Fremde auf der Couch

Sie laden Gäste ein, die ihnen unbekannt sind. Sie reisen zu Menschen, die sie noch nie gesehn haben. Internetplattformen wie Couchsurfing ermöglichen eine neue Form von Tourismus

Alles gepackt. Die Reise kann beginnen. Charlotte N. freut sich auf eine Woche Urlaub in ihrer Heimat Frankreich. Nur eins muss sie noch erledigen. Sie schnappt den Zweitschlüssel ihrer Einzimmerwohnung in Berlin-Friedrichshain. Den hinterlegt sie beim Bäcker am S-Bahnhof Ostkreuz. Dazu ein Zettel: "Den Schlüssel holt morgen Juan ab." Wie ihre Wohnung wohl aussieht, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommt? Nur ein kurzer Gedanke, die 30-jährige Journalistin schiebt ihn schnell beseite. Egal. Bislang hat Charlotte nur gute Erfahrungen mit Fremden gemacht, denen sie ihre Wohnung überließ.

Kurz vor Mitternacht. Dirk R. wartet im Frankfurter Südbahnhof auf zwei junge Frauen aus Malaysia. Der 43-jährige Flughafenmitarbeiter kennt die beiden nicht. Zwei, drei Nächte wollen sie auf seinem Sofa schlafen, die Stadt kennenlernen, dann reisen sie weiter. Verabredet haben sie sich über das Internet.

Bastian H. geht auf Nummer sicher. Bevor der Münchner fremden Gästen seine Wohnungstür öffnet, verschafft er sich einen ersten Eindruck. So wie neulich. Der 24-jährige Angestellte machte sich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle - wie immer, wenn Couchsurfer kommen. Keiner seiner Gäste soll direkt an seiner Tür klingeln. Die zweihundert Meter von der Haltestelle zur Wohnung genügen. Wer einen guten Eindruck macht, darf mit reinkommen. Ansonsten: Pech.

Gratis übernachten und nette Leute kennenlernen

Charlotte, Dirk und Bastian lassen Fremde in ihre Wohnung. Sie haben ihre Gäste vorher höchstens auf einem Foto im Internet gesehen. Manche machen den Abwasch, andere vergessen, den Reiseführer wieder zurückzugeben. Manchmal werden die Fremden zu Freunden, manchmal sieht man sich nie wieder.

Zwischenmiete, Wohnungstausch, Couchsurfing - es gibt heute viele Möglichkeiten, seine Wohnung unbekannten Menschen zu öffnen. Sei es für ein, zwei Tage, Wochen oder Monate. Fremde Länder besuchen, den Alltag der Einheimischen kennenlernen: Das ist seit 1949 Sinn und Zweck der Friedensorganisation Servas (Esperanto: "Du dienst"). Ihr Ziel: "durch zwischenmenschliche Kontakte Vorurteile zwischen den Völkern abbauen". Weltweit gibt es 14 000 Gastgeber, die Servas-Reisende aufnehmen. Servas und andere Organisationen speziell für Tramper, Frauen, Radfahrer oder Esperanto sprechende Menschen hatten lange Zeit nur begrenzte Möglichkeiten, ihre internationalen Netzwerke auszubauen.

Das hat sich mit dem Internet geändert. Im Jahr 2000 gründete der damals 22-jährige Globetrotter Veit Kühne in Leipzig den Onlinegastgeberdienst "Hospitality Club". Unter dem Motto "Kostenlos übernachten und weltweit nette Menschen kennenlernen" registrierten sich unter www.hospitalityclub.org bis August 2010 mehr als 328 000 Menschen in 207 Ländern. Beim weltweit führenden Netzwerk www.couchsurfing.org haben sich seit 2004 zwei Millionen Menschen aus aller Welt angemeldet.

Offener für Neues

Auf diesen Seiten veröffentlichen Reisende, die auf der Suche nach einer günstigen Übernachtung sind, einen kurzen Steckbrief von sich. Wer Gäste aufnehmen möchte, macht es ebenso. Über ein Nachrichtenformular verabredet man sich online. Die Idee ermöglicht billiges Reisen und gleichzeitig Kontakte zu Einheimischen, die einen ihren Alltag miterleben lassen. Couchsurfer sind jung, gerade mal acht Prozent aller registrierten Mitglieder sind über 40. Der durchschnittliche Couchsurfer ist 28 Jahre alt.

"Junge Leute sind heute mobiler und offener für Neues als früher", erklärt der Soziologe Armin Hentschel vom Institut für Soziale Stadtentwicklung in Potsdam. Er führt das unter anderem darauf zurück, dass Auslandssemester heute eher die Regel sind. Billigflüge ermöglichen jungen Erwachsenen mit kleinem Budget Reisen in alle Welt. "Sie haben weniger Probleme mit Fremdsprachen, weniger Angst vor dem Fremden, sind weniger abgeschottet gegenüber anderen Kulturen." Zudem gibt es immer mehr Menschen, die alleine leben, erklärt der Soziologe. Sie haben mehr Platz, um Gäste zu beherbergen.

Dirk R. hat in seiner Dreizimmerwohnung ein Zimmer untervermietet, im Wohnzimmer können Couchsurfer übernachten. Im Durchschnitt nimmt er einmal pro Woche jemanden auf, am liebsten Frauen. "Die sind sauberer. Und im Notfall bin ich denen körperlich überlegen."Dirk richtet dann das Bett auf dem blauen Sofa her - direkt neben dem Schränkchen, auf dem die gerahmten Fotos von Dirks Familie und Freunden stehen. Seinen Besuchern drückt er einen Stadtplan und einen englischen Reiseführer über Frankfurt in die Hand. Sie dürfen das Gästefahrrad benutzen und sich aus dem Kühlschrank bedienen. "Aber nach spätestens einer Woche ist Schluss - ich will mich nicht ausgenutzt fühlen."

Von Sofa zu Sofa surfen

Warum er das alles macht? "Ich finde es lustig", erklärt Dirk R. "Ich bin sonst manchmal etwas einsam - da ist es schön, jemanden in der Wohnung zu haben." Man trifft sich abends in der Küche, unterhält sich. "Von den zwei Mädchen aus Malaysia habe ich zum Beispiel viel über den Islam gelernt", sagt der 43-Jährige. Er nimmt besonders gerne Couchsurfer aus Asien auf, weil er selbst seit 20 Jahren jedes Jahr nach Südostasien reist. "Auf meinen Reisen besuche ich sie und sie freuen sich, dass ich da bin", erzählt Dirk. In Frankfurt hat er dagegen kaum richtige Freunde, die engsten Vertrauten sind seine Mutter und sein Bruder. Seit ein paar Monaten hat er eine Freundin in Manila.

Bastian H. bevorzugt im Gegensatz zu Dirk männliche Gäste. "Die sind unkomplizierter. Sie meckern nicht über das kleine Badezimmer und brauchen morgens nicht so lange." Er kann seinen Gästen kein Sofa bieten, aber eine aufblasbare Matratze. Die legt er zwischen Bett und Schrank auf den Boden. Für mehr ist in dem kleinen Zimmer unter der Dachschräge kein Platz. Bastian lebt in einer Wohngemeinschaft. Küche und Bad teilt er mit zwei Mitbewohnern. Weil er nur wenig Platz hat, ist es ihm lieber, wenn der Gast nicht länger als zwei Nächte bleibt. "Wenn ich einen Couchsurfer bei mir aufnehme, bin ich einfach mal mit einem Menschen gefangen", sagt Bastian. "Ich freue mich über die Geschichten, die sie mir erzählen, vom Leben in ihrer Heimat."

Bastian surfte selbst von Sofa zu Sofa, ehe er Leute bei sich aufnahm. "Ich hatte an der Uni davon gehört. Dachte, so kann ich günstig Urlaub machen und gleichzeitig mein Englisch verbessern." Drei Wochen fuhr er durch Irland und England, übernachtete bei fünf verschiedenen Gastgebern. Danach war er fasziniert von den verschiedenen Menschen und ihren Geschichten. "In Dublin habe ich zum Beispiel mit der Fotografin, bei der ich gewohnt habe, eine ganze Nacht lang Fotosessions gemacht."

Was Privatsphäre bedeutet

Nach seiner Rückkehr öffnete er selbst Couchsurfern die Tür. "Das reißt mich aus meinem Alltag raus", erklärt er. Und hilft gegen Fernweh. Über seinem Bett hängen zwei Poster: weißer Karibikstrand, Delfine im Abendrot. Sein nächstes großes Reiseziel ist New York. "Ich hoffe, dass bald mal ein New Yorker bei mir übernachten will. Dann kann ich ihm gleich einen Gegenbesuch abstatten."

Die Frankfurter Kulturanthropologin Sandra Weires spricht beim Couchsurfen von einer "bewussten Integration der Privatsphäre in den touristischen Raum". Bedeutet das, jungen Menschen ist ihre Privatsphäre nicht mehr wichtig? "Bei jungen Leuten heute ist das Bedürfnis nach Privatsphäre nicht mehr so an den konkreten Ort der Wohnung gekoppelt", stellt der Berliner Soziologe Hartmut Häußermann fest. "Sie bezieht sich eher auf Personen. Privat sind persönliche Dinge wie Bücher, CDs oder Briefe, die man wegschließen kann, nicht mehr das Wohnzimmer."

Was für Bastian Privatsphäre bedeutet? Da muss er erst mal überlegen: "Mein Schrank, meine Schubladen sind privat. Mein Rucksack und die Daten auf meinem Rechner." Dirk meint: "Privat ist eigentlich nur mein Computer, aber der ist passwortgeschützt." Charlotte dagegen trifft größere Vorkehrungen. Im Gegensatz zu den Couchsurfern Dirk und Bastian ist sie ja in der Regel abwesend, wenn jemand Fremdes in ihrer Wohnung übernachtet. Den Ordner mit den Kontoauszügen bringt sie zu Freunden, ebenso ihren Laptop und die externe Festplatte. Auch das 50er-Jahre-Nähkästchen mit dem Schmuck lagert sie aus. Ihre Fotoalben lässt sie dagegen im Zimmer. "Dabei sind die etwas wirklich Privates", überlegt Charlotte. "Aber normalerweise stöbern die Leute ja nicht in fremden Sachen rum - denke ich."

Ein Frage des Vertrauens

Da Charlotte ihren Gästen oft nicht begegnet, hat sie andere Gründe als Dirk und Bastian, ihnen ihre Wohnung zu öffnen. "Wenn ich Geld für eine Wohnung bezahle, soll sie nicht leerstehen, wenn ich weg bin. Wenn ich schon zahle, soll auch jemand davon profitieren! ", erklärt die Französin. "Ich will vielen Leuten ermöglichen, auch für wenig Geld zu reisen, um neue Städte und Menschen kennenzulernen."

Was es bedeutet, Unbekannten die eigene Wohnung zu überlassen, wurde Charlotte bei einem Besucher deutlich. Sie hatte ihr WG-Zimmer wieder einmal für einen längeren Zeitraum vermietet, musste aber zwischendurch in die Wohnung, um etwas zu holen. Ein Blick in ihr Zimmer erschreckte sie: "Überall standen Duftkerzen, Kleider lagen auf dem Boden verstreut, ein Teil meines Bücherregals war freigeräumt.

Das Merkwürdige war: Als ich dann von meiner zweiten Reise wieder zurückkam, sah mein Zimmer genau so aus, wie ich es verlassen hatte! " Unterwegs denkt sie erst gar nicht daran, was in ihrem Zimmer vor sich gehen könnte. "Es ist einfach eine andere Benutzung des Ortes", sagt Charlotte. Ihren Gästen vertraut sie "nach Gefühl".

"Man checkt sich vorher ab"

Bei vielen jungen Leuten hat sich der Kreis der Menschen ausgeweitet, denen sie vertrauen, stellt der Soziologe Häußermann fest. "Man teilt etwas - zum Beispiel das Sofa. Dieses Vertrauen hat man früher nur der Familie und vielleicht engen Freunden entgegengebracht, heute reicht es viel weiter." Häußermann nennt das "erweiterte Solidarität". Trotzdem spielt sich dieser Austausch oft zwischen ähnlichen Milieus ab. Durch die Profile auf den Internetplattformen machen sich Gastgeber und Gäste ein Bild voneinander. Man liest, wie der andere lebt und was ihn interessiert. "Man checkt den anderen vorher kulturell ab", sagt Häußermann. Nach Mentalität, politischer Richtung oder Religion.

Die Couchsurfing-Seite ist so aufgebaut, dass die Gäste von ihren Gastgebern und umgekehrt bewertet werden. Wer nette und sympathische Kommentare bekommt, der wird auch gerne von anderen aufgenommen. Dirk und Bastian schauen sich genau die Internetprofile ihrer möglichen Gäste an. "Ich vertraue zunächst mal allen Menschen", meint Dirk. Seinen Besuchern überlässt er zum Beispiel den Zweitschlüssel für seine Wohnung. Dirk glaubt an das Gute im Menschen.

Trotzdem: "Manchmal habe ich schon Angst davor, dass ein Gast ausrasten und mutwillig meine Wohnung zerstören könnte." Vorgekommen ist das aber noch nicht. Als Sicherheit reicht ihm eine Kopie des Passes seiner Besucher. Auch Bastian trifft Vorsichtsmaßnahmen. Ganz vertrauen kann er den Besuchern nicht, gesteht er. "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Deshalb bekommen die Gäste keinen Schlüssel und müssen morgens mit ihm das Haus verlassen, wenn er zur Arbeit geht.

Geben und Nehmen

Die zentrale Bedeutung von "privat" ist die Möglichkeit der Kontrolle, sagt die Philosophin Beate Rössler. "Privat ist etwas dann, wenn ich dazu in der Lage und berechtigt bin, den Zugang - zu Daten, zu Wohnungen, zu Entscheidungen oder Handlungsweisen - zu kontrollieren." Dirk ist diese Kontrolle wichtig. Bei aller Gastfreundschaft betont er, dass er "der Herr im Hause" bleibt.

"Die Gäste müssen sich an meine Regeln halten. Wenn jemand meine Kontoauszüge anschauen würde, wäre es nicht so schlimm, dass die Person dann über meine Finanzen Bescheid weiß, sondern dass sie rumgeschnüffelt hat. Das ist eine Frage des Respekts." Dirk, Bastian und Charlotte gehen das Risiko ein, dass jemand ihre Grenzen überschreitet, weil sie im Gegenzug viel dafür bekommen.

Wenn Bastian entscheidet, ob er einen Couchsurfer bei sich aufnimmt, ist das Wichtigste für ihn dessen Begrüßungsnachricht. "Wenn einer schreibt, er tanzt auch gerne, und mir vorschlägt, gemeinsam zu einer Salsa-Party zu gehen, ist das super. Dann weiß ich, der hat mein Internetprofil gelesen und interessiert sich wirklich für mich - und sucht nicht nur eine billige Übernachtungsmöglichkeit."

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