Die erste Wahl seines Lebens - da war der hessische Taxifahrer Salih Altunçiçek stolz.

Erst wollte ich CDU wählen, aber als der Roland Koch die Ausländerkriminalität so hochgejubelt hat, sagte ich mir: Nein, der kriegt meine Stimme nicht! Es gab immer kriminelle ausländische Jugendliche, warum macht der ausgerechnet vor der Wahl ein Thema daraus? Der hat das deutsche Volk aufgehetzt, zum eigenen Vorteil. Er sollte lieber Ausbildungsplätze schaffen, damit das weniger wird mit der Kriminalität.

Nein, der kriegt meine Stimme nicht!

Deshalb habe ich mit der Erststimme die SPD gewählt und mit der Zweitstimme die Grünen. Die sind zwar ein bisschen übertrieben öko, zum Beispiel weil sie gegen den Flughafenausbau sind, aber sie waren mir schon immer sympathisch. Die Grünen haben einfach nicht so viele schlechte Gedanken im Kopf, die denken positiv. Ich kenne ja viele Leute, dadurch dass ich seit 15 Jahren Taxi fahre. Ich war immer unter Deutschen, auch beim Fußballspielen.

Aber mit türkischem Pass ist vieles so kompliziert! Zum Beispiel, wenn ich ein Auto anmelden will. Den letzten Anstoß gaben dann die Passkontrollen, wenn ich zum Urlaub in die Türkei geflogen bin. Alle Deutschen kamen einfach so durch, nur mich behielten sie oft 20 Minuten da, und hinter mir wuchs die Schlange. Das hat mich so geärgert! Da habe ich mich einbürgern lassen.

Wenn ich jetzt vor deutschen Behörden den Ausweis zeige, werde ich ganz anders behandelt. Aber mein ältester Sohn will nicht. Er sagt: Für die anderen bleibe ich ein Ausländer, auch mit deutschem Pass. Er ist 21 und hofft, dass er in der Türkei mal irgendwelche Geschäfte machen kann. Aber meinen mittleren Sohn, der lernt gerade Lagerlogistik, den kann ich bestimmt noch überzeugen.

Manchmal nennen Kollegen oder Verwandte mich jetzt "Hans". Aus Spaß. Aber es ist auch ein bisschen gemein. Egal! Meine Frau sagt: Du hast das richtig gemacht mit der Einbürgerung! Sie selbst hat den Sprachtest nicht bestanden, sie kam erst mit 20 Jahren nach Deutschland. Und eigentlich hofft sie auch immer noch, dass wir wieder zurückkehren.

Ja, wenn wir Rentner sind, dann werden wir sicher öfter in der Türkei sein. Aber wir werden nicht ganz zurückkehren. Ich habe hier drei Söhne, bestimmt bald Enkel, alle Freunde. Ich kann nicht "Tschüss Deutschland" sagen, das geht nicht mehr. Das ist meine Heimat. Nur mein Grab, das soll dann in der Türkei sein.

Manchmal ziehen mich Taxikollegen auf: Du wirst nie Deutscher sein! Oder sie sagen: Du bist kein Türke mehr! Sie sagen das im Spaß, aber es macht mich doch traurig. Mein Name ist derselbe, meine Religion ist dieselbe, ich habe meine Verwandtschaft behalten - warum soll ich nicht mehr Türke sein? Ich bin eben deutschtürkisch. Was ist denn dabei, dass ich nach 28 Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen habe?

Ich will einfach mitbestimmen! Bei der Außenpolitik, der Wirtschaft, der Ausländerpolitik, bei allem. Natürlich weiß ich: Keine Partei macht alles richtig. Und es dauert auch, bis sie was ändern kann. Trotzdem. Und jetzt, nach der Hessenwahl, sagte ich zu den Taxikollegen: Habt ihr gesehen, was wir hessischen Deutschtürken erreicht haben?

Protokoll: Christine Holch

 

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