Nach dem Völkermord in Ruanda

Mein Freund, der Mörder
Rwanda Genocide Suspect

Foto: Ben Curtis/picture-alliance/AP

Genocide Memorial Centre in Kigali, Ruanda

Ruanda stellt uns vor ein doppeltes Rätsel: Wie konnte es geschehen, dass Tausende bis dahin anständige Menschen plötzlich ihre Nachbarn und Freunde erschlugen? Und wie ist es möglich, dass sich die Überlebenden heute mit den Tätern versöhnen?

Celestian und Samuel

Celestian Buhanba, 34, Tutsi, Bauer:

Samuel und ich sind zusammen aufgewachsen. Jeden Tag trafen wir uns zum Fußballspielen. Wir bastelten uns aus den Blättern der Bananenbäume unsere Bälle. Den langen Schulweg gingen wir immer zusammen, wir konnten uns alles sagen. Wir waren richtig gute Freunde.

Dann kam der April 1994. Hutu fingen an, Tutsi umzubringen. Wir flohen in ein Sumpfgebiet in der Nähe. Ich versteckte mich mit hunderten anderer Tutsi im Schlamm. Aber eine Hutu-Killergruppe entdeckte uns. Ich hörte sie von weitem gröhlen. Dann sah ich sie. Es waren meine Nachbarn aus dem Dorf. Mit Macheten und Knüppeln metzelten sie alle nieder. Ich wurde von einer Machete am Fuß verletzt, dann schlug mich jemand mit einem Knüppel nieder, ich wurde bewusstlos. Sie dachten, ich sei tot.

Ich überlebte, aber in meinem Herzen war ich tot. Ich war mir ziemlich sicher, dass Samuel zu dieser Killergruppe gehörte, ich meinte, ihn in dem Stimmengewirr gehört zu haben. Das ließ mir keine Ruhe. Ich hatte nicht nur meine Familie verloren, sondern auch meinen besten Freund. Viele Jahre später kehrte Samuel aus dem Gefängnis zurück. Wenn ich ihn auf der Straße sah, schaute ich weg. Ich hasste ihn.

Die Regierung hatte dafür gesorgt, dass die Mörder, die bereits entlassen waren, vor Dorfgerichten angehört wurden. Eines Tages wurde auch Samuels Fall behandelt. Ich musste es wissen: Gehörte er damals im Sumpf zur Killergruppe? War mein bester Freund mein Mörder? Ja, er war an jenem Tag im Sumpf, und er hatte mich gejagt. Ich hasste ihn noch mehr. Mein Herz drohte zu zerspringen. Kein Mensch kann mit so viel Wut und Trauer überleben. Also besuchte ich ein Heilseminar, wo sie uns beibrachten, unseren Hass abzubauen. Opfer und Täter erzählten ihre Geschichte. Ich erzählte meine. Und eines Tages erzählte auch Samuel seine.

Samuel bereute alles. Er hat es nicht nur gesagt, ich sah es auch in seinen Augen. Das waren keine Augen eines Mörders. Ich spürte, wie meine Wut nachließ. Ich fühlte neue Kraft in mir. Und eines Tages war ich stark genug. Ich ging auf Samuel zu und sagte: Verzeih mir, dass ich dich gehasst habe. Er hatte Tränen in den Augen. Er fragte, ob ich ihm vergeben könne. Ich sagte, ja, ich vergebe dir. Endlich fühlte ich Frieden in meinem Herzen. Heute sind Samuel und ich wieder beste Freunde. Ich liebe ihn und bin mir sicher, dass er ein guter Mensch ist.

Samuel Niyibizi, 34, Hutu, Bauer:

Meine Freundschaft zu Celestian war eine besonders tiefe. In der Schule teilten wir unser Essen. Und wenn jemand von uns ein Problem hatte, half der andere sofort. Celestian war wie ein Bruder für mich.

Dann, im April 1994, verbreiteten die Dorfvorsteher die Nachricht, dass das Flugzeug des Präsidenten von den Tutsi abgeschossen wurde. Sie sagten uns, wir sollten nicht zu Hause schlafen, weil die Tutsi uns sonst umbringen würden. Ich hatte Angst. Dann rief der stellvertretende Dorfvorsteher uns Hutu zusammen und teilte uns in zwei Killergruppen auf. Meine Gruppe war zuständig für das Sumpfgebiet, wo sich viele Tutsi versteckt hatten. Viele von uns hatten Pistolen von der Polizei bekommen, schossen auf alles, was sich bewegte. Dahinter kamen wir mit unseren Macheten. Wir brachten jeden um, der noch lebte. Töten war so einfach. Ich war mir sicher, dass ich das Richtige tue. Die Tutsi waren unsere Feinde, das hatte man uns gesagt. Celestian sah ich nicht, aber wäre er mir begegnet, hätte ich keine Sekunde gezögert, ihn umzubringen. Tutsi umzubringen war ein Befehl.

Nachdem das Töten aufgehört hatte, kam ich ins Gefängnis. Ich fing an, meine Taten zu bereuen, und bat Gott um Vergebung. Ich las die Bibel. Ich betete. Aber das reichte nicht, um mein Herz zu befreien. Wie konnte ich nur zum Mörder werden?

Als ich entlassen wurde, kehrte ich in mein Dorf zurück. Ich konnte Celestian nicht in die Augen schauen. Ich erfuhr, dass er an jenem Tag in den Sümpfen war und ich ihn gejagt hatte, um ihn zu töten. Mir wurde klar: Ich bin der Mörder meines besten Freundes. Ich schämte mich.

Ich schämte mich noch mehr, als Celestian mich zuerst um Verzeihung bat. Ich sagte: Es gibt nichts zu entschuldigen, ich bin ein Mörder, bitte vergib mir. Er sagte, ja, ich vergebe dir, und wir umarmten uns. Ich weinte. Heute ist Celestian mein bester Freund. Ich werde nie mehr töten. Lieber bringe ich mich selbst um.

Juma und Donatica

Juma Sibomana, 48, Hutu, Bauer:

Donatica war eine gute Nachbarin. Manchmal, wenn das Wasser mal wieder knapp wurde, brachte sie mir und meiner Familie einen Krug mit Wasser. Sie hat ein gutes Herz. Donatica war damals die Lehrerin meiner Kinder, ich mochte sie.

Dann fing das Töten an. Ich verschanzte mich im Haus. Kurz darauf holten mich die Soldaten und brachten mich zu einer Straßensperre. Sie sagten, ich müsse ihnen beim Töten helfen. Sie zeigten auf einen Mann. Ich erschrak: Das war der Mann von Donatica. Ich sagte: Das ist mein Nachbar, ich kann ihn nicht töten. Da sagten die Soldaten: Wenn du ihn nicht tötest, dann werden wir den Mann töten und dich dazu. Was hätte ich tun sollen? Ich wollte nicht sterben. Also nahm ich das Messer, das sie mir gaben, und stach zu. Donaticas Mann schrie vor Schmerz und fiel zu Boden. Es war furchtbar.

Am nächsten Morgen haben wir ihn begraben. Und ich schwor mir, nicht mehr zu töten. Aber es war zu spät. Ich war ein Mörder geworden. Die anderen Hutu machten einfach weiter.

Später, als alles vorbei war, flüchtete ich nach Tansania. Doch eines Tages wurde ich zurück nach Ruanda geschickt. Dort kam ich sofort ins Gefängnis. In meiner Zelle betete ich jeden Tag zu Gott, dass nie mehr so etwas passiert bis ans Ende der Welt. Das Töten war so sinnlos.

Nach sechs Jahren wurde ich entlassen. Ich ging nach Hause, aber ich hatte Angst vor der ersten Begegnung mit Donatica. Immer wieder erinnerte ich mich daran, wie ich Donaticas Mann das Messer in den Bauch rammte. Ich konnte kaum schlafen, mein schlechtes Gewissen quälte mich. Ich musste sie um Verzeihung bitten.

Eines Tages wurde mein Fall vor dem Dorfgericht verhandelt. Auch Donatica war da. Ich zitterte, als ich ihr in die Augen sah. Ich sagte: Ich habe deinen Mann umgebracht. Ich habe es getan, um mein eigenes Leben zu retten. Dafür schäme ich mich. Bitte verzeih mir. Sie hat mir verziehen.

Unser Verhältnis ist jetzt wieder gut. Jedes Mal, wenn ich ihr auf der Straße begegne und sie mit dem Fahrrad unterwegs ist, hält sie an und nimmt mich mit. Umgekehrt auch: Wenn ich sie sehe, nehme ich sie mit. Ich habe jetzt Frieden in meinem Herzen. á

Donatica Mukandahiro, 45, Tutsi, Bäuerin:

Ich würde nicht sagen, dass Juma ein Freund war. Aber er war ein guter Nachbar. Wenn wir uns begegneten, freute ich mich. Manchmal brachte ich seiner Familie etwas zu essen oder zu trinken vorbei.

Plötzlich änderte sich alles. Soldaten liefen durch unser Dorf und fingen an, Tutsi umzubringen. Mein Mann sagte zu mir: Nimm die Kinder und geh nach Burundi. Er wollte hierbleiben, um unser Haus zu verteidigen. Nach einigen Wochen kehrte ich zurück. Von unserem Haus waren nur noch ein paar Steine übrig, und mein Mann war tot. Auch meine Eltern, all meine Brüder und Schwestern waren tot. Ich war umgeben von Tod. Ich hatte jede Hoffnung verloren.

Ich hatte keine Ahnung, wer der Mörder meines Mannes war. Es war mir auch egal. Das Leben als Witwe war so schwer für mich, dass ich erst mal nicht darüber nachdachte. Erst Jahre später, als die ersten Hutu-Flüchtlinge nach Ruanda zurückkamen, erfuhr ich, wer es war: Juma, mein Nachbar. Vom Gedanken, ihm eines Tages wieder zu begegnen, wurde mir schlecht. Nie mehr wollte ich ihn sehen. Doch irgendwann wurde Juma aus dem Gefängnis entlassen. Er zog in ein Haus zwei Kilometer von hier entfernt, so dass ich ihm erst mal nicht begegnete.

Dann wurde sein Fall im Dorfgericht verhandelt. Ich ging hin. Er sah mitgenommen aus, so dünn. Mit seinen Augen suchte er mich in der Menschenmenge, und als er mich sah, erzählte er seine Geschichte. Mit zittriger Stimme bat er mich um Verzeihung. Ich war sprachlos. Ich fühlte mich überrumpelt. Ich sagte zwar: "Ja, ich verzeihe dir", aber im Herzen spürte ich, dass es nicht wahr ist. Der Schmerz war noch zu groß. Ich brauchte Zeit.

Ich las viel in der Bibel und hörte auf die Worte Gottes. Ich fragte mich: Wie lange willst du den Hass in dir tragen? Was nützt es, nicht zu verzeihen? Nichts. Doch die letzten Zweifel habe ich erst verloren, als ich merkte, dass Juma es ernst meinte. Wenn die Schuhe meiner Kinder kaputt sind, ist er sofort da und repariert sie. Er hilft mir, wenn ich Hilfe brauche. Heute kann ich sagen, dass nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Herz Juma verziehen hat. Aber trotzdem muss ich noch oft an meinen Mann denken. Das Leben wäre einfacher, wenn er noch da wäre.

Joel und Nickolas

Joel Sengoga, 38, Tutsi, Geschäftsmann:

Ich lebte während des Genozids in Uganda im Exil. Kurz nach dem Völkermord kehrte ich nach Ruanda zurück. Überall lagen Leichen der Tutsi. Ich hatte unheimlich Angst vor den Hutu. Das Militär beschützte uns zwar, aber ich fühlte mich nie sicher. Die Menschen verließen kaum ihre Häuser und redeten selten miteinander. Damals war es für mich undenkbar, jemals mit einem Hutu befreundet zu sein. Es war ein absurder Gedanke, von einem Hutu zum Essen eingeladen zu werden.

Einige Jahre später arbeitete ich bei einem Projekt für Opfer des Genozids, das sich vor allem um die Witwen kümmerte. Eines Tages kam ein Mann in unser Büro und sagte: "Ich würde gerne ehrenamtlich bei Ihrem Projekt mitarbeiten." Er war ein Hutu. Ich konnte es nicht fassen: Ein Hutu, der bei uns mitarbeiten will? Er sagte, dass er sich schämt für das, was die Hutu getan haben. Er erzählte mir, wie Gott sein Herz geöffnet habe und dass es nun sein Lebensziel sei, wenigstens einen Tutsi glücklich zu machen.

Seine Worte berührten mich sehr. Es war so, als ob jemand den stachligen Dorn aus meinem Herzen gezogen hätte. Ich fragte mich: Wenn es noch mal zum Genozid kommen sollte, wäre Nickolas jemand, der mich verstecken würde?

Nach und nach war ich mir sicher: Nickolas konnte ich vertrauen. Er ist der erste Hutu, der mich zum Essen eingeladen hat. Er war für mich da, als mein Vater starb. Er war der Erste, dem ich erzählt habe, dass meine Frau schwanger ist. Er vertraut mir seine Kinder an. Nickolas ist mein allerbester Freund. Dank Nickolas habe ich jetzt ­ zehn Jahre nach dem Genozid ­ ein reines Herz.

Nickolas Hitimana, 38, Hutu, Agraringenieur:

Am 7. April 1994, früh um sechs Uhr, rief mich ein guter Freund an. Er brüllte ins Telefon: "Der Präsident ist tot. Auf den Straßen wird geschossen!" Ich war fassungslos, vor allem, als ich hörte, dass gezielt die Tutsi umgebracht wurden. Meine Frau ist eine Tutsi! Wir flüchteten in den Kongo, später gingen wir nach Kenia, dann nach England. Dort dachte ich viel nach. Ich schämte mich dafür, dass ich ein Hutu war. Wie konnte mein Volk so grausam sein? Wie konnte ich jemals einem Tutsi wieder ins Gesicht schauen?

1996 besuchte ich zum ersten Mal wieder Kigali. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute mich anstarrten und dachten: Da läuft ein Mörder herum. Eine schreckliche Erfahrung. Erst 2001 kehrte ich endgültig nach Ruanda zurück, weil ich spürte, dass ich mich der Sache endlich stellen musste. Es war nicht genug, kein Mörder zu sein. Wenn mir jemand gesagt hätte, Nickolas, du bist ein Hutu, du musst sterben, ich wäre dankbar gewesen. Um weiterleben zu können, nahm ich mir vor, wenigstens einen Tutsi glücklich zu machen. Also meldete ich mich bei einer kleinen Hilfsorganisation, wo ich Joel kennen lernte.

Ich habe schon immer viele Tutsi-Freunde gehabt. Aber mit Joel entwickelte sich eine ganz besondere Freundschaft. Als er mir erzählte, dass ich der erste Hutu sei, dem er vertraute, war ich zu Tränen gerührt. Ich spürte, wie er nach und nach seinen Hass und Misstrauen gegenüber den Hutu verlor. Wir arbeiteten nicht nur zusammen, wir redeten über die intimsten Dinge, die uns beschäftigten. Eines Tages kam er zu mir und sagte: Nickolas, meine Frau ist schwanger. Du bist der Erste, dem ich das erzähle. Was für ein Vertrauensbeweis! Unsere Freundschaft ist nur ein kleiner Tropfen, aber wir werden beide weiter kämpfen, damit unser Land sein Trauma überwindet.

Der Völkermord und seine Aufarbeitung Von April bis Juli 1994 kam es in Ruanda zum schlimmsten Genozid seit dem Holocaust: Mehr als 800 000 Tutsi wurden von den Hutu umgebracht. Einfache Hutu-Bauern wurden zu Mördern ­ angestachelt von der Regierungsarmee. Auch moderate Hutu wurden Opfer.

Heute, zehn Jahre später, sitzen noch immer 90 000 mutmaßliche Täter im Gefängnis, 40 000 wurden bereits freigelassen. Die staatlichen Gerichte sind völlig überlastet und fällen pro Jahr nur rund 1000 Urteile. Um die Aufarbeitung des Geschehens und eine Versöhnung zwischen Hutu und Tutsi voranzutreiben, wurden 2002 die traditionellen Dorfgerichte, die Gacacas, wieder ins Leben gerufen. Das Prinzip: Die Täter müssen sich vor den Augen der überlebenden Opfer verantworten. Wer gesteht und bereut, kann mit einer Strafmilderung rechnen.

Die Gacacas sind ein wichtiger Schritt zur Versöhnung in Ruanda. Doch inzwischen gibt es Schwierigkeiten: Opfer schweigen, weil sie sich nicht unaufhörlich mit ihrem Leid auseinander setzen wollen. Und Täter gestehen einfach irgendetwas Harmloses, um möglichst bald auf freien Fuß zu kommen. Die Organisatoren der Morde allerdings müssen sich vor dem Internationalen Gerichtshof im tansanischen Arusha verantworten.

Neben den Gacacas leisten auch die so genannten Trostdienste einen Beitrag zur Versöhnung. Mit Hilfe von Spenden verhelfen sie den traumatisierten Opfern zu Jobs oder Ausbildungen. Und in Heilseminaren machen Hutu und Tutsi erste Schritte, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden und sich zu versöhnen. Trotz alledem wird es jedoch Jahrzehnte dauern, bis der Genozid seelisch verarbeitet ist. Simon Gasibirege, der bekannteste Psychotherapeut Ruandas, zeichnet ein besonders düsteres Bild: "Es gibt ein äußeres Zusammenleben, im Inneren stimmt gar nichts." Die Hälfte der von ihm befragten Häftlinge sei überzeugt, dass sie ihre "Arbeit" ­ den Völkermord ­ nicht zu Ende geführt hätten. In der Bevölkerung seien 15 bis 30 Prozent der Meinung, man könne Ruanda nur per Völkermord regieren.

Clementine und Françiose

Clementine Mukabalisa, 33, Tutsi, Bäuerin:

Mein Vater war ein starker Mann, arbeitete hart und brachte die Familie irgendwie durch. Aber wir spürten täglich die Diskriminierung, es war kein schönes Leben.

Am 9. April 1994 um 9 Uhr kamen sie zu uns nach Hause. Sie schlugen sofort zu. Wir gaben ihnen alles Geld, das wir hatten, und sie ließen uns in Ruhe. Dann schlossen wir die Fenster, Vater holte die Bibel heraus und sagte, wir müssen jetzt zu Gott beten, dass er diesen Menschen vergibt, weil sie nicht wissen, was sie tun.

Am nächsten Tag kamen sie wieder. Ich schaffte es, mich zusammen mit meinem Bruder im Speicher zu verstecken, und beobachtete durch ein Loch, was unten im Wohnzimmer geschah. Einer hatte einen Knüppel mit Nägeln dran und schlug damit meine Mutter. Sie sagten meinem Vater: "Bete dein letztes Gebet!" Er betete, und danach schlugen sie ihn immer und immer wieder. Dann schlitzten sie meinen Vater auf. Und meine Schwester. Und meine Mutter.

Mein Bruder und ich hielten es im Speicher nicht mehr aus und sprangen herunter. Wir mussten doch irgendetwas tun! Meinen Bruder entdeckten sie sofort und hackten ihm beide Arme und beide Beine ab. Als sie mich sahen, schlugen sie mit Macheten auf mich ein. Sie trafen mich am Kopf, und ich fiel zu Boden.

Als ich aufwachte, waren sie alle weg. Ich war blutüberströmt. Ich schleppte mich zu François, unserem Nachbarn. Er ist ein alter Hutu-Mann, aber ihm vertraute ich. Er kannte mich seit meiner Geburt und war mit meinem Vater befreundet. Er sagte: "Lieber Gott, was haben sie mit dir gemacht!" Ich konnte nicht antworten und weinte. François nahm mich in seinen Arm. Er schor mir mein Haar und legte ein sauberes Tuch auf meine Kopfwunde. Dann brachte er mich in ein anderes Haus. Ich hatte Angst. Aber François machte mir Mut. Er besorgte mir etwas zu essen und brachte mich nach einigen Tagen zu seinem Schwiegersohn. François hat mir mein Leben gerettet, obwohl er ein Hutu ist. Dafür werde ich ihm den Rest meines Lebens dankbar sein.

François Gahene, 72, Hutu, Bauer:

Ich lebe in diesem Haus schon seit meiner Geburt. Als ich ein kleiner Junge war, lernte ich Clementines Großvater kennen. Später habe ich Clementine aufwachsen sehen. Sie war ein süßes Kind. Ihren Vater liebte ich wie einen Bruder. Und seine Kinder waren auch meine Kinder.

Dann kam der April 1994. Sie sagten uns, wir sollten in unserem Haus bleiben, weil es draußen zu gefährlich sei. Ich verriegelte die Tür, nahm die Bibel und betete mit meinen Kindern. Einige Tage vergingen. Ich hörte immer wieder Geschrei von Menschen und Schüsse. Aber zu uns nach Hause kam niemand. Dann, eines Morgens, klopfte es an der Tür. Vor der Tür lag Clementine. Ihre Kleider waren voll Blut, und sie hatte eine schlimme Wunde am Kopf. Ich half ihr durch die Tür und verriegelte sie schnell wieder.

Ich wusste, dass es gefährlich für uns alle ist, wenn ich Clementine in meinem Haus verstecke. Also beschloss ich, sie zu meinem anderen Haus zu bringen. Ich musste sie dorthin tragen. Ihr ging es ziemlich schlecht. Gott sei Dank wurden wir nicht entdeckt. Ich schloss das Haus von außen ab. Zum Glück ging es ihr bald etwas besser ­ wir konnten ja nicht ins Krankenhaus fahren oder einen Arzt holen. Später brachte ich sie zu meinem Schwiegersohn. Dort war sie in guten Händen. Ich schaute jeden Tag nach ihr und pflegte sie gesund.

Der Krieg wurde immer schlimmer. Schließlich mussten wir fliehen. Alle Hutu, ob gut oder böse, flüchteten aus Kigali, weil die Tutsi-Truppen kurz vor der Stadt waren. Wir mussten Clementine zurücklassen. Aber ich war mir sicher: Wenn die Tutsi-Truppen Kigali einnehmen, dann ist Clementine sicher.

Später, als alles vorbei war und Clementine überlebt hatte, wurde mir klar: Ich konnte wenigstens ein Menschenleben retten. Darüber bin ich froh. Trotzdem bin ich auch heute noch sehr traurig: Ich werde nie verstehen, warum die Hutu zu brutalen Mördern geworden sind. Manchmal bin ich so deprimiert, dass ich am liebsten sterben würde.

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