Barmherzige Brüder

Foto: Sascha Montag

Hunderttausende Syrer suchen Zuflucht in Jordanien. Die Aufnahme­bereitschaft der Menschen ist enorm. Doch nun, 30 Monate nach Beginn des syrischen Bürgerkrieges, ist die Geduld allmählich erschöpft. Nur wenige helfen unver­drossen weiter – wie die Mougrabis

Wenn in Syrien die Bomben fallen, zittern bei den Brüdern Mou­grabi die Schaufenster. Von hier sind es zwei Kilometer Luftlinie bis zur Grenze. Ihr Laden am Rande der nordjordanischen Stadt Ramtha ist eigentlich mehr Spelunke als Geschäft. An den Mehl- und Kaugummipackungen in den Regalen sind mit den Jahren die Preisschilder verblichen. Aus dem schrankgroßen ­Tresor hinterm Tresen heraus betreiben die Brüder einen schwunghaften, aber illegalen Geldwechsel.

Zu jeder Uhrzeit sitzen im wohnzimmergroßen Geschäft mindestens zwei ­Gäs­te auf herbeigeschobenen Hockern. Gerade kommt ein Polizist herein, in der Hand ein Handy. Er reicht es „Haddsch Sami“, so nennen die Leute hier den 62-­Jährigen, auf Deutsch: Pilger-Sami. Die ­syrische Flüchtlingsfrau am anderen Ende der Leitung war dem Polizisten bei seiner Streife über den Weg gelaufen: Nein, ihr Ehemann sei nicht mitgekommen, sagt sie auf Haddsch Samis Nachfrage, nur sie und ihre drei Kinder.

Neben Haddsch Sami hockt auch sein 49-jähriger Halbbruder, den die Leute hier „Doktor Sami“ nennen. Er schlägt ein Heft auf, überblättert vollgekritzelte Seiten mit durchgestrichenen Namen und landet schließlich bei der aktuellen Flüchtlings­liste mit 73 Namen, dazu Daten von Fami­lienangehörigen. Die Frau am Telefon wird die Nummer 74.

 Die Mougrabis: Haddsch Sami, wie die Leute sagen, und sein jüngerer Bruder Doktor Sami

Seit über zwei Jahren ­strömen Syrer über die 370 Kilometer ­lange Grenze.

Neben dem Heft liegt ein Stapel Umschläge bereit. Dort hinein stecken die ­Brüder später dünne Geldbündel. Jede Flüchtlingsfamilie bekomme einen Umschlag, heißt es. Und bis zum Abend hat Haddsch Sami auch für die Frau einen Ausweg gefunden. Ein Freund wird sie ­abholen und nach Ramtha bringen.

Das Haschemitische Königreich Jordanien gilt als „Schweiz des Nahen Ostens“. Die Jordanier, so sagt man, halten sich gern aus Streitereien heraus. Sie suchen den Konsens. Das Land verfügt über keine nennenswerten Rohstoffe, nicht einmal Wasser. Jordanien gilt als eines der trockensten Länder der Erde. Dafür finden Flüchtlinge hier die Stabilität, die bei den Nachbarn fehlt.Die größte Gruppe der Flüchtlinge sind die Palästinenser. In den 1990ern kamen Tschetschenen und Bosnier, während des Irak-Krieges flüchteten 700 000 Iraker nach Jordanien.

Außer dem Libanon hat seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges kein anderes Land so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Jordanien, laut offizieller Zählung des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen über 525 000. Inoffizielle Zahlen, die in Jordanien kursieren, sind deutlich höher. Warum die Mougrabis Flüchtlingen ­helfen? „Doktor Sami“ erklärt das mit einer Geschichte über den Propheten Mohammed.  Als er vor etwa 1400 Jahren mit seinen Anhängern von Mekka nach Medina floh, hätten die neuen Nachbarn nicht lange lamentiert, sie hätten keine internationale Hilfsorganisation gerufen, noch baten sie Präsidenten oder Minister um Unterstützung. „Sie behandelten einander wie Brüder und teilten alles, was sie hatten.“ Die Brüder Mougrabi fahren quer durch Ramtha, um nach „ihren“ Flüchtlingen zu schauen. Ihr Auto stoppt an einer Mauer aus lose übereinandergestapelten Gas­betonsteinen. Seit sechs Monaten wohnt hier der 65-jährige Abdullah Zori mit ­seiner Familie. Sie flohen aus Syrien, als eine Bombe das Haus traf. Zori sagt, er habe in Syrien einen Olivenhain bewirtschaftet und zwei Kühe versorgte. Jetzt besitzt er ein Hemd und eine Stoffhose, glatt wie frisch gebügelt. Außer den Kissen, Matratzen und Decken gibt es im Raum einen Trockenblumenstrauß und einen Fernseher. Die Miete für den Unterschlupf in Ramtha bezahlen die Mougrabis – umgerechnet 230 Euro im Monat, Preise wie in mitteleuropäischen Großstädten. „Gott möge für immer seine schützende Hand über euch beide halten“, sagt Abdullah Zori und lässt sich schwer schnaufend auf eine Matratze sinken.

 Viele kommen im Schutz der Dunkelheit, doch diese Syrer sind am Tag über die Grenze nach Jordanien geflohen

Woher die Mougrabis das Geld haben? Von Bürgern und Bekannten aus Ramtha und von ausländischen Geldgebern, sagt Doktor Sami. Auch Scheichs aus Kuwait und Saudi-Arabien würden ihm ihre Spenden anvertrauen. Hunderte Namen auf ihren Listen hätten die Mougrabis schon durchgestrichen, weil sie für diese Flüchtlingsfamilien einen Spender ge­funden hätten, der sie regelmäßig mit Geld unterstützt. Vor einem Jahr ehrte ein Mitglied der jordanischen Königsfamilie Doktor Sami für seinen Einsatz für die syrischen Flüchtlinge und steckte ihm ­eine daumennagelgroße goldene Krone ans Revers. In einer Schublade im Laden liegt auch ein Dankesschreiben der Vereinten Nationen.

Nacht für Nacht kommen mehr Flüchtlinge

45 Checkpoints hat die jordanische Armee eingerichtet, um die Menschen aus dem Nachbarland in Empfang zu nehmen. Nacht für Nacht kommen Flüchtlinge über die Hügel der Grenzregion, oft Großfamilien mit zehn bis 20 Personen. Anfang ­Juni wurden pro Nacht zwischen 1000 und 2000 gezählt. Viele Alte sind darunter, noch mehr Kinder, die großen schleppen die kleinen. Die anderen tragen schwere ­Packen – Decken, Kleidung, Gaskocher, in den Hosentaschen ihre Familienbücher ­für die Registrierung im Aufnahmeland.

Nach einigen Stunden Wartezeit werden die Syrer mit Bussen in die UN-Flüchtlingslager gebracht. Zum Beispiel in das größte Flüchtlingslager in der nordjordanischen Grenzregion, nach Zaatari, einer Stadt aus Zelten, die der Staub der jordanischen Wüste rot gefärbt hat. Oder nach Mrajeeb al Fhood, das im Mai 2013 eröffnet wurde, um das überbevölkerte Camp Zaatari zu entlasten.

 Haddsch Sami Mougrabi organisiert Hilfe per Telefon

Heute leben noch 120 000 Flüchtlinge in Zaatari. Damit zählt das Flüchtlingslager  zu den größten Städten Jordaniens. Es gibt dort Wasser, Essen, Schulen, Teeverkäufer und Grillhähnchen am Spieß am Straßenrand. Aber auch Kinder, die lieber mit Steinen auf Menschen werfen, statt in die Schule zu gehen, und Kriminelle, die ganze Zeltstraßen kontrollieren und ohne deren Erlaubnis kein Tee ausgeschenkt werden darf. Es gibt Prostitution, Schmuggel und schier grenzenlose Langeweile. Wer Freunde oder Geld hat, flüchtet oder kauft sich raus aus dem Flüchtlingslager.

Vor einem Jahr hätte man in Nordjordanien noch viele hilfsbereite Menschen wie die Brüder Mougrabi aus Ramtha finden können. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das wird deutlich, wenn man einige Tage im Laden der beiden Samis verbringt, den Kunden zuhört, die Fernsehnach­richten schaut und die Lokalzeitung liest. Von einer „unmöglichen Belastung“ ist die Rede. Sieben Syrer wurden festgenommen, weil sie ein Elektro­geschäft überfielen. Die Polizei zählt in der grenznahen Stadt Al Mafraq (zwischen Ramtha und Zaatari) 170 Häuser mit syrischen Prostituierten. In einer Umfrage sprachen sich drei Viertel der Befragten für eine Schließung der Grenze aus.

Die Jordanier sagen, die Syrer arbeiteten für einen Dinar die Stunde, sie nähmen ihnen die Arbeit weg. Für die Syrer gebe es jeden Tag Millionen Liter Wasser, und bei den Jordaniern tropfe es nur noch aus den Wasserhähnen. Die Mietpreise sind explodiert. „Die Guten bleiben drüben, es kommen nur die Bauern und Analphabeten“, behauptet ein Kunde in Doktor Samis Laden. Ein anderer ergänzt zynisch und verbittert: „Was wir brauchen, ist mehr Aids.“

Solche Sätze würde Achmed Agelan Omosch, Mitarbeiter der Gebietsverwaltung von Mafraq, niemals sagen. Aber er klagt: „Wir sind nicht gegen die Syrer, die in ihrem Land für Freiheit kämpfen, aber wir sind gegen diejenigen, die hier unser Leben beeinflussen.“ Al Mafraq ist nur elf Kilometer von Zaatari entfernt. Gemeinsam mit zwei Freunden hat Omosch einen Verein gegründet, der sich für ein Ende des Flüchtlingsstroms einsetzt. Er hat bei Demonstrationen gegen die Syrer schon tausend Leute auf die Straße gebracht.

 Grenzposten zwischen Dar`a in Syrien und Ramtha in Jordanien

"Wir sind Flüchtlinge im eigenen Land"

Als sein Vermieter in diesem Frühjahr die Miete von 75 auf 210 Euro erhöhte, gründete er zusammen mit 19 anderen betroffenen Familien das „Jordanian internal displaced Camp No 1“. Eine Protestaktion: Er kaufte den Syrern zehn Flüchtlingszelte ab, stellte sie in Al Mafraq an den Straßenrand und zog ein. „Wir sind Flüchtlinge in unserem eigenen Land“, sollte das heißen. Das Camp wurde nach elf Tagen wieder abgebaut, nachdem der König den Demonstranten höchstpersönlich seine Unterstützung zugesagt hatte.

Achmed Agelan Omosch forderte schon vor langem die Einrichtung einer Flugverbotszone in Syrien – die Amerikaner sollten es richten. Nun fotografiert er Flüchtlinge mit seinem Handy: Wie sie bei der Ausgabe von Hilfsgütern drängeln, wie ihre Kinder um fahrende Autos toben.

Je länger der Krieg in Syrien dauert, desto angespannter die Situation. Jordanien ist mit den vielen Flüchtlingen überlastet. Am Tag, als die Gebrüder Mougrabi die Flüchtlingsfrau unter der Nummer 74 auf ihrer Liste registrieren und als sie Abdullah Zori und seine Familie in Ramtha besuchen, brechen im Flüchtlingslager Zaatari Unruhen aus. Bei Protesten der ­syrischen Flüchtlinge werden 20 jordanische Polizisten verletzt, einer schwer am Kopf. In der Stadt Ramtha bleibt alles ruhig.

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