Strandkorb-Lektüre von Arno Geiger

Im Boot mit Madonna

Foto: Iconogenic

Eine Strandkorb-Lektüre über einen Abend am See

Ich habe mir nie eine Platte von Madonna gekauft. Ich stand eher auf Talking Heads und Sakkos mit überdimensionalen Schulterpolstern. Never change your outfit, so it’s easier for people to recognize you. Ändere nie dein Outfit, dann erkennen dich die Leute besser. Dieser Satz der Talking Heads überzeugte mich damals mehr als heute – was wiederum mit Madonna zu tun hat.

Einmal bin ich mit Madonna Boot gefahren. Nicht mit der echten, sondern mit einer ihrer Provinzkopien, Verkäuferin in einem Bregenzer Modegeschäft. Sie war die Freundin meines besten Kumpels, und der Kumpel durfte oder musste – da blickte ich nicht ganz durch – während der Ferien für vier Wochen nach London. Den letzten Abend verbrachten wir zu dritt am See, wo die Eltern des Freundes, reiche Leute, ein kleines Sommerhaus besaßen.

Ich hatte mit Geld aus meinem Ferialjob eine Flasche Sekt  gekauft und war den Weg mit dem Fahrrad gekommen, so dass die Hälfte des Sekts aus der Flasche sprang, noch ehe wir mit den Gläsern zur Stelle waren. Anschließend saßen wir auf der Ufermauer, von wo sich der familieneigene Bootssteg in den See streckte, und schlürften den lauwarmen Rest, wir Freunde in Badehosen und Madonna ausstaffiert wie ihr Idol zu Zeiten von „Like a Virgin“: jede Menge brauner Haare, die von blonden Strähnen und einem weißen Band durchzogen waren, massenhaft Ketten mit Kreuzen um den Hals und ein Kleid, das sehr nach Unterwäsche aussah. Vom Kassettenrekorder liefen Madonnas Lieblingslieder, dazu tranken und redeten wir, hauptsächlich über unsere Zukunft.

Der Freund und ich waren voller Träume. Wir gaben uns den Anschein, als würden wir die letzten zwei Schuljahre auf der linken Arschbacke absitzen. Und dann. Was dann? Dann würden wir die ganze Welt herausfordern und aller Welt zeigen, was wir draufhatten. Madonna jedoch stellte nüchtern fest, dass sie in Wahrheit nie mehr als eine Verkäuferin sein werde. Und das machte dem Freund und mir ein schlechtes Gewissen, denn dieser letzte Abend, das schien klar, war auch der letzte Abend ihrer Liebschaft zu einem Sohn reicher Eltern.

Ich schenkte Sekt nach, bis die Flasche leer war. Madonna bedankte sich und versuchte, so gut es ging, die an der Ufermauer hochschwappenden Wellen mit den Füßen zu erreichen. „Wenn du in London bist“, sagte sie, „kannst du dir all die Klamotten kaufen, die mein Chef, der Vollidiot, nicht ins Sortiment nimmt, weil er Angst um seinen Ruf hat.“ „Soll ich dir etwas Bestimmtes mitbringen?“, fragte der Freund. Madonna überlegte einen Moment, dann sagte sie mit einer Spur Enttäuschung in der Stimme: „Mir fällt nichts ein.“

Sie ging raus auf den Bootssteg. Mehrere der hölzernen Latten, mit denen der Steg gedeckt war, schienen erst in jüngerer Zeit erneuert worden zu sein. Sie fügten sich mit den älteren, die im Wetter grau geworden waren, zu einer Klaviatur, über die unsere nackten Füße trommelten, als wir unter Komantschengeheul an Madonna vorbeispurteten und vom Ende des Stegs in den See hechteten. Wir winkten Madonna zu, sie solle ebenfalls ins Wasser springen. Aber sie schüttelte den Kopf. Sie ließ die Beine Richtung Motorboot baumeln, das dicht unter ihr lag, und beobachtete uns, wie wir uns gegenseitig mit einer schwarz gewordenen Bananenschale bewarfen. Ich glaube, sie fand albern, was wir aufführten. Aber sie lachte großzügig. „Verschont mich mit dem Scheiß!“, rief sie, als sie andeutungsweise ins Visier geriet.

„Du siehst aus wie Kim Wilde“, riefen wir. Später lagen wir Buben bäuchlings auf den sonnenwarmen Latten des Stegs und linsten einander in die Augen. Madonna saß jetzt zu Füßen des Freundes. „Schade, dass ich den Rest des Sommers nicht hier verbringen kann“, sagte sie.

Ich gab dem Freund einen Schlag gegen den Scheitel und fügte hinzu: „Wegen dir Trottel werden wir den Rest des Sommers mit dem Strandbad vorliebnehmen müssen.“ Er lächelte mich an, aber ganz wohl war ihm nicht bei der Sache, das war zu spüren. Endlich rappelte er sich hoch und setzte sich zu Madonna. Die beiden redeten ein paar Sätze, aber so, dass ich nichts verstehen konnte. Anschließend gingen sie weg, spazieren, so sagten sie, die Ufermauer entlang und von dort über den Strand. Sie fassten sich nicht an den Händen, und es sah auch nicht so aus, als ob sie miteinander reden würden.


Ich schaute noch eine Weile dorthin, wo die beiden hinter einigen Bäumen verschwunden waren, dann drehte ich die Musik ab und streckte mich der Länge nach auf dem Bootssteg aus. Möwen girrten und krächzten. Ein Windrad quietschte in der Hitze. Einmal gellten Mädchenstimmen in der Nachbarschaft und machten mich hellhörig, weil ich zu der Zeit keine Freundin hatte. Doch als ich mich aufrichtete, vernahm ich wieder nur das belanglose Kwi-kwi des Windrads, und schließlich nickte ich ein.

Später, in der letzten, unruhigen Helligkeit, holten wir die Bratwürste und für jeden ein Bier aus dem Kühlschrank des Sommerhauses. Zum Feuermachen riss ich Seiten aus einer herumliegenden Frauenzeitschrift. Madonna kam erst nach draußen, als wir schon mehrmals nach ihr gerufen hatten. Die Flammen zwischen den geschwärzten Steinen des Grills  waren bereits am Einsinken, die Würste hatten wir an den Ich gab dem Freund einen Schlag gegen den Scheitel und fügte hinzu: „Wegen dir Trottel werden wir den Rest des Sommers mit dem Strandbad vorliebnehmen müssen.“

Er lächelte mich an, aber ganz wohl war ihm nicht bei der Sache, das war zu spüren. Endlich rappelte er sich hoch und setzte sich zu Madonna. Die beiden redeten ein paar Sätze, aber so, dass ich nichts verstehen konnte. Anschließend gingen sie weg, spazieren, so sagten sie, die Ufermauer entlang und von dort über den Strand. Sie fassten sich nicht an den Händen, und es sah auch nicht so aus, als ob sie miteinander reden würden. Ich schaute noch eine Weile dorthin, wo die beiden hinter einigen Bäumen verschwunden waren, dann drehte ich die Musik ab und streckte mich der Länge nach auf dem Bootssteg aus. Möwen girrten und krächzten. Ein Windrad quietschte in der Hitze. Einmal gellten Mädchenstimmen in der Nachbarschaft und machten mich hellhörig, weil ich zu der Zeit keine Freundin hatte. Doch als ich mich aufrichtete, vernahm ich wieder nur das belanglose Kwi-kwi des Windrads, und schließlich nickte ich ein.

Später, in der letzten, unruhigen Helligkeit, holten wir die Bratwürste und für jeden ein Bier aus dem Kühlschrank des Sommerhauses. Zum Feuermachen riss ich Seiten aus einer herumliegenden Frauenzeitschrift. Madonna kam erst nach draußen, als wir schon mehrmals nach ihr gerufen hatten. Die Flammen zwischen den geschwärzten Steinen des Grills waren bereits am Einsinken, die Würste hatten wir an den Enden kreuzweise eingeschnitten und auf armlange Äste gesteckt.

Einen dieser Äste nahm Madonna entgegen und ging neben dem Freund in die Hocke. Von dem, was geredet wurde, während wir am Feuer saßen, habe ich lediglich eine vage Ahnung. Aber ich weiß, dass der Freund zu Madonna sagte: „Es ist eine klasse Sache, dass du diesen Tag überhaupt mit uns verbringst. Du bist ein echter Kumpel.“

Madonna hatte ihren Kopf auf ihre angezogenen Knie gelegt, so dass sie die Augen nach oben rollen musste, wenn sie uns ansehen wollte. Sie lächelte und sagte: „Ich hatte grad nichts Besseres zu tun.“ Wir lachten mit ihr, aber es blieb ein zaghaftes Lachen, ein Klacks im Vergleich zu anderen Tagen. Es wurde still. Ich hatte den Eindruck, wir warteten auf den Moment, in dem das Stadium an Müdigkeit erreicht war, das uns erlaubte, bis zum Morgen zu schlafen, bis zum protokollgemäßen Abschied. Doch nach einiger Zeit fügte Madonna zu dem halb im Spaß Gesagten hinzu: „Es gibt vieles, was ich bedauere, aber nicht, dass ich hier bin.“ Als diente dem Freund diese Bemerkung als Anstoß, auf den er gewartet hatte, stand er auf, ging ins Haus und kam mit dem Schlüssel für das Motorboot seines Vaters zurück. Er reckte beide Fäuste gegen den Himmel und schrie aus Leibeskräften: „Mein Vater kann mich am Arsch lecken!“ Sein Vater hatte ihm bei Androhung von Strafe verboten, das Motorboot in Betrieb zu nehmen, und so gut die Order bisher gehalten hatte, so entschlossen war der Freund jetzt, dagegen zu verstoßen. Er stürmte jubelnd zum Bootssteg, und ich, der ich mir sagte, dass es sein Vater war, stimmte in das Triumphgeheul ein.

Es war längst dunkel geworden, und der Mond verschwamm im Wasser. Wir lösten mit raschen Handgriffen die Abdeckplane und nahmen unsere Plätze ein, der Freund hinterm Steuer, Madonna und ich in den Ledersitzen unmittelbar dahinter. Wir fuhren hinaus. Der Freund beschleunigte das Boot, er machte sich einen Spaß daraus, die Wellen im rechten Winkel zu kreuzen, damit der Bug möglichst weit hochkam. Madonna musste den Kassettenrekorder mit beiden Händen umklammern, die Lautstärke voll aufgedreht gegen das breiige Rattern des Motors. Wir Freunde übertönten beides, Boot und Musik. Ich weiß noch, dass ich rief: „In zehn Jahren machen wir eine Bootsfahrt über den Hudson, wir drei, bis dahin werden wir es geschafft haben, und du, Madonna, wirst tatsächlich Madonna sein.“


Wir Buben lachten und freuten uns. Aber Madonna, die Verkäuferin, die jeden Tag um sechs in der Früh aufstand, um sich ihrem Idol ähnlich zu machen, schüttelte auch diesmal den Kopf: „Ich werde bestimmt nicht mit von der Partie sein. Aber vielleicht die echte Madonna. Das ist noch wahrscheinlicher.“ Kurz darauf, als der Freund in der Nähe eines Schilfgürtels eine besonders hohe Welle kreuzen wollte, lief das Boot auf eine Sandbank auf. Eine heftige Erschütterung ließ Madonnas Kassettenrekorder gegen Reling und Deck krachen und brachte die Musik zum Verstummen. Es folgte ein verschrecktes Schweigen. Alles war still, der Motor, die Möwen, der See, kein Wind. Mir war, als hätte der Schreck meine Wahrnehmung verfeinert und mir die Fähigkeit gegeben, mit den nackten Füßen das Knirschen des Sandes unter dem Rumpf zu spüren.

„Mein Vater wird mich in Stücke schießen“, hörte ich den Freund nach einer langen Sekunde sagen. „Das ist ja nur Sand“, redete ich ihm zu, „na komm, rein ins Wasser, wir werden den Kahn schon wieder flottkriegen.“ Wir zogen unsere T-Shirts aus und ließen uns ins Wasser, das uns am Bug nur bis zu den Hüften reichte. Madonna startete den Motor neu, dann ließ sie sich erklären, welches der Rückwärtsgang war. Sie brachte sich in Position, die Spitzen ihres Kleides schimmerten gegen die dunkle Nacht. Die Ketten und Kreuze um ihren Hals blitzten. Sie beugte sich mit konzentrierter Miene über den Gashebel, zwischendurch schaute sie uns an.

„Vollgas, Madonna!“, riefen wir: „Vollgas!“ Madonna drückte den Gashebel bis zum Anschlag, der Motor heulte. Wir boten all unsere Kraft auf, und obwohl sich das Boot nicht rührte, fühlten wir uns gleich besser. Das seichte Wasser war warm, von der Plackerei bekamen wir einen klaren Kopf, auch fanden wir zu unserer gewohnten Zuversicht zurück, überzeugt, mit einem blauen Auge davonzukommen, wenn wir uns fest genug ins Zeug legten. Madonna sah uns zu. Sie munterte uns auf, indem sie sagte, dass wir keine schlechte Figur machten. Wieder und wieder versuchten wir, unseren Füßen in dem rutschenden Sand Halt zu verschaffen.

Wir versuchten, die Wellen und das gleichzeitige Sichheben des Wasserspiegels zu nutzen, indem wir unsere Kräfte im Rhythmus des Wassers einsetzten. Endlich gab der Bug in unseren Händen ein wenig nach, ruckweise machten wir Boden gut, und in dem Maß, in dem unsere Kräfte erlahmten, ging es leichter, weil die Rinne, die der Kiel gerissen hatte, tiefer wurde, während die Sandbank heckseitig abfiel. In einer kurzen Verschnaufpause sagte ich: „Wenn das Boot im Herbst aus dem Wasser geholt wird, interessieren die Kratzer niemanden mehr.“ „Ich nehme an, es bekommt einen neuen Anstrich“, sagte der Freund. Bleiben nur die Kratzer der Erinnerung.

Das Boot kam frei. Madonna manövrierte es im Rückwärtsgang nach draußen. Nach einiger Zeit nahm sie Gas zurück. Das Boot vollzog einen halben Bogen und wandte sich uns wieder zu. Dann sank es mit dem Bug eine Handbreit ab und blieb liegen. Wir hatten dem Manöver nach Luft ringend zugeschaut, jetzt warfen wir uns ins Wasser und schwammen dem Boot entgegen. Keuchend kletterten wir an Bord. Madonna fragte, ob noch Vermisste zu bergen seien. Dann räumte sie den Platz am Steuer, und wir fuhren zum Anlegesteg zurück. Wortlos, wir waren viel zu erschöpft und viel zu froh und viel zu enttäuscht, dass der Abend und die Nacht, oder was von ihr geblieben war, zu Ende ging.

Der Freund flog anderntags nach London, und als er zurückkam, war alles anders. Nur Madonna, seine frühere Freundin, mit der ich bei zufälligen Treffen auf der Straße Tuchfühlung hielt, war dieselbe und blieb es auch über die nächsten Jahre. Noch Ende der 80er Jahre sah sie aus wie ihr Vorbild zu Zeiten von „Like a Virgin“. Ihr Beharren hatte etwas Seltsames, Irritierendes – die Art und Weise, wie sie sich nicht von ihrem Idol abbringen ließ, auch nicht davon, dass die Sängerin, Madonna, das Original, sich mit jeder neuen Platte neu erfand und sich immer wieder selbst in Frage stellte, indem sie voller Ironie über ihre Vergangenheit und über ihre abgelegten Häute sprach.

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