. Dann verbeugt sich Mister Makhai zwei Mal vor Samata und berührt mit den Fingerspitzen seine rissigen Zehen, um seinen Segen zu empfangen.

Der Millionär auf Knien vor dem nackten Asketen – ein Sinnbild für einen schwer begreiflichen Widerspruch im Jainismus: Während sich die Mönche jeden Komfort, jede noch so kleine weltliche Freude versagen, gehören jainistische Laien zu den reichsten Familien Indiens. Das strenge Gebot der Gewaltlosigkeit hat sich über Jahrhunderte auf ihr Erwerbsleben ausgewirkt. Fleisch, Honig, Eier, Leder, Seide oder Gärprozesse sind tabu. Und da für Jainas auch die Partikel der Elemente belebt sind, dürfen sie keine Berufe ausüben, bei denen sie in der Erde graben müssten oder die mit Feuer oder dem Fällen von Bäumen zu tun haben. Stattdessen schlagen Jainas meist eine akademische oder kaufmännische Laufbahn ein. In Indien, einer der am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt, gehören sie zur Wirtschaftselite.

Viele der rund 100 000 Jainas, die außerhalb Indiens leben, nehmen ebenfalls herausragende Positionen ein. Mit einem Vermögen von über zwei Milliarden Dollar kam der IT- und Raumfahrtunternehmer Naveen K. Jain auch schon mal auf die Forbes-Liste der reichsten Amerikaner und erreichte Platz 121. Der Versicherungsboss Ajit Jain zeichnet verantwortlich für milliardenschwere Geschäfte und spektakuläre Deals wie die Lebensversicherung des Boxers Mike Tyson.

Und auch die Deutsche Bank wird von einem Jaina geleitet: ­Anshu Jain, der britische Bankmanager, der im indischen Jaipur geboren wurde, ist seit Juni 2012 Chef des größten deutschen Kreditinstituts. „Das Unnahbare, fast Sphinxhafte“ des Top­managers beziehen Medien und Kollegen nicht selten auf die wenig bekannte Religion, welcher der Bankenboss angehört.

„Schon als kleiner Junge wollte ich ein Weiser werden“

Fordert seine Religion nicht, allem Besitz zu entsagen? Mister Makhai wirkt angespannt. Auf seiner Matte im Tempelhof rutscht er unruhig hin und her. Seine Kiefermuskeln arbeiten unentwegt, als kaue er auf den Widersprüchen herum, die seine religiösen Pflichten und die Herausforderungen des Goldgeschäfts mit sich bringen. „Irgendwann lasse auch ich alles zurück“, sagt er und sieht zu Samata hinüber, der mit einem entspannten Lächeln zu Füßen der Statue sitzt. „Im nächsten Leben vielleicht. Oder im übernächsten.“ Dann steigt Mister Makhai vom heiligen Berg ­hinab, seinem Millionenvermögen entgegen.

„Wenn das Haar seine Wurzel verliert, fällt es ab“, sagt Samata und sieht ihm nach; die anderen Digambara nicken zustimmend. „Ebenso fallen eines Tages die Kleider von dir ab.“ Abfallen: von der Welt, von der Gesellschaft, von Bindungen, Werten und gesellschaftlichen Normen. 

Einer von Samatas Gefährten, Prayant, war früher Lehrer in Mumbai. Ein anderer, Bimbisar, verdiente seinen Lebensunterhalt als Schmuckhändler an der Malabarküste. Nabhi studierte Wirtschaftswissenschaften, als ihn im Traum ein alter Mann zu sich rief, der nur noch Haut und Knochen war. Nacht für Nacht derselbe Mann, seine Rufe. „Schon als kleiner Junge wollte ich ein Weiser werden“, sagt der hochgewachsene Digambara mit den hervorspringenden Rippen und Schlüsselbeinen. „Ich mache meinen Traum wahr.“

Siddhart war IT-Manager in Bengalore. Florierende Firma, ­ansehnliches Einkommen, Stadtvilla, Frau und Kinder. Eines Morgens, vor Tagesanbruch und ohne ein Wort zu sagen, ging er aus dem Haus, um nie mehr zurückzukehren. „Ich folge diesem leisen Summen, meiner inneren Musik.“ Ob seine Frau und seine Kinder noch leben, weiß er nicht.

„Ein Digambara darf keine Frau berühren. Nicht einmal die Mutter.“

Sie alle folgen dem Beispiel ihres Religionsstifters Mahavira, eines Zeitgenossen Buddhas, der im 6. Jahrhundert vor Christus seine Frau und seine Tochter verließ, um sich als nackter Asket auf Wanderschaft zu begeben. Unter einem Weidenbaum am Ufer eines Flusses kam ihm die Erleuchtung, die Allwissenheit über alles, was war, ist und sein wird in sämtlichen Welten. Von da an wurde er „Jina“ genannt – „Eroberer“ – und die Anhänger seiner Gemeinschaft: Jainas.

Im Tempelhof löst sich eine alte Frau aus der Menge der Pilger. Winzig, ganz in Weiß, das Haar unter ein Kopftuch geschoben, sieht sie den nackten Samata an. Ihre Augen strahlen, dann verschleiert sich ihr Blick. Die Frau scheint hin- und hergerissen von der Erscheinung des Digambara. Einer der Pilger verrät: „Sie ist seine Mutter. Sie hat ihn seit zehn Jahren nicht gesehen.“

Langsam geht sie auf ihren Sohn zu. Statt ihn zu umarmen, bleibt sie seltsam schief vor ihm stehen. Ihr Oberkörper lehnt sich vor, doch ihre Füße scheinen sie zurückzuhalten. Samata ist keine Gefühlsregung anzusehen. „Ein Digambara darf keine Frau berühren“, wird er später sagen. „Nicht einmal wenn sie ihn zur Welt gebracht hat.“ Die Mutter ist nicht mehr die Mutter, der Sohn nicht mehr der Sohn. Die beiden sind nur noch Mann und Frau. Ihre Begegnung unterliegt strengen asketischen Regeln. „Wo ein Digambara sitzt, darf sich 144 Minuten lang keine Frau hinsetzen“, so Samata. „Wo eine Frau saß, darf der Digambara sich 48 Minuten lang nicht niederlassen.“

Samatas Mutter steht vor ihm und zittert am ganzen Leib. Als zerrten sie der Schmerz über den Verlust des Sohnes und die Freude der Jaina über sein Wirken für die Gemeinschaft in zwei verschiedene Richtungen. Dann senkt sie ihr Haupt, Samata legt die Pfauenfedern auf ihr Haar und segnet sie.

Zwei Umrundungen der Erde abgewandert

Kurz darauf ziehen sich die Digambara zurück. Auf dem Flachdach des Tempels, das Außenstehenden nicht zugänglich ist, flimmert die Hitze. Seit fast 20 Stunden ­haben die Asketen weder gegessen noch getrunken. Körperliche Härten gehören zu ihren spirituellen Übungen, man sieht ihnen die Strapazen an. Schweigend starren sie hinunter auf die Stadt Sravanabelagola, die im Dunst liegt. Die Sonne hat die Farben aus der Ebene getilgt, der Himmel ist von einem gleißenden Grau.

„Die Welt brennt“, sagt Samata und sieht den Vögeln nach, die im Aufwind über der Stadt kreisen. Er erzählt, wie er sich damals, vor fast 30 Jahren, einem in ganz Indien bekannten Digambara anschloss. Dieser lehrte ihn, Ahimsa – Gewaltlosigkeit – zu praktizieren, zu fasten, seine Wünsche und Triebe zu kontrollieren und die Schriften des Jainismus zu studieren, im Laufe der Jahrhunderte von Asketen verfasste religiöse Texte.

Manche Schüler brauchen 20 Jahre, bis ihr Guru mit ihnen zufrieden ist. Samata erhielt schon nach kurzer Zeit den Status eines Novizen, der für eine Weile noch einen weißen Lendenschurz trägt. 1983, an einem bedeckten Septembertag am Ende des Monsuns, weihte ihn sein Guru zum Digambara. Seither wandert Samata nackt über den Subkontinent, die ­jainistische Lehre predigend. Die Strecke, die er zurückgelegt hat, sagt er, entspreche zwei Umrundungen der Erde.

Vermisst Samata manchmal sein altes Leben? Eine Dusche? Eine ­Cola? Ein Eis an einem heißen Nachmittag? „Je länger du etwas zurücklässt, desto weniger brauchst du es.“ Die Umarmung einer Frau? „Ein Digambara hat kein Verlangen.“

Mit den Daumen ver­gewissert er sich, dass kein Insekt ins Fladenbrot gelangt ist

Am späten Nachmittag steigt Samata die steilen Stufen des heiligen Berges hinab. Er keucht vor Anstrengung. Der Schweiß rinnt in Strömen an ihm hinab. Hunger und Durst lassen seine Oberschenkel zittern. Seit fast 24 Stunden fastet er. Es ist eine weitere Etappe auf seinem asketischen Weg, der, wie Samata glaubt, eines Tages in der Höhle eines Berges enden wird. Dort werde er ganz aufhören zu essen und zu trinken, um nur noch zu meditieren und nach Familie und Besitz schließlich auch seinen Körper zurückzulassen. Sallekhana – der rituelle Hungertod – gilt als Vollendung des asketischen Daseins, als direkter Weg ins Nirwana.

Das Gemeindezentrum der Jainas am Fuß des heiligen Berges ist noch im Rohbau. Unter der Decke sind weiße Leintücher gespannt. Auf der Sonnenseite ersetzen Kartons die fehlenden Fens­ter. Frauen aus der Gegend haben für ihre Asketen gekocht. „Willkommen, seid willkommen“, singen sie im Chor und umtanzen sie mit Speisen. „Unser Reis ist gut, unsere Linsen sind gut.“

Die nackten Asketen steigen auf eine Reihe niedriger Holz­podeste und formen die Hände zu Schalen. Frauen in weißen Gewändern treten mit kleinen Silbertöpfen vor. Samata nickt kaum merkbar, und seine Hände werden mit Reis, Linsen, Ge­müse, Curry-Soßen, Fladenbrot gefüllt. Mit den Daumen ver­gewissert er sich, dass kein Insekt, kein Haar, kein Schmutz ­hineingelangt ist; dann führt er die Hände zum Mund.

Eine Frau gießt Mangosaft in Samatas Hände. Es ist seine ­Mutter

Seit Tagesanbruch hat der Digambara seiner Gemeinschaft Rat und Segen gespendet, gepredigt und gebetet, Hitze, Staub und körperliche Strapazen ertragen. Jetzt darf er essen und trinken. Endlich. Die Gesichter der Jainas strahlen. „Er hat keine Frau, keine Mutter, keinen Vater“, flüstert einer von ihnen. „Er hat nur uns.“ Je besser es dem Digambara schmeckt, desto höher ist das spirituelle Verdienst seiner Anhänger. Sie füttern die Asketen mit Linsen und Curry, und die Asketen füttern sie mit gutem Karma. So helfen sie sich gegenseitig, demselben Ziel entgegenzustreben: Erlösung.

Eine Frau gießt Mangosaft in Samatas Hände. Es ist seine ­Mutter. Für einen Moment treffen sich ihre Blicke, und Samata schenkt ihr ein Lächeln. Noch ein paar geröstete Erdnüsse? Ein Stückchen Banane? Der Digambara schließt die Hände. „Du bist zu uns ge­kommen“, singen die Jainas und knien ­nieder. „Du hast von uns gegessen.“ Die Speisung ist beendet.

Am folgenden Morgen jagen Staubwolken über die Ebene von Sravanabelagola. Ein knorriger Baum trägt weiße Blüten. ­Libellen flirren in der Hitze, während ­Samata den heiligen Berg hinter sich lässt. Ein weiterer Marsch liegt vor ihm. Ohne Essen, ohne Wasser. Wo er schlafen wird, weiß er noch nicht. Auf einem Feldweg wandert er in Richtung Osten, mit dem Pfauenbesen vor sich her fegend, nackt – hinaus in ein Indien, das an den Rändern zu flimmern beginnt.

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