Ausgebrannt! Viele Lehrer lassen sich dann frühpensionieren. Doch Norbert Wahleder ging nach der Kur an seine Schule zurück

Ein Lehrer darf keine Schwäche zeigen, sonst verliert er seine Autorität. So haben wir Lehrer an unserer Hauptschule früher immer gedacht. Und ich galt als belastbar bei meinen Kollegen. Wenn es darum ging, neue Aufgaben zu übernehmen, hieß es stets: Der Wahleder kann das. Ich habe nie Nein gesagt.

Einige haben Suizidversuche hinter sich

Ich hatte auch immer hohe Ansprüche: Ich wollte guten Unterricht machen und mich um schwierige Kinder kümmern. Mit der Zeit fiel es mir aber immer schwerer, beides unter einen Hut zu bringen. Es ist mir zum Beispiel wichtig, dass die Klasse beim Thema NS-Zeit wirklich was kapiert; doch nur selten kann ich den Stoff durchziehen, da die Stunde immer wieder unterbrochen wird - weil zum Beispiel ein Schüler anfängt, über Probleme zu Hause zu sprechen. Also bot ich Sprechstunden für Schüler nach dem Unterricht an. Trotzdem hatte ich immer öfter das Gefühl, weder genug Wissen zu vermitteln noch genug auf die Kinder einzugehen. Einige sind ja richtig verzweifelt, die ritzen sich in die Arme, haben Suizidversuche hinter sich.

Dann wurde die Stelle des Konrektors vakant, ich sprang ein.

Mir war nicht klar, wie viel Verwaltungsarbeit das bedeutete. Morgens um sieben bin ich in die Schule, um die Vertretungspläne zu machen. Dann Unterricht bis 13 Uhr, in den Pausen alles Mögliche organisiert, nachmittags Korrekturen, Telefonate mit Müttern, Praktikumsplätze für Schüler suchen, den Schulball planen ... Ich fühlte mich für alles verantwortlich. Und dann beschwerten sich auch noch meine vier Töchter, ich hätte zu wenig Zeit für sie.

Ich konnte nicht mehr durchschlafen. 

Am Morgen nach der Schuldisco wachte ich mit einem Tinnitus auf, der bis heute nicht weg ist. Ich konnte nicht mehr durchschlafen. Nachts ging die Gedankenmühle weiter: Vergiss dies nicht, ruf den an! Manchmal stand ich um vier Uhr auf und korrigierte Arbeiten. Damit ich tagsüber mehr Luft habe. Ein Irrtum. Als Lehrer ist man nie fertig. Stattdessen wurde ich ungeduldiger mit meinen Schülern, die Stimmung in der Klasse verschlechterte sich, und ich fühlte mich von Tag zu Tag erschöpfter.

"Stopp"

Ich ging dann für sechs Wochen in die Klinik Roseneck am Chiemsee. Meine Kollegen waren geschockt: Was, ausgerechnet du? Nach der Kur bin ich sofort zurück in die Schule. Denn je länger man raus ist, desto schwerer ist die Rückkehr. Viele Lehrer lassen sich dann frühpensionieren. Für mich kam das nicht infrage. Ich hänge an meiner Schule, an den Kindern. Ich wollte ausprobieren, ob das, was ich in der Therapie gelernt hatte, funktioniert: mir nicht mehr so viel aufzuladen, nicht alles perfekt machen zu wollen, mir Hilfe zu holen.

Am ersten Tag in der Schule umarmten mich alle. Ich habe gleich eine Fortbildung für Lehrergesundheit organisiert. Ein Drittel des Kollegiums machte mit. Daraus wurde eine Gruppe mit einer Supervisorin, die wir selbst bezahlen. Einmal im Monat reden wir über unsere Probleme als Lehrer. Allerdings nehmen außer mir bisher nur Frauen teil. Dabei würde ich heute sogar sagen, dass man seine Schwächen kennen muss, um mit den Kindern richtig umzugehen.

Ich sage meiner Klasse inzwischen: "Seid nicht so laut, ihr wisst doch, ich pack das alles nicht mehr so gut." Und das Tolle ist, sie nutzen das nicht aus. Sie fühlen sich verantwortlich und versuchen wirklich, leiser zu sein, wenigstens eine Weile. Außerdem gönne ich mir mehr Pausen im Unterricht, das tut auch den Schülern gut. Ich lasse sie öfter still arbeiten, traue ihnen mehr Selbstständigkeit zu. Und wenn ein Schüler über das, was ihn bedrückt, sofort sprechen will, dann gehe ich mit ihm auf den Flur. Ich vertraue darauf, dass die drinnen auch mal allein arbeiten. Oder ich suche professionelle Unterstützung, mittlerweile haben wir nämlich eine Sozialarbeiterin an unserer Schule.

Ein halbes Jahr ist seit der Therapie vergangen. Doch ich muss schon wieder aufpassen, dass ich mir nicht zu viel aufhalse. Es ist ein ständiger Kampf mit mir selbst. Zum Glück habe ich jetzt Kollegen, die das wissen und mir schon mal mitten in einer Konferenz "Stopp" zurufen.

Protokoll: Ariane Heimbach

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