Arbeit im Jugendmedienschutz

Sie schaut beruflich Pornos und Gewaltvideos

Quirin Leppert/Quirin Leppert

Um Kinder zu schützen, schaut sie beruflich Pornos. Manche Bilder gehen ihr nicht so schnell wieder aus dem Kopf

Tanja Nehrung*:

Im Bewerbungsgespräch bekam ich eine „Giftmappe“ mit Fotos aus dem Internet vorgelegt. Damals war ich noch ­Studentin der Medienwissenschaft, ich bewarb mich auf einen Teilzeitjob bei der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz. Ich sollte sagen, ob ich mir vorstellen kann, dass ich täglich mit solchen Bildern zu tun habe. Die Fotos zeigten einfache Pornografie, aber auch Gewaltpornografie und „Tasteless“ – das sind Geschmacklosigkeiten in jeglicher Form. Da war zum Beispiel das Foto eines Kopfes, der zur Hälfte weggeschossen war. Ich bekam den Job, mittlerweile habe ich sogar eine feste Stelle.

Aber ich merkte auch schnell, wo ich mich meiner persönlichen Grenze nähere: bei den Tasteless-Sachen. Einmal stieß ich im Internet auf die Großaufnahme der Brustwarze einer Frau, mit lauter kleinen Pünktchen drin. Ich dachte erst: neue Art von Piercingschmuck? Dann las ich die Bildunterschrift dazu, und mich traf voll der Ekel: Die Pünktchen waren die Köpfe von Würmern, die sich in die Haut eingenistet hatten, als Parasiten. Andere Kolleginnen schauen sich Tasteless auch nicht gern an, finden aber Inzestbeschreibungen noch schwerer erträglich.

Videos von echten Hinrichtungen

Gewaltpornografie berührt mich nicht ganz so. Da gehe ich davon aus, dass das bis zu einem gewissen Grad inszeniert ist, auch wenn ich nicht weiß, ob da nicht doch eine Vergewaltigung gefilmt wurde. Aber Hinrichtungsvideos aus Bürgerkriegsge­bieten, die irgendwelche Leute ins Internet stellen, die treffen mich. Natürlich sind solche Videos „absolut unzulässig“, schon weil sie die Menschenwürde der Dargestellten verletzen. Andere Sachen sind „relativ unzulässig“, einfache Pornografie zum Beispiel. Da muss sichergestellt werden, dass nur Erwachsene so was zu sehen bekommen – durch späte Sendezeiten im Fernsehen oder ein Altersverifikationssystem im Internet.

Mir hilft mein analysierender Blick, aber manchmal geht auch mir was länger nach. Einmal ein Text darüber, wie man am besten Sex mit einem Eber haben kann. Ich war sozusagen gezwungen, mir das vorzustellen. Das war schwer, das wieder loszuwerden. Was mich ärgerte, weil ich doch schon viel schlimmere Sachen gesehen hatte. Das besprach ich dann in der Supervision.

Es ist schon eine Sisyphusarbeit. Immerhin: Bei den .de-Seiten gibt es kaum noch frei zugängliche Pornografie. Bei ausländischen Seiten können wir beantragen, dass sie auf den Index kommen – dann filtern die Jugendschutzfilter die raus, und google.de ­steuert die nicht mehr an. Wir führen auch gegen rechtsextreme Anbieter Verfahren durch. Die reagieren dann manchmal mit Drohungen, deswegen will ich nicht fotografiert werden.

Doch, mir macht meine Arbeit Spaß. Auch weil ich mit immer neuen Medienphänomenen zu tun habe. Zum Beispiel mit „Ultimate Fighting“, diesen amerikanischen Kampfsportsendungen, wo es auch erlaubt ist, jemanden auf den Kopf zu schlagen, wenn der schon am Boden liegt. Das kam hier ins Privatfernsehen, als es gerade viele Gewaltausbrüche in U-Bahnen gab. Der Sender hat das dann aus dem Programm genommen. 

Pornographische Witze? Gähn ...

Ich sehe die Welt nicht anders, seit ich diese Arbeit mache. Ich war schon vorher realistisch genug zu wissen, dass es so was gibt und auch Leute, die sich das anschauen möchten aus Gründen, die ich nicht verstehen muss. Aber wenn heute im Bekanntenkreis jemand Witze in Richtung Pornografie macht, denke ich: Gähn, können wir über was anderes reden? Wenn ich Leute neu kennenlerne, sage ich: Ich arbeite im Jugendschutz, und das bedeutet, ich schau beruflich Pornos. Dann lacht der andere oder ist schockiert oder neugierig.

Zu Hause kann ich nicht so locker über die Inhalte meiner Arbeit erzählen wie andere. Ich kann sagen, dass ich heute viel im Bereich Pornografie angeschaut habe, aber Details will mein Partner nicht wissen. „Behalt es für dich, oder werd es woanders los.“ Das muss ich hinnehmen. Ja, das ist der Preis. Wobei – wenn einer zu Hause von seinen Schriftsätzen zum Kapitalrecht erzählt, hört der andere vielleicht auch weg, aus Langeweile.

* Name von der Redaktion geändert

Protokoll: Christine Holch

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