Vom Glück im Alter

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Foto: Silvia Jansen / iStockphoto

Vor dem Altwerden haben viele Menschen Angst. Nicht ohne Grund. Sie fragen: Werde ich eines Tages in meiner Wohnung vereinsamen, besucht nur von Altenpflegerinnen, die mich im Zehn-Minuten- Einsatz waschen und anziehen? Werde ich auf dem Flur eines Pflegeheims dahindämmern? Wird man mich noch für voll nehmen, wenn ich vergesslich und verwirrt bin? Oder gibt es eine Chance, auch im hohen Alter würdig und zufrieden leben zu können? chrismon-Redakteur Thomas Bastar stellt sechs Modelle für einen erfüllten Lebensabend vor

Selbstbestimmung

Die Rheinländerin Edith Ernst hatte einen Traum: "Wir gründen eine WG." Vier alte Damen, die sich aus dem Kegelclub kennen, ziehen zusammen in ein geräumiges Haus. Sechs Zimmer, Küche und zwei Bäder. Alle helfen sich gegenseitig. Eine Idee gegen Einsamkeit und Abgeschobenwerden, aber für ein selbstbestimmtes Leben im Alter. Leider blieb die Alten-WG bloß ein Traum ­ Edith Ernst fand am Ende nicht die passenden Mitbewohnerinnen. Stattdessen hat sie sich mit dem arrangiert, was möglich war. "Man muss seine Lebensumstände früh genug ändern, solange man sie noch selbst bestimmen kann", sagt die heute 74-Jährige. Vor fünf Jahren bewarb sie sich für einen der Bungalows im Evangelischen Altenzentrum Luchtenberg-Richartz-Haus in Burscheid bei Leverkusen. Vor drei Jahren konnte sie einziehen. Die Häuschen mit Terrasse und kleinem Garten liegen nahe am Stadtzentrum. Zu Mittag essen kann sie, wenn sie will, im gegenüber liegenden Pflegeheim. Hilfe bekommt sie bei Bedarf ebenfalls von dort. Edith Ernst hat gefunden, was sie suchte: eine geschützte Privatsphäre, individuelle Freiheit ­ und zugleich die Sicherheit, dass bei möglicher Pflegebedürftigkeit für sie gesorgt wird. Den Wunsch nach Selbstbestimmung im Alter mit dem Gefühl der Sicherheit in Einklang zu bringen, wie es Edith Ernst gelungen ist, fällt nicht immer leicht. Dazu muss man die richtigen Fragen stellen: Welche Möglichkeiten gibt es in meiner Umgebung? Auf was will ich mich einlassen? Vor allem: Verdränge ich das Altwerden, bis es nicht mehr geht, oder stelle ich mich den Forderungen des Alterns? Je eher man sich solchen Fragen widmet, desto besser lässt sich das Altwerden gestalten.

Gemeinschaft

Helga und Gottfried Adler aus Dresden haben schon früh diese Fragen für sich beantwortet. Die beiden sind vor sieben Jahren in eine Wohnungsgemeinschaft mit fünf anderen älteren Menschen gezogen. Die Wohngruppe des Vereins "Alt-Werden in Gemeinschaft" hat das Erdgeschoss eines 16-stöckigen Hochhauses gemietet ­ eine ehemalige Gaststätte, die für ihre Zwecke umgebaut wurde. Die allein stehenden Bewohner haben jeweils ein Ein-Zimmer-Apartment mit Bad und kleiner Küchenzeile, das Ehepaar Adler bewohnt eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Dazu nutzen alle ein geräumiges Wohn- und Esszimmer, eine gemeinsame Küche, eine große Diele und zwei Bäder, eins davon für Rollstuhlfahrer geeignet. Ein Jahr lang haben die sieben Bewohner sich vor dem Einzug regelmäßig getroffen, um sich kennen zu lernen und das gemeinsame Wohnen vorzubereiten. Die meisten lebten zuvor in eigenen Wohnungen, ein Mann kam aus einem Pflegeheim. "Der war aus Einsamkeit krank geworden ­ und lebte bei uns richtig auf", erzählt Helga Adler. Jeden Mittwochnachmittag treffen sich alle im "Salon", wie sie ihr Wohnzimmer nennen. Eine der Bewohnerinnen hat einen Kuchen gebacken, eine andere Kaffee gekocht: Zeit für Gespräche und Erinnerungen, Zeit für Absprachen. "Freiwilligkeit ist bei uns oberstes Gebot", betont Gottfried Adler. Wer nicht will, bleibt für sich allein. "Wir erwarten auch nicht, dass wir hier von den anderen gepflegt werden", ergänzt der 69-Jährige. Wenn es nötig wird, kommt ein ambulanter Pflegedienst ins Haus. Wie jetzt schon bei einer Mitbewohnerin, die wegen ihrer Diabetes viermal täglich eine Insulinspritze braucht. Trotzdem gehört es zum Wohnkonzept, sich gegenseitig zu unterstützen. Das können Kleinigkeiten sein, etwa wenn eine Dose nicht aufgeht oder ein Nagel in die Wand geschlagen werden muss. Oft kocht auch eine für alle, die mittags mitessen wollen. "Als ein Mitbewohner einmal einen Herzinfarkt erlitt, da konnten wir schnell Hilfe holen", berichtet Helga Adler. Mit der Folge, dass er sich wieder gut erholt habe. "Wenn mal einer längere Zeit nicht aus seiner Wohnung kommt, schauen wir nach", ergänzt ihr Mann. Das sei auch eine Sicherheit für die Angehörigen ­ zu wissen, dass hier keiner unbemerkt erkrankt oder stürzt. Das Leben in Gemeinschaft ist auch eine Aufgabe, die nicht immer leicht ist und nicht jedem liegt. Doch so oder so ­ auch alte Menschen brauchen Herausforderungen. Wer heutzutage in Pension oder Rente geht, sitzt nicht auf der Gartenbank vor dem Haus und wartet auf den Tod. Sondern nach der Berufs- und Familienphase beginnt noch einmal ein neuer Lebensabschnitt, der sinnvoll gefüllt sein will.

Sinnvolles Tun

Ein Besuch im Altenheim hat bei Friedhelm Fischer einiges in Bewegung gebracht. Eine Bekannte, erst 60, war plötzlich erkrankt, konnte nicht mehr richtig gehen und sprechen, musste ins Heim ziehen. Fischer, 73, kam ins Nachdenken. Der pensionierte Elektroingenieur fühlte sich selbst noch nicht alt und suchte seit längerem nach einer neuen sinnvollen Aufgabe. Nun stellte er fest, "was im Heim an Hilfe benötigt wird". Daher beschloss Fischer, der in Taunusstein bei Wiesbaden lebt, seine Mitarbeit anzubieten, als neben seiner Wohnsiedlung ein neues Alten- und Pflegeheim gebaut wurde. "Leben ins Heim hineinbringen", nennt er das. Er nahm an einer Ausbildung zum ehrenamtlichen Seniorenbegleiter teil. Das ist ein halbjähriger Kurs, wie ihn viele Städte und Gemeinden inzwischen anbieten. Seniorenbegleiter leiten Gruppen für Gedächtnistrainings oder Gymnastikgruppen, besuchen Demenzkranke, um pflegenden Angehörigen einige Stunden Pause zu gewähren, lesen in Altenheimen Geschichten vor, machen Spaziergänge mit allein stehenden Pflegebedürftigen. Der Kurs ­ 45 Stunden Theorie, 30 Stunden Praktikum ­ habe ihn bei seinen Besuchen im Altenheim unbefangener und selbstsicher gemacht, erzählt Friedhelm Fischer. Als "zertifizierter Seniorenbegleiter" weiß er nun die verschiedenen Formen der Demenz-Erkrankungen zu unterscheiden und hat gelernt, wie man mit Verwirrten in Kontakt kommt. Er hat auch das Betreuungs- und Pflegerecht kennen gelernt. Und warum engagiert er sich ehrenamtlich? "Weil es mir selbst viel gibt", erwidert Fischer. "Der Widerhall, den ich bei den alten Leuten erfahre, geht ins Herz." Sich für andere einzusetzen hilft auch gegen die Einsamkeit. Wichtig ist dabei nur, dass die freiwilligen Helfer ernst genommen werden und eigene Ideen einbringen können. Künftig wird ohne ehrenamtliche Mitarbeit in der Pflege und Altenbetreuung ohnehin nicht mehr viel gehen. Wer vorausschauend Strukturen für freiwillige Hilfe aufbaut und selbst für seine älteren Mitmenschen aktiv wird, sorgt auch für sich selbst vor.

Vertraute Umgebung

Steinen, eine Kleinstadt im Dreiländereck bei Basel. Wie können wir es schaffen, dass auch Pflegebedürftige in ihrem Heimatort bleiben können? Das fragte sich vor 13 Jahren eine Hand voll Steinener um den damaligen Bürgermeister. Sie gründeten die "Seniorengenossenschaft Steinen" als Verein von ehrenamtlichen Helfern. Eine der Ersten, die sich dafür engagierten, war Irene Becker. "Ich kannte viele ältere Leute aus Steinen, die nach Lörrach oder noch weiter weg ziehen mussten, weil sie pflegebedürftig wurden", erzählt Irene Becker, die heute stellvertretende Vorsitzende ist. Jetzt finden sie ehrenamtliche Hilfe am Ort: Die Mitglieder der Genossenschaft besuchen alte und hilfsbedürftige Einwohner, kaufen für sie ein und erledigen Amtsgeschäfte. Ziel ist, dass jeder so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben kann. Und genau das wünscht sich die ehemalige Geschäftsfrau Irene Becker, die jetzt im Ruhestand ist, für ihr eigenes Alter. 720 Mitglieder hat die Seniorengenossenschaft mittlerweile. Gut 100 davon leisten regelmäßig freiwillige Arbeit. Auch viele Jugendliche und junge Erwachsene machen mit. So ist die Betreuung der alten Mitbürger trotz kommunaler Finanznot gesichert. Zusätzlich baute die Seniorengenossenschaft vor sechs Jahren zusammen mit der Kommune das Seniorenzentrum Mühlehof auf ­ mitten im Ortskern, mit Apartments für betreutes Wohnen, einer Tagespflege- und einer Kurzzeitpflegestation. Ein von Freiwilligen betriebenes Café versorgt Bewohner und Gäste mit Essen und Getränken. Gruppen und Initiativen aus der Gemeinde können Räume im Haus nutzen. Auch in der Tages- und Kurzzeitpflege gilt in Steinen das Prinzip: Freiwillige zuerst. Hier sorgen zwar Festangestellte für die Organisation und für die Einhaltung der Qualitätsstandards. Aber selbst examinierte Fachkräfte arbeiten in Steinen als Freiwillige. Ganz umsonst ist ihre Arbeit dennoch nicht: Alle Freiwilligen, die im Dienstplan fest eingeteilt sind, erhalten eine Aufwandsentschädigung von sechs Euro pro Stunde. Nun fehlt der Genossenschaft nur noch eine eigene Dauerpflegestation. Doch dafür würde das Gesetz eine eigene Pflegedienstleitung verlangen ­ selbst wenn nur vier oder sechs Pflegebedürftige betreut werden. "Eine weitere Vollzeitstelle wird für uns zu teuer", sagt Irene Becker. So muss doch noch mancher Steinener in das Pflegeheim im Nachbarort. Das Modell der Großfamilie ins Gemeinwesen übertragen, das dürften sich viele wünschen: Bürger eines Ortes sorgen füreinander, auch wenn einer alt und pflegebedürftig wird. Eines ist jedoch heute klar: Die Pflegeversicherung bietet dafür keine Garantie. Zwar werden Angehörige für Pflegearbeit entschädigt, aber viele sind dennoch beruflich zu stark beansprucht, leben weitab oder wollen ihre Eltern und Großeltern nicht pflegen. Steht den meisten Deutschen also doch ein Lebensabend in einem unpersönlichen Heim bevor? ­ Nicht zwangsläufig.

Ernst genommen werden

Ein Beispiel, dass es anders geht, ist die Dementenwohngruppe des Pflegezentrums Haus Laurentius in Schönaich bei Stuttgart. Auf dem langen Flur spazieren Hand in Hand Herr L. und Frau K. auf und ab. Sie sind seit einigen Wochen ein unzertrennliches Paar, erzählt die Pflegedienstleiterin Susanne Maier-Koltschak. Als sie den beiden alten Leuten den Reporter aus Hamburg vorstellt, reicht Herr L. die Hand zum Gruß und sagt: "Hamburg, das kenne ich, da habe ich auch mal gelebt." Susanne Maier-Koltschak lächelt den alten Herrn an und versucht, seine Worte zurechtzurücken. "Ja, nach Hamburg sind Sie früher sicher mal gefahren. Gewohnt haben Sie aber doch in Sindelfingen, nicht wahr?" Mit dieser Interpretation seiner Vergangenheit ist Herr L. einverstanden. Frau K. ist schon weitergegangen und L. beeilt sich, sie einzuholen. Die beiden spazieren weiter den langen Flur hinunter. Ein bisschen wie eine große Wohngemeinschaft funktioniert die Wohngruppe, erklärt die Pflegedienstleiterin. Die Zimmer der Bewohner gehen vom Flur ab, in dessen Mitte sich die Küchenzeile und eine Essecke befinden. Viele Möbel erinnern an die Jugendjahre der Bewohner, die Zeit, in der sie mit ihren Gedanken ohnehin meist sind. So steht im Wohnzimmer eine alte Nähmaschine mit Fußantrieb, im Flur hängen alte Fotos. Auch der dunkelbraune geschwungene Garderobenständer und die Kaffeemühle mit Handkurbel erinnern an damals. "Zuerst hatten wir auch die Idee, dass die Bewohner das Essen so weit wie möglich gemeinsam zubereiten, um den familiären Charakter der Station noch mehr zu betonen", erklärt Maier-Koltschak. Aber dazu waren die Bewohner nicht imstande. Nun kocht eine Hauswirtschafterin das Mittagessen, ein Teil der Zutaten kommt aus der Großküche des Pflegezentrums. Wer sich aber noch nützlich machen kann, etwa beim Bügeln, der ist dazu eingeladen. Helfen wollen viele Bewohner auch, wenn die Schwestern abends die Dokumentationsmappen ausfüllen, erzählt Schwester Jasmin, die in der Wohngruppe arbeitet. "Wir verteilen an die Bewohner Zettel und Stifte, dann können sie auch mitmachen." Die Grundregel in der Dementen-WG lautet: Hier ist alles erlaubt, was die Bewohner nicht gefährdet. Außer Fragen stellen. Denn da die alten Leute einen großen Teil ihres Gedächtnisses verloren haben, können sie auf Fragen oft nicht antworten. Aber keiner schimpft, wenn einer die Kleidung eines anderen anzieht. "Manchmal finden wir die Bewohner auch in fremden Betten, die haben dann einfach getauscht", berichtet Jasmin. Um die Bewohner zu beschäftigen und anzuregen, bemühen sich die Pflegekräfte, auf deren Eigenarten und Vorlieben einzugehen. Herr L. etwa war Heizungsbauer von Beruf. Sein handwerkliches Geschick hat er immer noch. Deshalb haben ihm die Schwestern in einem Nebenraum einen Arbeitstisch aufgestellt, auf dem neben einem Fahrradschlauch diverse Gewinde und Rohrstutzen liegen. "Herr L. schraubt auch gern die Gewinde am Gartenschlauch auseinander", erzählt Jasmin. "Zum Glück haben wir einen guten Hausmeister, der das dann wieder zusammensetzt." Auch wenn das "Mitmachen" der alten Leute bei der abendlichen Dokumentation ein bisschen wie Betrug aussieht ­ insgesamt ist die Schönaicher Wohngruppe ein Modell für Respekt gegenüber verwirrten Menschen. Die Pflegekräfte praktizieren, was viele Fachleute empfehlen: einfühlen statt abwerten! Doch leider gibt es zu wenige Einrichtungen wie in Schönaich, die Demenzkranken ein würdiges Leben ermöglichen. Besonders problematisch wird es, wenn der Partner von geistiger Altersschwäche heimgesucht wird.

Nähe zum Partner

Ein Problem, das sich dem Ehepaar Z. aus der Pfalz vor einigen Jahren unerbittlich stellte. Denn Frau Z. litt unter zunehmender Demenz. Ihr Mann musste ihr morgens beim Anziehen helfen und sie erinnern, genug zu trinken. Doch da seine Sehschwäche beständig zunahm, fiel ihm das immer schwerer. Eine Lösung bot dem Paar das Wohnstift Trippstadt bei Kaiserslautern: Das Altenheim der Gemeinschaft Deutsche Altenhilfe verfügt nicht nur ­ wie viele vergleichbare Heime ­ über eine spezielle Abteilung für Demenzkranke, sondern bietet Paaren auch betreutes Wohnen in einem gemeinsamen Apartment an. "Damit fällt die enorme Belastung weg, den Partner allein in ein Heim geben zu müssen", erklärt der Leiter der Einrichtung, Hans-Jürgen Wilhelm. So konnten Herr und Frau Z. weiterhin relativ selbständig leben. Wenn sie durch das Dorf spazieren oder einkaufen gingen, ergänzten sie sich ideal: Sie konnte sehen, er sagte ihr, was zu tun war. Auch wenn Herr Z. mal etwas allein unternehmen wollte, wusste er seine Frau gut untergebracht. Sie konnte dann die Angebote des Pflegebereichs in Anspruch nehmen. Der demenzkranke Partner kann in Trippstadt bei Bedarf sogar auf der Pflegestation statt im gemeinsamen Apartment übernachten. So viel Nähe wie möglich, so viel Distanz wie nötig: Was für jede gute Partnerschaft gilt, lässt sich in Trippstadt bis ins hohe Alter hinein verwirklichen. Kürzlich ist Herr Z. gestorben. Doch da seine Frau sich mit seiner Hilfe in ihrem Apartment gut eingelebt hat, kann sie auch weiterhin in der vertrauten Umgebung wohnen bleiben.

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