Maren Kroymann "Oh Gott, Herr Pfarrer"

Frauen in die Hauptrolle!

Milena Schlösser

Ärzte und Kommissare müssen sich warm anziehen. Der neue Star im Fernsehen ist die Pfarrerin. Wie findet das die Schauspielerin Maren Kroymann, die in den 80ern das TV-Pfarrhaus revolutionierte?

Stiften sie Sinn? Wirken sie orientierend? Oder ist es der emotionale Faktor, der Pastoren neuerdings so attraktiv fürs Fernsehen macht? Vor allem das ZDF, das seiner Unterhaltungssparte mehr Substanz geben möchte, setzt auf den gar nicht mehr so diskreten Charme der Pfarrer – besonders aber Pfarrerinnen. Drei Filme hat der Sender in diesem Jahr produziert, mit Stars wie Christine Neubauer, Veronica Ferres und Barbara Auer. Und im November startet die Pfarrer-Serie „Herzensbrecher“. Maren Kroymann, die als emanzipierte Pfarrfrau in der ARD-Erfolgsserie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ ihren Durchbruch erlebte, hat sich für chrismon die Filme angeschaut – mit Fokus auf die Pfarrerinnen.

Was war das Besondere an Ihrer Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“?

Maren Kroymann: Sie war damals, Ende der Achtziger, das denkbar Fortschrittlichste in dem Format. Die erste emanzipierte ­Serienmutter – eine Pfarrfrau! Die Leute sagten sich: Wenn der Feminismus im Pfarrhaus angekommen ist, ist es an der Zeit, dass er in der Öffentlichkeit verhandelt wird.

Wollten Sie Klischees aufbrechen?

Es ging um den Alltag einer modernen Pfarrerfamilie. Das war für viele befreiend: Was im Pfarrhaus passiert, darf auch so sein. Für andere war es verstörend. Nach einer Beerdigung wird der Pfarrer gefragt: Sie kommen doch zu uns zum Leichenschmaus!? Er sagt: Ich hab noch zu tun. – Und dann hat er mit seiner Frau Sex. Die Szene sorgte für Aufruhr.

Heute zeigt das ZDF Filme mit alleinstehenden Pfarrern, drei sind weiblich, bei zweien ist die Ehe kaputt. Das neue Pfarrerbild?

So ist die Realität. Zunächst einmal ist es gut, wenn Frauen die Hauptrollen besetzen!

Warum kommen auf einmal so viele Pastorinnen ins Fernsehen?

Vielleicht hängt es mit der früheren Bischöfin Margot Käßmann zusammen. Die Leute denken: Was mit ihr passiert ist, könnte auch mir passieren: Sie ist geschieden. Sie wird mit Alkohol am Steuer erwischt. Die Leute lieben sie, denn Käßmann war ehrlich und zog Konsequenzen. Und die Produzenten sahen die Steilvorlage: eine Pastorin, die nicht moralisch überlegen ist, aber ehrlich.

In „Oh Gott, Herr Pfarrer“ schraubt Robert Atzorn an seinem Volvo. In „Die Pastorin“ fährt Christine Neubauer mit dem ­Motorrad vors Pfarrhaus. Muss ein Pfarrerfilm Klischees ­konterkarieren?

Nein. Atzorn spielte einen handfesten zupackenden Pfarrer. In „Die Pastorin“ geht es eher um: Tabubruch, Pfarrerin – aber in Lederklamotten und sexy! Christine Neubauer ist kokett, wenn sie den Motorradhelm abnimmt und die Haare zurückwirft wie in der Shampoo-Werbung. Ein Sexsymbol wird aufgebaut, statt mit Hintersinn Erwartungen zu durchbrechen.

Als Seelsorgerin macht Neubauer eine gute Figur. Sie predigt nicht Moral, sie fragt die Leute, was sie für richtig halten.

Da hat sich was geändert. Robert Atzorn spielte noch eine moralische Autorität, die sich für die gerechte Sache prügelt und mit einem blauen Auge auf die Kanzel steigt. In „Die Pastorin“ wird der Gegensatz zu einer Kirche aufgebaut, die von der Kanzel ­herunter moralische Sentenzen spricht. Die Pastorin zeigt für jede Entscheidung Verständnis. So wirkt sie allerdings auch wie eine Psychotherapeutin, austauschbar.

Im neuen Film um „Lena Fauch“ muss sich die Polizeiseelsorgerin auf der Wache, in einer Männerdomäne, behaupten.

Das ist eigentlich ein Krimi, den eine Protagonistin aus einem seriösen Beruf mit moralischem Anspruch aufwertet.

Einmal setzt sich Fauch gegen einen Vergewaltiger zur Wehr.

Die Szene war überfrachtet. Ein böser Cop vergewaltigt eine Pfarrerin – und damit nicht nur eine Frau. Auch die Präsentation fand ich problematisch: Veronica Ferres, gut geschminkt, atmet schneller, wenn der Mann ihr zwischen die Beine fasst. Als
Pfarrerin müsste sie in dieser Szene ihre Sexiness nicht ausspielen.

Das Beziehungsdrama „Pass gut auf ihn auf“ mit Barbara Auer als Pastorin wirkt besonders ambitioniert.

Sie gefällt mir am besten, ihre Pfarrerin ist eine richtige Pfarrerin. Sie macht nicht auf Sexbombe.

Der Exmann der Pastorin hat Kinder mit seiner neuen Frau. Sie sitzen in der Pfarrhausküche. Die Pastorin kommt herein und will, dass die Kinder sofort verschwinden. In der nächsten ­Szene schreibt sie ihre Predigt – über Gottes große Liebe.

So bricht man das hehre Bild von der moralischen Autorität auf. Die Pfarrerin kann nicht leben, was sie anderen predigt. Und ­darin wirkt sie furchtbar menschlich. Die Pfarrerin hat Würde und Autorität – obwohl sie Schwäche zeigt.

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