Brief aus San Francisco

Die Konkurrenz ist groß. Und der ewige Sommer in Kalifornien für die Kirchengemeinde eher ein Nachteil. Da ist Fantasie gefragt!

San Francisco - Stadt der Träume, des ewigen Sommers. Auch auf die Gründer unserer Kirchengemeinde übte die Stadt an der kalifornischen Westküste eine besondere Anziehungskraft aus. 1895 gründeten deutsche Einwanderer um Pastor Hermann Gehrcke die St.-Matthäus-Gemeinde. Oft war es die wirtschaftliche Not in ihrer Heimat, weshalb sie nach Amerika auswanderten - oder die Lust auf Abenteuer, die Suche nach dem Glück, wie beim kalifornischen Goldrausch (1848-1854). Einige Glasfenster unserer Kirche erinnern an die Gründer unserer Gemeinde.

Golden Gate Bridge, die "Cable Cars" genannten Straßenbahnen, die viktorianischen Häuser am Alamo Square: eine schöne Stadt. Und nicht nur die Touristen schwärmen vom typisch kalifornischen Sonnenuntergang. Doch all das erschwert eher die Arbeit der Kirchen, da wir mit vielen Freizeitangeboten konkurrieren müssen. Das schöne Wetter in Kalifornien hat für uns den Nachteil, dass die Leute ihre Wochenenden für Ausflüge an die Strände und in die Berge nutzen. Oder sie gehen statt zum Gottesdienst zu einem der Sport- und Freizeitangebote, die sonntags im Überfluss zu finden sind. Erschwerend kommt hinzu, dass der Sonntag in den USA der Einkaufstag Nummer eins ist. Die meisten Geschäfte sind hier die ganze Woche über geöffnet.

Unvorstellbar: eine Gemeinde ohne Parkplatz!

Zudem muss unsere Gemeinde mit einem Problem fertigwerden, das Europäer erstaunen mag: Wir haben keinen eigenen Parkplatz! Selbst in einer Großstadt wie San Francisco ist das Auto das wichtigste Transportmittel. Die U-Bahn hält zwar in der Nähe. Keine zehn Minuten sind es zu Fuß von der Haltestelle bis zu unserer Kirche an der Ecke Dolores Street und Sechzehnte Straße. Und trotzdem: Eine Kirchengemeinde ohne Parkplatz - das ist hier unvorstellbar! 15 bis 25 Menschen besuchen jeden Sonntag unseren deutschsprachigen Gottesdienst. Einige fahren dafür 80 Kilometer. Also haben wir einen Parkplatz gemietet. Die Monatsmiete ist ziemlich teuer und belastet das Budget unserer Gemeinde.

Das religiöse Leben San Franciscos ist vielfältig. 800 000 Menschen leben in der Stadt. Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus, und, und, und - fast jede Religion und Glaubensrichtung ist vertreten. Und sie stehen in Konkurrenz zueinander. Wir haben hier so etwas wie einen "religiösen Markt", den Angebot und Nachfrage regeln. Jede Gemeinde muss sich behaupten, um überleben zu können. Anders als in Europa fühlen sich die Amerikaner kaum der Konfession verbunden, in die sie geboren werden. Auch in religiöser Hinsicht herrscht eine "Einkaufsmentalität". Die Leute suchen sich eine Religion oder Gemeinde, die zu ihrem Lebensabschnitt passt. Gefällt mir die Musik? Finde ich das seelsorgerliche Angebot gut? Entsprechen Moral und Ideologie meiner Wellenlänge? Man probiert dies und das aus, bis man die richtige Gemeinschaft für sich findet.

Suche nach neuen Mitgliedern

Der Protestantismus hat zumindest in Kalifornien seine Anziehungskraft verloren. Erst kürzlich wurde zum Beispiel eine leerstehende lutherische Kirche in ein Wohnhaus umgewidmet. Eine ehemals deutsche evangelische Kirche beherbergt heute einen buddhistischen Tempel. Nicht nur wir Lutheraner, auch die Anglikaner, Presbyterianer und Methodisten stehen vor der Herausforderung, junge Menschen für ihre Gemeinden gewinnen zu müssen. Unseren deutschsprachigen Gottesdienst besuchen in der Mehrzahl ältere Menschen, die in den 1950er und 1960er Jahren in die USA eingewandert sind. Hinzu kommen einige gebürtige Amerikaner, die Deutsch gelernt haben oder mit der Sprache aufgewachsen sind. Immer wieder nehmen auch Touristen am Gottesdienst teil.

Wird die St.-Matthäus-Gemeinde langfristig überleben können? Einige machen sich im Hinblick auf das zunehmende Durchschnittsalter unserer Mitglieder ernsthafte Sorgen. Aber es gibt Hoffnung. Zuletzt gab es eine kleine Einwanderungswelle. Einige Frauen, die US-Amerikaner geheiratet haben, sind neu hinzugekommen. Im Silicon Valley, dem Zentrum der Computerindustrie, haben sich zahlreiche IT-Spezialisten aus dem deutschsprachigen Raum mit ihren Familien niedergelassen. Die meisten wohnen in Palo Alto, das nur 56 Kilometer von der St.-Matthäus-Kirche entfernt liegt. Wir wollen versuchen, sie für unsere Gemeinde zu gewinnen. Immerhin schätzt das deutsche Konsulat, dass in der Bucht von San Francisco mehr als 50 000 deutsche Staatsangehörige wohnen.

Kreativität beim Sammeln von Spenden nötig

Wie können wir attraktiver werden? Ein wichtiges Ziel ist es, deutsche und binationale Familien mit Kindern zu gewinnen. Wir haben nun eine Erzieherin gefunden, die während der Gottesdienste die Kleinkinder betreut. Darüber sind wir sehr froh. Sie arbeitet in einer der deutschen Schulen im Silicon Valley und unterstützt uns ehrenamtlich. Im vergangenen Jahr konnten wir mit Nicole Hankemeier-Fahlman eine Kantorin einstellen. Mit ihr haben wir unsere kirchenmusikalischen Angebote erweitern können. Nicht nur im Gottesdienst. Unser Kirchenschiff wird wegen seiner Akustik von Musikern und Chören sehr geschätzt. Diesen Vorteil möchten wir besser für uns nutzen, indem wir zum Beispiel Konzerte veranstalten.

Was die Finanzen betrifft, sind wir auf uns selbst gestellt. Als Gemeide der Evangelical Lutheran Church in America (ELCA) beziehen wir keine Leistungen von der Evangelischen Kirche in Deutschland. In den USA gibt es auch keine Kirchensteuern. Da­rüber sind sich viele unserer Besucher aus Europa nicht im Klaren. Unsere Gemeinde muss sich ihren Unterhalt durch Spenden und Nebenverdienste selbst erwirtschaften. Zum Beispiel vermieten wir Räume an Chöre und an eine lateinamerikanische Gemeinde. Ein großer Erfolg war kürzlich eine Spendenaktion für den Erhalt unseres wunderschönen Kirchenschiffs. Zwei Gemeindemitglieder organisierten ein Festessen. Bei Kerzenlicht und Musik wurde feierlich im Gemeindesaal gespeist. Wir werden weitere Ideen entwickeln, um die nötigen Mittel für die Renovierung zu sammeln.

Gottesdienste in englisch und deutsch

Wir blicken zuversichtlich nach vorn. Unsere Kirchengemeinde hatte seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder Krisen und Brüche zu überstehen. Stets nahm sie Einwanderer auf, die das Gemeindeleben wiederum neu belebten. Nach dem Erdbeben und Feuer im Jahr 1906 wurde die heutige St.-Matthäus-Kirche gegenüber der Mission Dolores im gotischen Stil neu gebaut. Sie entstand übrigens nach dem Muster der Hildesheimer Heimatkirche von Pastor Gehrcke. Während der beiden Weltkriege war es oft schwer, Menschen deutscher Herkunft in ihrer Muttersprache seelsorgerlich zu versorgen.

Denn Deutsch wurde lange Zeit als die Sprache des Hauptfeinds empfunden. Die St.-Matthäus-Kirche war die einzige lutherische Kirche in San Francisco, die ihren deutschsprachigen Gottesdienst auch im Zweiten Weltkrieg beibehielt. 1945 bis 1946 sammelte unsere Gemeinde viel Geld und Kleidung für das Evangelische Hilfswerk in Deutschland. Zwar hat sich das Deutschlandbild der Amerikaner besonders seit der Wende und der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR stark verbessert. Doch das Erste, was die meisten Menschen in den USA mit dem Begriff Deutschland verbinden, sind die beiden Weltkriege, sind Bier, Autos und Autobahnen.

Heute hat unsere Gemeinde einen Exotenstatus. Wir sind die einzige lutherische Gemeinde in Nordkalifornien, die sonntags regelmäßig Gottesdienste in zwei Sprachen anbietet: um 9.30 Uhr in englischer und um 11 Uhr in deutscher Sprache. Jeden ersten Sonntag im Monat feiern wir um 11 Uhr einen zweisprachigen Gottesdienst. Und dieses Erbe und Vermächtnis wollen wir zu Gottes Ehre erhalten.

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