Warum sich Schüler heute allen Ernstes strenge Lehrer wünschen

Sie sollen ihnen zeigen, wo es langgeht im Leben.

Noch so ein Schock, und es reicht für ein solides Trauma. Ich sitze einer netten, aufgeweckten 14-Jährigen gegenüber, wir plaudern über dies und das, Schulangst und -verweigerung, Alkohol und Ausgehverbote, wie das in einer Therapie mit Jugendlichen eben so ist, und zuletzt kommt die Rede auf einen "richtig netten" Lehrer. Was ihr an dem gefällt, erkundige ich mich. Sie antwortet: "Der ist streng."

"Nett ist der, weil er streng ist."

Ein Schock, wie gesagt. Dazu muss man wissen, dass ich in strikt liberal-evangelischem Denken aufgewachsen bin, den dritten antiautoritären Kindergarten mitbegründet habe (seinerzeit: 1969), dann zwar von straffälligen Jugendlichen in einem Berliner Therapieheim mit den härteren Seiten des Lebens konfrontiert wurde ­ aber trotzdem, mit so etwas rechne ich als Kindertherapeut doch nicht. Ein hübscher, moderner Teenie und dann dies: "Nett ist der, weil er streng ist."

Das ist inzwischen zehn Jahre her. Bei meiner Patientin habe ich endgültig begriffen, dass die Zeiten der ewigen Autoritätsdebatten vorbei sind. Kids und Teens verstehen unter Autorität etwas ganz anderes als wir in unserer Kindheit. Autoritäten erscheinen nicht mehr bedrohlich. Man nimmt sie einfach zur Kenntnis, weicht ihnen aus oder lässt sie, wenn sie einem auf die Nerven gehen, charmant lächelnd auflaufen. Und hat zugleich Sehnsucht nach ihnen!

Und damit sind wir bei dem ersten Punkt, der an unseren Schulen dringend anders werden muss. Wir brauchen einen neuen Lehrertyp: autoritär, aber nicht spießig. Leicht ist das nicht. Autorität stützt sich heute ausschließlich auf die eigene Person. Man kann auch Persönlichkeit sagen, Authentizität oder sonst was ­ das ändert nicht viel. Früher war ein Lehrer oder Erzieher immer zugleich mehr als nur er selber. Er war Repräsentant einer gesellschaftlichen Ordnung, die vom Kolonialwarenhändler bis zur eigenen Familie, vom Pastor bis zum Gewerkschaftsfunktionär reichte, unbefragbar. Kinder wuchsen in einer engen, aber normativ gestützten Welt auf. Natürlich brachen sie aus, aber eben mit schlechtem Gewissen. Da konnte man sie fix zurückholen.

Ein ernsthafter Wunsch nach Autorität

Alles vorbei. Trotzdem oder gerade deshalb haben die Jugendlichen einen ernsthaften Wunsch nach Autorität. Ich kenne einen Hauptschulrektor in der Nähe von Düsseldorf, der verkörpert sie. Nichts Besonderes an diesem Mann, schon rein äußerlich nicht ­ aber offenbar ist er ein guter Pädagoge. Man merkt das sofort. Bei unserem Rundgang über den Pausenhof verstummten ringsum die eifrigen Deals über Handys; die Rangeleien, die bei Jugendlichen so unkontrollierbar ausbrechen können, wurden abrupt eingestellt; die Augen der Schüler richteten sich auf ihren Rektor, auffällig, unauffällig, offen oder mit versteckten Seitenblicken. Er wurde gesehen, war "angesehen". Und er? Er blickte zurück. Freundlich, lässig, nicht ohne Selbstironie, die ihm offenbar ständig zur Verfügung stand ­ er machte buchstäblich Eindruck, wie er da vergnügt in die Runde schaute, hier und da jemandem zunickte und weiterging.

Klar ist, wenn ein Lehrer sich von jedem großmäuligen Bully auf dem Schulhof anmachen lässt und sich nicht zu helfen weiß, dann hat er schon verloren. Dass die Rücksichtslosen gewinnen, das wissen die Kinder selber. Das lernen sie in jeder Fußgängerzone. Wenn er bei üblen Prügeleien zur Seite schaut, dann ist sein Blick nichts mehr wert. Wenn er nicht in der Lage ist, eine rücksichtsvolle Ordnung auf dem Pausenhof und im Klassenzimmer zu fordern und auch herzustellen, dann kann er gleich den Beruf wechseln, als Lehrer wird er nur noch unglücklich.

So etwas schafft ein guter Lehrer. Ein guter Therapeut übrigens auch.

Aber das reicht nicht: Er muss mit seiner ganzen Person, den Gesten, den Blicken, dem Grinsen und der Zornesfalte deutlich machen: Wo ich bin, herrscht eine bestimmte Ordnung, einfach deshalb, weil ich da bin ­ Ordnung ist auch Geborgenheit ­, aber zugleich soll diese Ordnung von einem vibrierenden Lebenswillen, von der lustvollen Einsicht, dass alles immer wieder auch ganz anders sein kann, erschüttert und durchwoben sein. So etwas schafft ein guter Lehrer. Ein guter Therapeut übrigens auch.

Und wodurch? Durch sein "Ansehen". Wie bei dem Düsseldorfer Hauptschulrektor. Das versetzte ihn in die Lage, einen Jugendlichen anzuschauen und ihm dabei deutlich zu machen (zu be-deuten): Du bist etwas Besonderes. Und die Blicke der anderen, der Schüler im Klassenraum oder auf dem Hof, folgen diesem Einverständnis zwischen den beiden.

Worte sind wichtig, werden aber in unserer Pädagogik überschätzt, wichtiger ist der Klang der Stimme, die Bewegungen des Körpers, die kleine Geste ­ und am allerwichtigsten ist der Blick. Jean-Paul Sartre hat teils schwer verständliche und teils ungemein kluge Sätze über das Anschauen und Angeschaut-Werden geschrieben, sogar ein Theaterstück ("Geschlossene Gesellschaft"), das mit den Worten endet: "Die Hölle, das sind die anderen." Er schreibt von einer Welt, in der es keine Türen und keine Spiegel gibt. Die Eingeschlossenen können nicht heraus und ­ das Schlimmste ­ sie können sich selber nicht anschauen. Sie sind Menschen ohne Selbstbild, darum sind sie ganz verloren. Sie forschen nach sich selber im Blick der anderen. Wie sie angeschaut werden, so sind sie. Das macht sie misstrauisch, überall lauert die Lüge, die Verführung, die Täuschung und Selbsttäuschung.

Unseren Kindern und Jugendlichen geht es ganz ähnlich. Sie haben so wenig Verlässlichkeit in sich und um sich herum. Keiner weiß so richtig, wo es langgeht, auch Papa und Mama nicht, und die meisten Lehrer erst recht nicht. Wo Nachbarschaft und sogar Freundschaften wenig gelten, da schließen sich die Selbstbilder vor allem der Jugendlichen an Medienbilder an, die per Satellit und Internet in fortlaufenden Transformationen um den Erdball kreisen ­ Glücksversprechungen enthalten sie und einen extremen Perfektionsanspruch. So schön, so clever, so erfolgreich, so fix! Wo solche Medienbilder den sozialen Alltag durchdringen, da bleibt das kindlich-jugendliche Selbst hoffnungslos zurück. In diesem Sozialen kann es sich nicht spiegeln, in ihm kann es sich nicht realistisch zur Geltung bringen, es macht kaum noch Sinn, an sich zu arbeiten und zu reifen ­ die Jugendlichen starren auf diese Perfektionen und sinken zurück in Resignation.

Pädagogische "Einfühlung" hilft den Schülern gar nicht

Dem muss ein Lehrer heute standhalten. Gelingt ihm das nicht, dann wissen die allermeisten Schüler auch nicht mehr, warum sie lernen sollen. Ein guter Lehrer muss dem lustlos-nervösen Kind Hoffnung auf sich selber geben. Er muss den hampelnden Bildern und Zeichen auf den Handys, den Onlinekontakten im Computerspiel und den Glücksversprechungen des Fernsehens, das ewig einen neuen Superstar sucht und nie einen hervorbringt, die Besonderheit jedes Einzelnen entgegenhalten. Dafür benötigt er Klarheit und Eindeutigkeit, Autorität eben. Pädagogische "Einfühlung" hilft den Schülern gar nicht. Sie wollen jemanden, an dem sie nicht vorbeikönnen. Der in diesem Bildertaumel stabil bleibt. Auf den richten sie ihre Aufmerksamkeit.

Ein guter Lehrer schafft einen Raum mit Hoffnungen, Aufmerksamkeiten und einer erwachenden Selbsterwartung, aber dann muss noch mehr kommen. Beziehungen und Bindungen ­ so wertvoll und neuartig sie für viele Kids sind ­ sind flüchtig, sie schwinden schnell. Das halten die unsicheren Kinder nicht gut aus. Sie benötigen etwas Dauerhaftes, Objektives. Das man anderen zeigen und an dem man sich selber festhalten kann. Wie geht das? Solange Schule eine staatliche Institution mit dicken Mauern und verschlossenen Türen und Fenstern ist (die nur nach ausdrücklicher Erlaubnis durch die Lehrkraft geöffnet werden dürfen), s0 lange hat man nichts anderes im Sinn als: Ich will hier raus! Das Dilemma der Schule ist ihre ängstliche Spießigkeit, mit Moral garniert. Also, Türen und Fenster auf. Konkret: Holt interessante Menschen in die Schulen! Interessant sind beispielsweise Handwerker. Wenn die mit einem "hyperaktiven" Zwölfjährigen losziehen, Stühle reparieren oder Pausenbänke zimmern, wenn solch ein Meister unbekümmert klarmacht: "Hier kommt der Nagel hin, nicht da, was machst du denn?", dann richtet sich die Aufmerksamkeit des Jungen auf. Er, der keiner Anordnung folgen mag und überhaupt nie hinhört, schwitzt vor Eifer.

Künstler, Musiker oder meinetwegen Balletttänzer, noch lieber sind mir die Bildhauer, die aus Holz und Stein mit Jugendlichen etwas formen: eine Gestalt, die sie selber hervorgebracht haben und die insofern Teil ihres Ichs ist. Ihre Kraft und Mühe sind den Blicken der anderen, der ganzen Schule vorangestellt. Sie verdanken es keiner Medienanweisung, sondern ihrer Intelligenz, ihren Tagträumen, ihrer Geschicklichkeit. In solch einer Schule wären auch die modernen Kinder ein bisschen mehr zu Hause.

 

Wolfgang Bergmann

Wolfgang Bergmann, Jahrgang 1948, war einer der profiliertesten Kindertherapeuten Deutschlands. Er lebte in Hannover. Er veröffentlichte u.a. "Warum unsere Kinder ein Glück sind" (Beltz-Verlag). Bergmann starb im Mai 2011.

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