Christliche Palästinenser über den Nahost-Konflikt

Fremde Heimat Bethlehem
Stadt des Glaubens, Stadt des Zweifelns, Geburtsstadt Jesu. Christliche Palästinenser erzählen von ihrem Alltag im Schatten des Nahostkonflikts: von Willkür, Krieg und Aufstand, vom kleinen Familienglück

Issa Taljieh,17.

Wärme strömt aus dem Innern der Geburtskirche. In der Krypta singen Priester die heilige Liturgie. An diesem Ort, so will es die Überlieferung, hat die Jungfrau Maria einen Sohn geboren, ihn in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt. Mattes Kerzenlicht fällt auf Ikone, Wandbehänge und Kandelaber. Der Bischof steht vor dem Altar und schwenkt das Weihrauchgefäß. Zu seinen Füßen markiert ein silberner Stern die Stelle, wo der Gottessohn zur Welt gekommen sein soll.

Im schmalen Treppengang zur Krypta steht Issa. Mit dem Oberarm presst er eine Ledertasche gegen die blaue Schuluniform. Es ist früh, halb sieben. Jeden Morgen lauscht Issa der griechisch-orthodoxen Messe, in sich gekehrt, fast entrückt. Eine viertel Stunde, zwanzig Minuten Andacht auf dem Weg zum Schulbus. "Es gibt ja sonst nichts zu tun hier in Bethlehem", sagt Issa und lächelt verlegen.

Issa Taljieh ist Palästinenser und Christ, einer von 46 000 Christen in Bethlehem, Schüler der renommierten protestantischen Privatschule Talitha Kumi im Nachbarort Beit Jala. Dort bereitet er sich auf das Taujihi vor, das palästinensische Abitur. Issa will später Rechtsanwalt werden.

Issa wohnt mit seinen Eltern und drei Geschwistern in der Milchgrottenstraße über den Läden der christlichen Krippenhändler. Morgens läuft er durch den Nebeneingang der Geburtskirche zur Krypta. Danach durch das Hauptschiff der alten Basilika, vorne über den Krippenplatz, am leeren Touristenbusbahnhof und der Bauruine des geplanten Einkaufszentrums vorbei zur Haltestelle für den Schulbus.

Um sieben kommt der Schulbus. Issa setzt sich ans Fenster. Die Sonne steht über der judäischen Wüste, ihre Strahlen brechen sich in der verschmierten Busscheibe und erschweren so die Aussicht auf das Herodeion im Südosten Bethlehems, die kegelförmige Festung des Königs Herodes, der einst den Kindermord zu Bethlehem angeordnet haben soll. Hinter der verschmierten Scheibe verschwinden auch die Kräne und Betonklötze der israelischen Siedlung Har Homa auf dem Bergrücken gegenüber.

Der Bus verlässt die Krippenstraße. Kurz sieht man die Mauern, Schießscharten und Wachtürme vor Rahels Grab. Dort soll der hebräische Ahnherr Jakob vor 3500 Jahren seine Lieblingsfrau bestattet haben. Heute endet das palästinensische Autonomiegebiet vor dem jüdischen Heiligtum. Manchmal ist die Zufahrtsstraße mit Steinen und Gummigeschossen übersät, dem Müll der Schlachten vom Vortag, wenn die Jungen aus den Flüchtlingslagern ihren Zorn an den israelischen Soldaten ausgelassen haben. Issa schaut nicht hin. Er blättert im Schulbuch.

Der Schulbus rauscht mit aufheulendem Motor die Hauptstraße ins Tal hinab, ächzt den steilen Berghang wieder hinauf durch die engen Kurven von Beit Jala. Immer mehr Schüler steigen zu.

Oben passiert der Bus den israelisch-palästinensischen Checkpoint. Betonplatten und Metalltonnen stehen quer, die Asphaltdecke ist aufgerissen. Heute fährt der Bus zum Haupteingang von Talitha. Doch wenn israelische Soldaten hier Erdwälle aufgeschüttet und den Weg versperrt haben, kann der Schulbus nicht auf die Kammstraße gelangen. Er muss umkehren und die Schüler zum Mauerdurchbruch am unteren Ende des Schulgrundstücks bringen. Dort hat man wegen der wiederholten Absperrungen einen Noteingang angelegt. Ein Fußweg führt über einen Olivenhain zur Schule hinauf.

"Wenn es regnet, nervt das besonders." Issa lächelt wieder unsicher, als schäme er sich für die Wirrnis solcher Lebensumstände. Seit er lebt, ist Issa eingesperrt in Bethlehem. Er kommt nur selten heraus. Einmal war er in Jerusalem, ein paarmal in Ramallah mit der kirchlichen Jugendgruppe. Vor einem Jahr war er gar in Deutschland. In Meißen und Dresden. "Es ist okay", sagt er abwesend.

"Issas äußerer Gleichmut ist typisch für viele Jugendliche", sagt Mitri Raheb, Pastor an der lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem. Er hat den Jungen konfirmiert. Issa ist griechisch-orthodox getauft, wie sein Vater, seine Mutter ist lutherische Christin. "Mit den heute 30- bis 35-Jährigen haben wir Ende der achtziger Jahre nächtelang über die politische Lage diskutiert", erinnert er sich. "Da war es noch selbstverständlich, die sieben Kilometer nach Jerusalem ins Kino zu fahren." Raheb spricht leise, verhalten. "Als Issa eingeschult wurde, war der Weg nach Jerusalem schon zu. Jugendliche wie Issa haben sich damit abgefunden."

Während der ersten Intifada (des Aufstandes von 1987 bis 1993), während Issas ersten Schuljahren, fiel der Unterricht oft aus. "Diese Generation ist ziellos geworden", sagt Raheb. "Zudem hat der hohe Blutzoll der ersten Intifada ihre Eltern ernüchtert. Die Kinder wollen ihr Leben nicht für einen Kampf mit unsicherem Ausgang opfern."

Ob auch er Steine auf israelische Soldaten wirft? Issa winkt ab. Nein, das sei zu gefährlich. Sein Vater würde es auch verbieten. Ob aus Issas Freundeskreis jemand Steine wirft? "Ich kenne keinen", sagt Issa. "Das sind muslimische Jugendliche aus den Flüchtlingslagern, die auf staatliche Schulen gehen." Es sei sicher mutig, den Kampf mit den israelischen Soldaten aufzunehmen. Aber mitmachen will Issa nicht.

Sonntag früh in der Geburtskirche. Achtzig Menschen versammeln sich unter schweren Kronleuchtern. Vorne singt der Chor. Der Bischof schreitet mit drei Ministranten durch die Kirche. Alte Frauen küssen sein Gewand. Issa steht in der letzten Reihe. Er singt auswendig mit. Hinter ihm, im Hauptschiff unter der Zedernholzdecke, segnet Vater Gerias ein vierzig Tage altes Kind. Er blättert in einem arabischen Gebetsbuch und wispert: "Führe dieses Kind zum Glauben deiner Kirche. Halte es fern von den Anfeindungen dieser Welt." Er geht mit dem Kind nach vorne und legt es vor den Altar. Dann verschwindet er durch eine Tür in der vergoldeten Ikonenwand. Issa singt weiter, in Andacht versunken.

Hala Owde, 37.

Der Weg vom Krippenplatz zur Hebronstraße heißt "Paul-der-Sechste-Straße", nach dem 1978 verstorbenen Papst. Ein Teil ist Fußgängerzone, da residieren die Goldhändler. Ketten, Armreife und Ringe liegen aus, filigraner Schmuck, schweres Geschmeide. Davor stehen Frauen, einige verschleiert in schwarzen Gewändern, andere in Strickpullovern und knielangen Röcken. Mütter mit Töchtern im heiratsfähigen Alter. Sie wählen den Hochzeitsschmuck aus. Der Bräutigam zahlt.

Gold ist das Kapital der arabischen Frauen. Eine Sicherheit für Musliminnen, falls sich ihre Männer scheiden lassen. Und für Christinnen, falls ihre Männer frühzeitig sterben. Muslimische Männer dürfen sich scheiden lassen, christliche nicht. Das Eherecht ist religiös. Muslimische und christliche Geistliche schließen die Ehe, nicht Standesbeamte. Eine Mutter redet auf ihre Tochter ein: "Nimm die Kette dazu!"

"Die Leute sagen, ich trage zu wenig Gold", ereifert sich Hala (Name auf Wunsch geändert). "Ich kümmere mich nicht um das Gerede." Hala stammt aus einer lutherischen Bethlehemer Familie und lässt sich ungern etwas vorschreiben. Als sie vor elf Jahren den Katholiken Raed Owde* aus Beit Sahour heiratete, wollte sie nur einen zierlichen Armreif von ihm. Nichts Teures. Sie wollte ihr Geld im gemeinsamen Haus anlegen, nicht in Goldschmuck.

Halas Freizügigkeit im Umgang mit der Tradition hat ihre Grenzen. Christen heiraten Christen. Muslime heiraten Muslime. Wer diese Regel verletzt, wird von der Familie verstoßen. Auch Hala wünscht, dass ihre Kinder später Christen heiraten. "Wir Christen sind in der Minderheit. Wenn meine Tochter einen Muslim heiratet, werden ihre Kinder muslimisch sein. Wenn das alle tun, sterben wir Christen aus." Sie hält die Regel nicht für einen Mangel an Freizügigkeit, sondern für eine Notwendigkeit.

Oberhalb der lutherischen Weihnachtskirche drängt sich der Verkehr durch die Paul-der-Sechste-Straße. Pfützen, parkende Autos, hupende Taxis, Menschengedränge, überwiegend junge Menschen. Bilder von erschossenen Kindern, von so genannten "Märtyrern der Intifada", hängen in einigen Schaufenstern. Vor der katholischen Kirche "Heilige Familie" warten Taxen auf Kundschaft. Hier waren früher die Kinos von Bethlehem. Sie verschwanden während der ersten Intifada. Vergnügungen waren verpönt, dafür hatte man kein Geld übrig.

In der Nähe des Platzes betreibt Halas Mann Raed einen Computerladen ­ in einer schmucklosen Passage, neben zwei Friseuren, einem Fotografen, einem Kosmetik- und einem Süßwarenladen. "Hier bereiten sich Brautpaare komplett auf ihre Hochzeit vor", sagt Hala und lacht. Zwischen acht und neun Uhr morgens hilft Hala im Laden aus: Geschäftspost erledigen, Computerspiele an Kinder verkaufen, Ordnung halten. Seit Beginn der neuen Intifada läuft das Geschäft schlecht. Wie überall.

Um neun fährt Hala mit ihrem neuen Passat heim nach Beit Sahour, an der katholischen Kirche vorbei. Hier haben gestern Elyas und Hanani geheiratet, beide aus ortsansässigen katholischen Familien. "Beit Sahouris bleiben unter sich", sagte der Bruder der Braut. Es war eine kleine Hochzeit: 300 Gäste an Klapptischen im Gemeindehaus. Nicht im Bethlehemer Paradise- oder Grandhotel, wo reiche Christen sonst ihre Hochzeiten feiern. Man hob die Brautleute empor, sie stießen mit den Köpfen gegen die Styropordecke. Es gab laute arabische Musik, doch niemand stieß Freudenschreie aus. Ausgelassene Feiern machen Nachbarn argwöhnisch. Wegen der Intifada.

Hala bleibt auf der Hauptstraße Richtung Herodeion. Links geht es zu den Hirtenfeldern, auf denen die Engel Jesu Geburt verkündet haben sollen. Hirtenfelder gibt es gleich drei: ein katholisches, ein orthodoxes und ein anglikanisches. Alle behaupten, ihr Feld sei das wahre Hirtenfeld. Hinter einer Schonung mit Pinien, Zypressen und Kiefern liegt das katholische Feld, am felsigen Hang mit Blick auf die steinige Wüste. Gegenüber sieht man arabische Dörfer. Dazwischen schieben sich Baukräne und die Rohbauten der israelischen Siedlung Har Homa.

Unten im Tal entlang der rotbraunen Äcker ist die Grenze des Autonomiegebiets. Halas Schwager überquert diese Grenze regelmäßig als Illegaler. Er verdingt sich als Tagelöhner in Israel, ohne Passierschein. Als Maler findet er kaum Arbeit in Palästina. Morgens steigt er mit anderen Illegalen vor dem Checkpoint aus dem Sammeltaxi und läuft übers Feld. Hinter der Grenze steigt er in dasselbe Taxi wieder ein. Wenn israelische Soldaten Halas Schwager an der Grenze erwischen, halten sie ihn fest. Drei, vier Stunden lang. Für ihn ist der Tag dann gelaufen, ohne Arbeit und Einkommen.

Verglichen mit dem Schwager geht es Hala und Raed gold. Sie konnten sich ein zweistöckiges Haus leisten. "Wir wollen nach Australien auswandern", sagt Hala plötzlich. "In diesem Jahr." Hala hat zwei Töchter und einen Sohn. Sana*, die älteste, hat sie in Australien bei ihrer Schwester geboren. Sie habe sie dort extra zur Geburt besucht, damit ihr Kind einen australischen Pass bekommt. Als Beit Sahour im Winter unter israelischem Beschuss lag, habe das australische Konsulat oft angerufen, sagt Hala, um Sana aus dem Krisengebiet herauszuholen. "Die kümmern sich um ihre Bürger."

Weg von hier, möglichst bald! Das Konsulat hat Raed und Hala zugesagt, ihren Visumsantrag wegen Sana schneller zu bearbeiten. In vier bis sechs Monaten, statt der üblichen zwei bis drei Jahre. Sobald sich die Lage in Palästina stabilisiert, wollen Hala und Raed wieder heimkehren. Ihr Haus bleibt zwischenzeitlich leer, damit sie jederzeit einziehen können.

Eine Familie auf Abruf. Die Wände im Wohnzimmer sind kahl, bis auf ein Jesus-Bild. "Bei uns gibt es keine Rentenversicherung und keine gute Krankenversiche- rung." Hala sucht nach immer neuen Argumenten für die Emigration, als wolle sie sich selbst überzeugen. "Die Kinder haben lange kein richtiges Osterfest mehr erlebt und auch kein friedliches Weihnachten. Und wer weiß, ob sich das hier jemals ändert."

Suleiman Mukarker, 71.

Sein Haus ist im alten Stil erbaut: dickes Mauerwerk, hochragende Wände, gewölbte Decken. Die Räume gehen von einer lang gestreckten Eingangshalle ab. An deren Längsseiten stehen Sofas, Korbsessel und Holzstühle.

"Abu Salameh" nennt man Suleiman Mukarker: "Vater von Salameh", dem ältesten Sohn. Abu Salameh hat sechs Kinder, 18 Enkel. Mukarkers sind eine weit verzweigte griechisch-orthodoxe Familie in Beit Jala. Kurz hinter dem Ortseingang prangt das Schild "Mukarker Textile and Rubber" an einem kastenförmigen Gebäude. Die kleine Fabrik für Gummizüge gehört Abu Salamehs Neffen.

Abu Salameh und seine Frau Sophie stammen aus reichen christlichen Familien. Ihre Eltern besaßen viel Land, das sie an Israel verloren. Enteignet. "Die israelischen Behörden wollten, dass meine Mutter einen Kaufvertrag für das Land unterschreibt", erzählt Sophie und ergänzt stolz: "Sie hat es nie getan." Auch Abu Salameh hat Land verloren. Zuletzt einige Hektar an die Siedlung Gilo im Norden von Beit Jala. Warum er es nicht verkauft hat, wenn es doch enteignet würde? Abu Salameh reagiert empört: "Damit die überall meine Unterschrift vorzeigen und sagen: 'Suleiman Mukarker hat uns dieses Land verkauft.' Niemals!"

Südlich von Beit Jala liegt Ad-Doha, ein muslimischer Stadtteil im Distrikt Bethlehem. Bis 1996 gehörte er zu Beit Jala. Dort siedelten Muslime aus dem Flüchtlingslager Deheishe, gegenüber von Ad-Doha. Als man die Autonomieverwaltungen schuf, wollten die Christen aus Beit Jala nicht von der muslimischen Mehrheit aus dem Neubaugebiet regiert werden. Ad-Doha bekam eine eigene Verwaltung. "Christen und Muslime haben in Palästina immer friedlich nebeneinander gelebt", sagt Sophie Mukarker. Nebeneinander. "So war das vor 1948, und das hat sich bis heute nicht geändert."

Und wer hat Anfang November die christlichen Friedhöfe von Beit Jala verwüstet? Abu Salameh stützt seine Stirn in die linke Hand, reibt sich das Gesicht und schweigt. "Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen", sagt er schließlich. "Es waren wenige. Extremisten. Dumme Jungen. Ich sage bewusst nicht 'Muslime'." ­ Und warum haben sie das getan? Abu Salamehs Augen sind wach. "Sie wollen einen Riss durch unsere Gesellschaft. Unsere Kirchen haben dagegen protestiert." Mehr sagt er nicht.

Ortsbesichtigung. Faten Mukarker, angeheiratete Nichte von Abu Salameh, führt über den orthodoxen Friedhof. Hinter der mannshohen Mauer, den Kiefern und Weinreben stehen Familienmausoleen, Mauern mit eingelassenen Grabhöhlen, aufgeschichtete Betonkästen. An den Gräbern Blumengestecke und die Bilder der Verstorbenen. Vor ihnen abgeschlagene Kreuze: gleichschenklige griechische Kreuze und die russischen mit dem diagonalen Balken. Zerbrochener Marmor, verbogenes Metall. Faten steht vor dem geschändeten Grab ihrer Schwiegereltern. "Als ich das zum ersten Mal sah, habe ich eine Stunde lang geheult."

An der Nordseite des Friedhofs klaffen Einschusslöcher: an Grabsteinen, in der Friedhofskapelle. Ölbaumzweige sind abgerissen. Spuren des Beschusses aus der israelischen Siedlung Gilo. "Zwei Mal in einer Woche wurde der Friedhof geschändet", sagt Faten. "Erst von unseren eigenen Leuten. Und dann von israelischen Soldaten."

Unterhalb von Gilo ist ein Erdwall aufgeschüttet. Die Mündung eines Panzerrohres lugt hervor. Drei schwere Maschinengewehre sind in Stellung gebracht, überdeckt mit Tarnplane. "Es war am 12. November, nach dem Gottesdienst", erinnert sich Abu Salameh. "Eine alte Dame war gestorben. Ihr Sohn hielt das Haus offen für Besucher, drei Tage lang. So ist es Brauch. Ich wollte hin zum Kondolieren." Abu Salamehs jüngster Sohn Sa'ad war zu Besuch. Er hielt seinen Vater an dem Morgen auf. Bat ihn, noch auf eine Tasse Tee zu bleiben. "Sa'ad hat mir das Leben gerettet", sagt Abu Salameh.

Vierzig Menschen hatten sich vor dem Trauerhaus nahe dem Friedhof versammelt, als die israelischen Soldaten mit dem Beschuss begannen. Auch Faten war da. "Vielleicht hielten sie die Menschenmenge für Demonstranten", sagt Abu Salameh. "Die Israelis feuerten mit Maschinengewehren. Die Menschen liefen auseinander. Es gab Verletzte. Dann schoss der Panzer", sagt Faten. "Erst auf uns, unten im Tal. Dann immer höher, den Hang hinauf. Schließlich trafen die Schüsse auch die Ölpresse von Onkel Farid, kurz unterhalb des Bergkamms."

Dreieinhalb Monate lag Beit Jala unter Beschuss. Von Ende September bis Anfang Januar. Meist während der Nächte. Die Schießereien begannen nach der Ausrufung der Intifada. Zuerst schossen Palästinenser auf Gilo. "Es waren Leute von außerhalb", sagt Abu Salameh. Sie schossen mit Gewehren. Jede zweite oder dritte Nacht. Die Israelis antworteten mit Panzern und Hubschraubern. Die Leuchtspuren der Geschosse beleuchteten die Räume, die roten Zielpunkte der Laser flitzten über die Zimmerwände. "Unsere Enkelkinder liefen nachts durch die Wohnung und schrien."

Mukarkers Haus ist robust gebaut. Es hat dicke Wände und hohe Decken. "Das Haus erbebte in den Bombennächten", sagt Abu Salameh. Er führt seine Gäste ins Schlafzimmer. Ein hoher Raum, türkisblaue Wände, Kreuzgewölbe, zugezogene Gardinen, fünf Betten. Alle anwesenden Familienmitglieder übernachten hier. Vor den Fenstern stehen Sandsäcke und riesige Stahlplatten. Schutz gegen Kugeln und Granaten.

Abu Salameh sitzt im Sessel und stützt die Ellenbogen auf die Knie. Er erzählt von den Bombennächten, den schlimmsten Nächten, an die er sich erinnert. Und erzählt, wie es weitergeht in Palästina. "Wir sind ein Volk, Christen und Muslime. Wir sind Palästinenser. Uns kann man nicht gegeneinander ausspielen. Schreiben Sie das."

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