Wilhelm Genazino über das siebte Gebot

Die langen Blicke
Du sollst nicht ehebrechen - eine Geschichte.

Natürlich bekenne ich mich zu meiner Tücke. Aber ich habe in meiner Situation keine andere Möglichkeit mehr gewusst, um mir Gewissheit zu verschaffen. Seit ungefähr einem halben Jahr plagt mich das Gefühl, dass Elisa mich betrügt. Ich habe ihr meinen Verdacht nicht mitgeteilt; ich warte immer noch darauf, dass sie mir eine Art Geständnis macht. Aber sie ist verstockt und sagt keinen Ton. Ich dachte, mein Gott, jetzt gewöhnen auch wir uns an das Massenunglück. Von Elisa aus gesehen sind die Voraussetzungen günstig. Aus beruflichen Gründen bin ich fast jede Woche unterwegs. Ich fahre am Montagmorgen los und kehre oft erst im Laufe des Freitags zurück. Insofern kann Elisa frei schalten und walten.

Vor der Heimkehr am letzten Freitag habe ich einen kleinen Zettel geschrieben. Ich habe mir Mühe gegeben, meine Hand so zu führen, dass sie das Bild einer an das Schreiben nicht gewöhnten, fast ungelenken Frau hervorruft, jedenfalls meiner Vorstellung nach. Ich schrieb nur einen einzigen Satz auf den Zettel: Bitte vergiss nicht, das Fenster zu schließen, bevor du die Wohnung verlässt. Den Zettel steckte ich in die Brusttasche eines meiner schmutzigen Hemden. Schon am Tag danach, am Samstagmorgen, wenn Elisa üblicherweise meine Hemden in die Waschmaschine stopft, dauerte es keine Stunde, bis Elisa den Zettel in meinem anthrazitgrauen Hemd entdeckt hatte. Ich war nicht dabei, als Elisa den Zettel aus der Hemdtasche herausholte und den Text las. Ich hörte nur im Wohnzimmer nebenan, wie sie plötzlich den Schwung ihrer Handlungen für etwa eine halbe Stunde unterbrach. In dieser halben Stunde, denke ich, entdeckte sie den Zettel, las ihn, las ihn mehrfach, lehnte sich etwa eine halbe Stunde lang gegen die rechte Wand des Badezimmers (wo die Waschmaschine untergebracht ist) und stellte sich auf die neue Lage ein. Nach Ablauf von etwa dreißig Minuten nahm sie ihre gewohnte Tätigkeit wieder auf. Sie füllte die Trommel vollständig mit meiner und ihrer Wäsche, stellte die Maschine an und verließ das jetzt geräuschvolle Badezimmer.

Auch sonst hielt Elisa das Verlaufsschema des Samstags ein. Sie richtete die Einkaufstaschen und Netze für den Wochenendeinkauf zurecht. Eine sonst übliche Frage unterblieb. Gewöhnlich fragt sie mich, ob ich die schweren Sachen (Kartoffeln, Bier, Wein, Milch, Äpfel und so weiter) einkaufe. Sie fragte mich nicht und fuhr einfach los. Schon durch diese Unterlassung fühlte ich, dass mein Verdacht ins Schwarze getroffen hatte. Elisa brauchte lange zum Einkaufen. Vermutlich überlegte sie, was sie sagen sollte, oder ob es, zumindest vorerst, nicht besser sein würde, den Mund zu halten. Aber so, wie ich Elisa kenne, ist es ihr nicht möglich, lange zu schweigen.

Nach dem Mittagessen zeigte sie mir den Zettel. Sie wollte leichthin sprechen oder sogar ironisch sein und tat mir deswegen ein bisschen leid.

Schau mal, sagte sie, was ich gefunden habe. Ich nahm den Zettel und tat, als würde ich ihn zum ersten Mal sehen. Ich las den Text und machte: Oh! !

Sie wartete auf eine weitere Reaktion, ich blieb still. Mehr ereignete sich nicht. Mein Schweigen schien eine Anerkennung meiner Schuld zu sein. Elisa steckte den Zettel in ihre Rocktasche und ging weg.

Am Frühabend sagte sie: Was machen wir denn jetzt?

Ich wollte nicht direkt schwindeln und hielt den Mund. Kenne ich die Frau oder ist es eine aus der Firma, fragte Elisa. Ich blieb zurückhaltend.

Dann ging meine Rechnung plötzlich auf, wie ich es mir klarer nicht hätte vorstellen können.

Du solltest nicht denken, sagte Elisa, dass ich überrascht oder beleidigt bin; auch ich habe einen anderen.

Vermutlich hatte sie erwartet, dass ich jetzt reden würde. Ich fühlte Genugtuung, obwohl ich auch stark verletzt war. Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, ob ich das Geständnis sofort machen sollte. Du bist auf einen Trick hereingefallen! Du hast dich selbst überführt - ohne einen einzigen Satz von mir! Aber dieses Geständnis wäre vermutlich noch gemeiner gewesen als der ganze Zetteltrick.

Ich verließ den Tisch, ging in das Badezimmer und schloss mich ein. Wie oft ich schon im Badezimmer gewesen war und mit langen Blicken die Dinge betrachtet habe. Meine und Elisas Zahnbürste, meinen Rasierapparat, Elisas Wimperntusche, die Packung mit den Tampons, das Cellophansäckchen mit den Wattebäuschen. Zwischendurch dachte ich: Sie betrügt dich, du bist verletzt, aber du bist raffinierter als sie, das zählt. Dann fing ich wieder von vorne an, die Gegenstände zu betrachten. In der Stunde meines Todes werde ich wahrscheinlich zu lange auf ein Stück Seife auf dem Waschbecken oder auf ein Handtuch am Bettrand sehen. Die langen Blicke setzten irgendwann in meiner Kindheit ein, als es mir plötzlich gefiel, armselige Grasbüschel anzuschauen. Der Gedanke an meine Kindheit war nicht gut. Prompt fielen mir meine toten Eltern ein. Ich darf sagen, dass es in meiner Kindheit keinen einzigen Tag gab, an dem sich meine Eltern nicht über zu wenig Geld, über schlechte Behandlung oder über mangelndes Lebensglück stritten. Mysteriös fand ich schon als Kind, dass die Eltern häufig noch am gleichen Tag wieder friedlich beisammensaßen und über andere Dinge redeten. Insofern hatte ich als Kind an keinem einzigen dieser trüben Tage das Gefühl, dass sich meine Eltern gegenseitig verlassen könnten, Bei mir ist es genau umgekehrt. Ich bin seit über zehn Jahren verheiratet, ich bin zum ersten Mal (zugegeben: massiv) gekränkt, und schon überlege ich mir, ob ich nicht fliehen soll. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Ebenfalls zum ersten Mal spiele ich mit dem Gedanken, ob ich mir nicht an der Problemgleichgültigkeit meiner Eltern ein Beispiel nehmen soll. Diese Erwägung überrascht mich beinahe mehr als die Untreue von Elisa. Plötzlich sind deine armseligen Eltern ein Vorbild. Ich mag mein Rasierzeug nicht mehr anschauen. In diesen Augenblicken wird es zu einem schäbigen Zeugen meines Lebens. Das heißt, mein Leben ist gar nicht schäbig, nur sein Zeuge, das Rasierzeug, führt sich ein bisschen elend auf. Ich nehme Rasierpinsel, Rasierseife und Rasierapparat und verstecke das Ganze in einem seit Jahren freien Fach im Badezimmerschrank.

Ich werde nicht fliehen, aber den Gedanken der Flucht kann ich trotzdem nicht sofort aufgeben. Meine Eltern gingen abwechselnd in den Keller, wenn sie Probleme miteinander hatten und nicht mehr weiterkamen. Auf diesen Gedanken kommt heute vermutlich kein Ehepaar mehr, obwohl der Keller als Raum eine gute Wahl war. In der Kühle und Unwirtlichkeit eines Kellers kommt der Mensch schneller zur Vernunft als sonstwo. Meine Eltern gingen nicht gleichzeitig in den Keller, sondern nacheinander. Erst mein Vater, dann die Mutter. Der Vater saß auf dem Hackklotz und starrte auf die Briketts. Die Mutter öffnete einen Karton und suchte einen der Liebesbriefe, die sie als junges Mädchen an meinen Vater geschrieben hatte. Einmal habe ich sie dabei überrascht. Obwohl sie noch eben mit meinem Vater gestritten hatte, war sie guter Laune. Sie las mir aus ihrem Liebesbrief vor und kicherte dabei.

Aber es gibt ja nicht nur den Keller, sondern auch den Balkon. Auch dort kann der Mensch in Ruhe abkühlen. Ich verließ das Badezimmer, ging an der Küche vorbei (wo ich durch die Milchglasscheibe die vor sich hinschmorende Elisa sah), durchquerte das Wohnzimmer und betrat den Balkon. Leider kühlte ich nicht ab, im Gegenteil, ich wurde noch hitziger. Ich überlegte, ob ich mir nicht tatsächlich eine Geliebte anschaffen sollte. Ich dachte an Frau Sattler aus der Firma. Sie suchte häufig meine Nähe und teilte mir eigenartige Details aus ihrem Privatleben mit. Solche Details sagt man nur jemandem, wenn man sich sicher wähnt, dass der andere in der Mitteilung der Details den Wunsch nach einer Annäherung erkennt. Dann stellte ich mir Frau Benz als Geliebte vor. Sie ist die Frau eines Kollegen, mit der ich schon öfter in die Anfänge amouröser Vorgänge verstrickt war. Als dritte Möglichkeit suchten sich meine Fantasien Frau Kottka aus, die mir allerdings nicht wirklich gefiel, weil sie sich ein wenig zu nuttenhaft kleidete.

Nach zehn Minuten gestand ich mir ein, was ich schon wusste: Du willst keine Geliebte. In gewisser Weise saß ich in meiner eigenen Raffiniertheitsfalle. Ich konnte ja nicht vor Elisa hintreten und sagen: Der Zettel war nur eine Finte. Dafür war es jetzt zu spät. Ich fand keinen Ausweg. Als leibhafter Schrecken meiner selbst verließ ich den Balkon und setzte mich ins Wohnzimmer. Wahrscheinlich wartete ich, dass Elisa ein paar bessere Einfälle hatte als ich. Aber ich weiß nicht genau, worauf ich wartete.

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino (1943-2018) war Schriftsteller und lebte in Frankfurt am Main. Er schrieb unter anderem: "Abschaffel" (1977), "Wenn wir Tiere wären" (2011) und "Idyllen in der Halbnatur" (2012).     
Foto: Keystone Schweiz/laif

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