Kirche des Jahres?

Foto: Sarah Berger

Jetzt ist wieder Abstimmungszeit bei der Stiftung-Kiba, der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (Stiftung KiBa). Machen Sie mit und geben Sie Ihre Stimme einer Kirche. Vielleicht sogar der hier vorgestellten St.-Marien-Kirche auf Rügen (Zur Abstimmung geht es hier rechts auf der Seite, unten im Info-Kasten)

Die Kirchentür steht halb offen. Zögernd tritt ein älteres Paar über die Schwelle und schaut in die St.-Marien-Kirche hinein. „Kommen Sie gern herein!“, ruft Pfarrer Tilman Reinecke ­ihnen zu. „Das ist aber feucht hier! Ist das Dach undicht?“, fragt der Besucher. Pfarrer ­Reinecke schüttelt den Kopf. „Ich zeig’ Ihnen mal was“, sagt er und führt die Gäste zu einer Tafel mit Fotos von Bauarbeiten. „Über eine Million Euro haben wir hier schon investiert“, sagt der Pfarrer. „Das Dach ist dicht. Die Feuchtigkeit kommt aus den Wänden.“ Reinecke zeigt zur Südwand. Die grünen Flecken sind kein Schmutz. Sondern Grünalgen, die auf der feuchten Wand wuchern.

Die 700 Jahre alte Kirche in Poseritz ist eine Dauerbaustelle. Schon zu DDR-Zeiten hatte ­Reinecke immer wieder Mittel für eine Sanierung beantragt. 1988 rückten Arbeiter an, um den Chordachstuhl zu erneuern. Dann kam die Wende. Anfang der neunziger Jahre konnte der Dachstuhl des Hauptschiffs saniert und das Mauerwerk vor dem Einsturz gerettet werden. Es hatte sich wie eine Girlande nach außen gebogen. Ein Ringanker aus Stahl und Beton stabilisiert jetzt die Mauern.

Die Kirche hat auch eine missionarische Funktion

Tilman Reinecke betreut seit 27 Jahren die Kirchengemeinde in Poseritz, zu der auch die Kirchen in Gustow und Swantow gehören – mit insgesamt rund 400 Protes­tanten. Der 61-Jährige erinnert mit seiner kleinen, etwas rundlichen Statur an Pater Brown – auch weil er ähnlich wie dieser verschmitzt und zugleich gelassen wirkt. So muss man wohl auch sein, als Pfarrer in Poseritz – nicht nur wegen der Dauerbaustelle. Die Poseritzer haben es nicht so mit Gott. „Unsere Kirche hat in dieser entkirchlichten Region nicht nur eine historische Be­deutung, sondern auch eine missionarische Funktion“, betont Reinecke.

Er klettert das Baugerüst an der Außenmauer hinauf. Oben warten schon der ­Restaurator, die Architektin und ein Maurer zur Baubesprechung. „Der Mörtel in den Fugen zwischen den Backsteinen ist 150 Jahre alt“, sagt Restaurator Andreas Weiß und erklärt dem Maurer: „Er muss nur an den Stellen ergänzt werden, wo tiefere Löcher sind.“ Der Plan sieht vor, Efeu an den Wänden hochranken zu lassen. Das dichte Blattwerk soll den Regen vom Mauerwerk abhalten. Zusätzlich soll an der Dachtraufe eine Regenrinne montiert werden – historisch nicht stimmig, aber nötig.

Es regnet stärker und häufiger

Feuchtigkeit ist in alten Back­steinkirchen nicht ungewöhnlich. Backsteine, die im Mittelalter hergestellt wurden, nehmen wie ein Schwamm Feuchtigkeit auf. „Bis zu einem Eimer Wasser auf den Qua­dratmeter“, sagt Andreas Weiß. Früher war das kein Problem. Heute schon, auch in anderen Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern wachsen Algen an den Wänden.

Drei Jahre lang hat Andreas Weiß mit weiteren Fachleuten untersucht, wie es zum Algenwachstum und zur Zunahme der Feuchtigkeit in der Poseritzer Kirche kommt und was sich dagegen tun lässt. Ergebnis der Studie: Auf Rügen regnet es inzwischen stärker und häufiger – der Klimawandel. Die Regenmenge wird noch zunehmen, glaubt Weiß. „Die Kirche in Poseritz ist von dem Algenproblem besonders betroffen, weil sie dem Wetter extrem ausgesetzt ist.“ Denn sie steht auf einer Anhöhe. Wenn Regen vom Dach abläuft, drückt der Wind das Wasser gegen die Kirchenwand. Und oft peitscht der Sturm den Regen auch direkt gegen das Gemäuer.

Feuchte Luft, Gestank und Steinmehl

Mittlerweile sind zur Besprechung auch die Denkmalpfleger des Landes und der Landeskirche erschienen. Pfarrer Reinecke geht mit der Gruppe in die Kirche und führt sie in die Nordostecke. Dort klafft in Bodenhöhe ein drei Backsteinlagen hohes Loch. „Wir haben hier das Fundament freigelegt, um zu prüfen, wie feucht es drinnen ist“, erklärt der Pfarrer. „Heraus kamen feuchte Luft, Gestank und viel Steinmehl.“ Jetzt wünscht sich Reinecke, dass das Loch wieder verschlossen wird.

„Es ist ja vieles hässlich hier drin“, sagt er und schaut auf die Grünalgen an der Südwand und die abblätternde ­Farbe an Decke und Kanzel. „Ich werde oft darauf angesprochen.“ Doch die Kirche kann innen erst renoviert werden, wenn sie nicht mehr so feucht ist. Und dazu muss erst der Efeu die Kirchenmauern emporgewachsen sein. In vier Jahren wird der Pfarrer pensioniert. Ob die Kletterpflanze es bis dahin schafft?

Die Stiftung KiBa hilft mit

70 000 Euro kostet es, die Wände zu entfeuchten. Das Land schießt 27 000 Euro aus EU-Mitteln zu, 33 000 Euro trägt die Landeskirche, mit 10 000 Euro fördert die Evangelische Stiftung KiBa die Sanierung. Die Kirchbaustiftung war auch schon an der Studie über die Ursachen der Feuchtigkeit beteiligt.

„Diese Kirchensanierung geht über das Normale hinaus“, sagt Jan Simonsen vom Bauamt der Pommerschen Evangelischen Kirche. „Die Gemeinde kann das nicht alleine bewältigen.“ 448 Kirchen und Kapellen, davon 423 denkmalgeschützt, hat sein Bauamt zu betreuen. Keine leichte Aufgabe, die Mittel der Kirche sind knapp. Denn nur noch gut 17 Prozent der Bevölkerung im Land sind evangelisch. Zum Glück steht die Kirche nicht allein. Das Land hilft mit.

Ein Barockaltar aus der Schwedenzeit

Die um 1300 erbaute Poseritzer Kirche steht auf der Prioritätenliste der Denkmalpfleger von Land und Kirche weit oben. Denn sie zählt zu den ältesten Gebäuden auf Rügen und verfügt über eine wertvolle Innenausstattung. Zum Beispiel der Ba­rock­altar von 1703. Weil Rügen damals ein Teil Schwedens war, konnte der Pfarrer vor gut zehn Jahren eine Stiftung des schwedi­schen Königshauses gewinnen, die Kosten für die Reinigung des Altars von 17 500
D-Mark zu übernehmen. Von kunsthistorischem Wert sind auch eine Triumphkreuzgruppe aus dem späten Mittelalter und die Kanzel von 1755. „Hier predigte schon Friedrich Schleiermacher, der Theologe und Mitgründer der Berliner Humboldt-Universität“, sagt Reinecke stolz.

Die Kreuzrippen der Decke waren in der Renaissance- und Barockzeit bunt. ­Verschiedene Braun- und Rottöne hat der Restaurator unter der weißen Farbschicht entdeckt. Jens Amelung vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege meint, dass die Kirche nach der Restaurierung wieder weiß werden sollte: „Das war die raum­prägende Farbe, als die jetzige Innenausstattung entstand.“ Darüber entscheide letztlich die Gemeinde, wendet der kirchliche Bauexperte Simonsen ein.

Die Kirche gibt ein Heimatgefühl

Am Nachmittag besucht Pfarrer Reinecke Ruth Jahns. Die Lehrerin wohnt zwei Straßen von der Kirche entfernt und ist eine der wenigen im Dorf, die immer zur Kirche gestanden hat. Seit vielen Jahren engagiert sie sich im Kirchengemeinderat. Die Kirche gebe ihr ein Heimatgefühl. „Wir ­haben da ja Taufe, Konfirma­tion, Hochzeit, alles erlebt.“ Vom Konfirmationskurs ihrer Tochter Anne schwärmt Pfarrer Reinecke immer noch. Acht Konfirmanden in einer Schulklasse gehörten dazu, erzählt der Pfarrer. So viele Konfirman­den hatte er selten in Poseritz. Aber die meisten sind längst aus Poseritz weggezogen. Denn hier gibt es kaum Arbeit.

Wenn die Kirche wegen Bau­fälligkeit abgerissen werden müsste, träfe das alle ins Herz, nicht nur die Kirchenmitglieder, meint Ruth Jahns. Pfarrer Reinecke bestätigt: Als vor Jahren in der Nähe das baufällige Herrenhaus Üselitz einstürzte, hätten auch viele nichtkirchliche Poseritzer gesagt: „Das soll mit unserer Kirche nicht geschehen.“ Und als 1988 die Sanierung der Kirche begann, packten viele Genossen der damaligen LPG mit an. Immer wieder sagen ihm konfessionslose Poseritzer, wie wichtig ihnen die Kirche im Dorf sei, erzählt Reinecke.

 

Der Pfarrer und die "Poseritzer Nachrichten"

Die Kirchenferne der Poseritzer hat Gründe. Früher gab es hier viele Güter. Für die Landarbeiter war die Kirche eine Institution der Obrigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Großgrundbe­sitzer enteignet und verließen meist mit ihren Familien die Insel. Die kirchenfernen Landarbeiter blieben. „Die Idee des sozia­listischen Dorfs hatte hier Erfolg“, stellt Reinecke fest.

Der Pfarrer dürfe sich deshalb nicht ­damit begnügen, übliche Gemeindearbeit zu machen, sagt Reinecke. Er bringt mit anderen Dorfbewohnern sechsmal im Jahr die „Poseritzer Nachrichten“ heraus. Er besucht den Seniorenkreis der Volkssolidarität und ist auch bei Festen im Dorf dabei. „Ich versuche, da wieder hineinzukommen“, lautet seine Devise. Doch der Traditionsabbruch ist schwer zu überwinden. „Die Leute haben noch immer große Berührungsängste gegenüber der Religion.“

Auf dem Rückweg geht er über den Friedhof, der rund um die Kirche liegt. Niedrige  Buchsbaumhecken umrahmen die Grabstellen. „Hier werden alle beer­digt“, erklärt der Pfarrer. Für Trauerfeiern gibt es eine Trauerhalle aus DDR-Zeiten. Die Kirche steht nur Gemeindemitgliedern offen. „Aber gelegentlich bitten auch konfessionslose Leute um einen Trauergottesdienst in der Kirche. Das machen wir dann auch.“ Manchmal finden Kirchenferne so einen neuen Zugang zur Gemeinde. Pfarrer ­Reinecke ist überzeugt: „Das Gebäude als solches ist schon Verkündigung, wenn sich Menschen mit ihm auseinandersetzen.“

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