Thommie Bayer über das fünfte Gebot

Maus in der Wasserleitung
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden

Ich hätte eigentlich was merken müssen, aber ich bin wohl naiv, ich dachte mir nichts dabei, als Wolf damit anfing, sich über Kitti zu beklagen. Wolf ist mein Vater, Kitti meine Mutter - sie hatten mal richtige Namen, als sie jung waren, aber damals war die Welt noch eine Scheibe - seit ich mitreden darf, heißen sie Wolf und Kitti.

Von ihr hätte es mich nicht gewundert, sie textet mich schon mal zu an ihren schlechteren Tagen mit einer Arie über seine Fehler, das bin ich gewohnt, und es macht mir schon lange nichts mehr aus - ich verteidige ihn auch nicht mehr groß, so, wie ich das früher noch versucht habe, ich spiele Kitti einfach die schwesterliche Solidarität vor, die sie von mir zu erwarten scheint, gleichzeitig schalte ich auf Durchzug und denke, während sie jammert, über irgendwas Schöneres nach - der Text ist immer derselbe, und sie braucht keinen Rat, sie will nur auf mich draufschwatzen. Danach geht's ihr besser. Sagt sie jedenfalls immer.

Kitti ist sechsundvierzig, ich bin fünfundzwanzig, wir sind keine Schwestern. Und auch keine besten Freundinnen - ich bin ihr Kind. Und obwohl ich erwachsen bin und es mich eigentlich nichts mehr angehen sollte: Es macht mir Angst, wenn sich die Liebe meiner Eltern, ihr Einverständnis und ihre Zusammengehörigkeit, auf einmal als Fassade erweist, die dem kleinsten Regenschauer nicht standhält. Mir kommen die Anlässe immer nichtig vor, ich finde, wegen einer unachtsamen Bemerkung oder eines mürrischen Blickes legt man sich nicht eine Ehe zur Analyse vor und zählt dann alles Schlechte doppelt, alles, was schiefgeht, hat der andere zu verantworten, in Kittis Falle Wolf, sie will sich als Opfer fühlen und es im Großen und Ganzen nicht gewesen sein. Von mir aus. Ich nehme sie nicht ernst, wenn sie so drauf ist.

Aber Wolf nehme ich ernst. Er ist mein Held gewesen, seit ich wusste, was ein Held ist, ich war immer stolz auf ihn und habe den Neid und die Bewunderung meiner Freundinnen genossen, die mich über ihn auszufragen versuchten, in seiner Gegenwart glänzende Augen bekamen, die Haare in den Nacken warfen und sich so klug wie möglich gaben - ich glaube sogar, dass sich Hanna, meine beste Freundin, am Anfang nur für mich interessiert hat, weil ich seine Tochter war. Sie hat ihn immer angehimmelt. Ich musste innerlich darüber kichern und sonnte mich gleichzeitig in ihrem Interesse an ihm und in der Sicherheit, dass er mich liebte und sie nur davon träumen durfte. Ich genoss das Privileg, die Tochter des beliebtesten Lehrers an unserer Schule zu sein. Er war ein König und ich seine Prinzessin.

Im Gegensatz zu Kitti hat er mich auch immer ernst genommen. Wenn ich etwas sagte, dann verstand er das so, wie ich es sagte, und fing nicht an, herumzuinterpretieren, was ich damit eigentlich meinen würde, was da psychologisch eigentlich dahinterstecken oder unausgesprochen darunterliegen musste - das, was ich sagte, war für ihn das, worum es ging, und es verdiente und bekam eine Antwort. Ich weiß nicht mehr, wann ich das begriffen hatte, diesen Unterschied zwischen ihnen, aber ich weiß noch, dass es mir Sicherheit gab - ich wusste, wenn ich mit Wolf darüber rede, dann schrumpft mein Problem. Wenn ich Kitti ins Vertrauen zog, über irgendwas, was mich bedrückte, dann tröstete sie mich zwar, aber es war immer so, als würden wir um meinen Kummer herumtanzen, anstatt an ihm vorbei, durch ihn hindurch oder über ihn wegzukommen. Der Kummer verschwand nicht und änderte seine Gestalt nicht - für Kitti sind Sorgen und Probleme so was wie ein Heiligtum, das man anbetet. Für Wolf sind sie wie ein quer über den Weg gefallener Baum. Man kann daran ziehen, ihn zersägen, drunter wegrobben oder drüberklettern. Man kommt weiter.

Ich will nicht irgendwie herablassend klingen. Kitti ist meine Mutter, ich mag sie, nein, ich liebe sie, finde sie schön und klug und stark und habe gelernt, ihre Zudringlichkeit und ihr raumgreifendes und übergriffiges Wesen als das zu nehmen, was es ist, nämlich Liebe. Ihre Art von Liebe, die lästig sein kann, die man manchmal abwehren oder bremsen muss, die aber immer herzlich und warm ist.

Ich will Wolf und Kitti nicht vergleichen, sie ist eine Frau, er ein Mann, ich bin aus beiden entstanden und habe von beiden Wesenszüge und Genmaterial geerbt, ich weiß (nicht zuletzt aus langen Gesprächen mit Wolf), wie verschieden Mann und Frau sein können, und ich habe nichts dagegen, sie sind mir beide recht, so wie sie sind, ich liebe sie und bin alt genug, mich nicht mehr für traumatisiert zu halten, nur weil sie auch mal ungerecht waren oder in ihrem Urteil über mich falschgelegen haben.

Ich will auch nicht altklug erscheinen - ich bin erst fünfundzwanzig, so lange ist das noch nicht her, dass ich mich als erwachsen empfinde und glaube, mein eigenes Leben selbst entwerfen zu können. Seit ich in Köln studiere und nur noch hin und wieder nach Hause fahre, kreist mein Leben nicht mehr um die beiden, ist nicht mehr automatisch von ihnen flankiert und vor allem kommentiert - ich bin meine eigene Herrin und weiß, dass eine neue Phase angefangen hat - ich stehe auf eigenen Füßen.

Trotzdem macht es mir die Sohlen rutschig, wenn Kitti über ihn herzieht - er sei ein Rechthaber, er korrigiere sie andauernd, nichts, was sie je sage, könne er so stehenlassen, irgendeinen Senf habe er immer dazuzugeben, als ginge es darum, ihr immer aufs Neue zu zeigen, wie dumm sie sei. Und es macht mir den Himmel düster und die Atemluft dick, wenn er neuerdings so nebenbei fallenlässt, dass Kitti immer im Recht sei, immer kritisieren müsse, nie zufrieden sein könne und immer ein Gefühl verbreite, sie sei im falschen Leben gelandet, ihr stünde was anderes, Besseres zu als ein Mann wie er und ein Leben wie das, was sie führen.

Manchmal dachte ich, es liegt an mir. Weil ich ausgezogen bin, stehen sie plötzlich vor einem Vakuum und haben nicht mehr genug Gemeinsames, um zufrieden miteinander zu sein. Vielleicht war ich ja das Bindeglied, und sie haben durch meinen Weggang ihren Adapter verloren. (Dass ich auf ein Wort wie Adapter komme, liegt daran, dass ich Ingenieurwissenschaften studiere - für eine Exprinzessin seltsam, aber ich war gut in Mathe und Physik und will in die Wissenschaftstechnik. Mag sein, weil Wolf mir als Kind eine Kiste voller Legosteine geschenkt hat.)

Vielleicht geht es ja vielen so, dass sie beim Erwachsenwerden auf einmal begreifen, wie wenig sicher die Welt war, in der sie aufgewachsen sind, dass der Friede zwischen Gottvater und Gottmutter nur eine Art Theateraufführung war, die in Wirklichkeit einen bloßen Waffenstillstand kaschieren sollte - vielleicht ist das ja das Eigentliche am Erwachsenwerden, dass man die Sicherheit nicht nur verliert, sondern auch begreift, dass man sie nie hatte, dass man nur im Unklaren über die Gefahr gelassen wurde.

Ich rede schon wie Kitti. Viel Text, viel Drumherum, viel Spekulation und Nebensachen und sonst was, um nur nicht aufs Thema kommen zu müssen. Eines Tages passte Wolf mich vor der Mensa ab und sagte, er wolle mich mal entführen. Wir nahmen die Straßenbahn zur Südstadt und spazierten durchs Belgische Viertel, tranken Cappuccino, aßen Eis und redeten. Das heißt, er redete, ich hörte nur zu. Kitti sei egozentrisch, kreise nur um sich selbst, interessiere sich für nichts außer Tratsch mit ihren Freundinnen und ihren Job (sie macht das Layout bei einem Wochenmagazin), und sie nörgle ununterbrochen an ihm herum. Wenn er mal koche, sei das Essen nicht in Ordnung, wenn er den Tisch decke, lägen die Messer falsch, wenn sie ausgingen, trüge er die falschen Schuhe - es gäbe einfach nichts mehr, das er ihr recht machen könne. Ich versuchte, zaghaft anzumerken, dass sie fast genau dasselbe über ihn sagte, aber er schnaubte nur, als sei das klar, ein für jeden, auch für mich leicht zu durchschauendes Manöver von ihr, das jeder wahrhaftigen Grundlage entbehre, eine Projektion der eigenen Fehler auf den anderen, um von sich abzulenken, ein Trick, der weiter nicht kommentiert oder gar bedacht werden müsse.

Ich konnte mir vorstellen, was los war. Die beiden waren einfach nicht mehr entzückt voneinander. Wenn Wolf jetzt auch mit dieser Leier kam, dann gingen sie sich eben auf die Nerven und müssten vielleicht lernen, ein bisschen mehr Platz zu lassen zwischen sich und dem anderen, damit sich in diesem Platz wieder etwas entwickeln konnte. Etwas, das sie für sich selber hatten, oder etwas, mit dem sie den anderen gar wieder ein wenig beeindrucken konnten. Ich kam nicht dazu, das zu sagen. Er fing von Sex an. Ich wiederhole das hier nicht. Es war zu viel für mich. Nichts irgendwie Besonderes war daran, die Tatsache allein, dass mich mein Vater dazu brachte, mir ihn und Kitti im Bett vorzustellen, war ohne Worte. Das ist das Letzte, was ich brauche, meine eigenen Eltern beim Sex vor Augen zu haben. Ich weiß, wie Sex geht, und finde nichts irgendwie eklig oder sündig daran, aber den meiner Eltern brauche ich nicht auf Video.

Erst nachdem wir uns verabschiedet hatten, bemerkte ich, dass er mir auf einmal fremd geworden war. Der Mann, der da von mir weg in Richtung Hohe Straße latschte, war gekleidet wie ein Student. Turnschuhe, Jeansjacke, Cargohosen und ein T-Shirt, er ähnelte meinem Vater nur noch in der Gestalt, aber nicht mehr im Stil. Es fühlte sich für einen Moment so an, als hätte ich ihn oder zumindest etwas Wichtiges an ihm verloren. Er hatte immer gute, lässige Jacketts getragen, bequeme, aber immer lederne Schuhe und weich um seine Beine fallende Hosen. Er war ein erwachsener Mann gewesen. Dieser hier war unreif. Der wusste nicht, wohin mit sich. War das die Midlife-Crisis? Kann man die noch mit achtundvierzig kriegen? Ich fühlte mich auf einmal sehr allein und klein und wie eine Maus in der Wasserleitung, die es schon in der Ferne irgendwo rauschen hört. Ich brauchte jemanden zum Reden.

Nicht Kitti, die war ja Teil des Problems, mit ihr konnte ich nicht rechnen. Studienkollegen oder die aus meiner Wohngemeinschaft kamen auch nicht infrage, weil ich mich mit niemandem bisher so richtig angefreundet hatte. Nicht so wie mit Hanna, die nach der Schule gleich in die Firma ihrer Eltern, ein Sanitätsgeschäft, eingestiegen war. Wir telefonierten ein paar Mal in der Woche. Ich erwischte sie auf dem Weg ins Gym.

"Hast du Wolf in der letzten Zeit mal gesehen?", fragte ich. "Wieso?"

"Er ist irgendwie von der Rolle. Er hat mich besucht und mir ein Ohr abgekaut, und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. Ich kenne ihn kaum noch, so anders ist er auf einmal."

"Wie anders?"

"Wie ein kleiner Junge oder so was. Kein achtundvierzigjähriger, seriöser Mann."

Sie lachte am anderen Ende der Leitung. "Wieso lachst du?", fragte ich.

Sie schwieg eine Weile, und dann sagte sie ganz langsam und mit einem mir an ihr völlig unbekannten Nachdruck: "Was würdest du davon halten, wenn wir zusammen wären?"

"Wie meinst du das", fragte ich, "soll ich zu dir kommen?" Sie lachte wieder. Das Lachen gefiel mir nicht.

"Nein", sagte sie, und es klang herablassend, "ich meine Wolf und mich."

Ich legte auf. Und rief Hanna nie wieder an. Und Wolf nicht.

Und wenn ich Kittis Nummer auf dem Display erkenne, geh ich nicht ran.

Thommie Bayer

Thommie Bayer, geboren 1953, ist ein vielseitig begabter Künstler. Er malt, macht Musik ("Der letzte Cowboy"), schreibt Songs und Texte, Glossen und Drehbücher - und Romane. 2007 erschien "Eine kurze Geschichte vom Glück" (Piper Verlag)

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