Pierre de Coubertin: Olympia und Religion

Feiertage des Muskel-Kults
Eine "Religion der Athleten" ­ das wollte Pierre de Coubertin, der Gründer der modernen Olympischen Spiele, stiften. Weihevolle Rituale und Symbole prägen deshalb Eröffnungs- und Schlussfeiern der Spiele. Ausgerechnet die Kommerzialisierung bewahrt Olympia vor dem Erstarren in pseudoreligiösem Pomp

Das Feuer brennt schon seit dem 25. März. Und eigentlich haben die Olympischen Spiele von Athen an diesem Tag bereits begonnen. Im heiligen Hain von Olympia hat eine als Hohepriesterin verkleidete junge Frau dem ersten Fackelträger die olympische Flamme für eine Reise um die Welt übergeben. Jetzt, am Freitag, dem 13. August, wird sie im Rahmen der mehrstündigen Eröffnungsfeier ins Athener Olympiastadion getragen und dort für sechzehn Tage auflodern. Und Griechenlands Präsident Konstantinos Stefanopoulos wird mit den im Zeremoniell exakt vorgeschriebenen Worten das größte wiederkehrende Spektakel der Neuzeit eröffnen.

Die Olympischen Spiele kehren 2780 Jahre nach ihrer Gründung heim nach Athen, heim ins Land ihres Ursprungs, behaupten viele griechische Medien seit Monaten. Und das "Athen-Magazin" rechnet kühn: "Wären die Olympischen Spiele der Antike im Jahr 393 nach Christus nicht verboten worden und wären sie über die Jahrtausende immer alle vier Jahre ausgetragen worden, so würden im Jahr 2005 die 696. Olympischen Spiele seit 776 v0r Christus stattfinden."

"An den Spielen darf jeder Grieche, sofern er von keiner Bluttat befleckt und nicht beladen ist mit dem Fluch der Götter"

Würden die antiken Spiele heute abgehalten, sie wären ein unbedeutendes, regionales Ereignis im östlichen Mittelmeerraum. Denn es hieß in ihrem Reglement: "An den Spielen darf teilnehmen jeder Grieche, sofern er frei geboren, von keiner Bluttat befleckt und nicht beladen ist mit dem Fluch der Götter." Nein, mit den antiken Spielen ohne Ausländer hat das, was jetzt in Athen beginnt, nicht viel mehr gemein als den Namen und die Tatsache, dass sich Menschen in sportlichen Wettkämpfen messen.

Erfunden wurden die Spiele der Neuzeit von dem französischen Adeligen Pierre de Coubertin vor 110 Jahren. In Athen ­ insoweit ist das mit der Heimkehr nicht ganz falsch ­ fanden sie 1896 zum ersten Mal statt. Doch auch von dem, was Coubertin beabsichtigte, ist nur noch der äußere Rahmen, sind Zeremonien und Symbole übrig geblieben. Ein kommerzielles Massenspektakel mit Sponsoren und Berufsathleten, in dessen Zentrum die Markenkonkurrenz diverser Sportartikelhersteller steht, ein globales Medienereignis, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) so grandios wie skrupellos vermarktet. Der Baron aus Frankreich hätte das wohl als Alptraum empfunden. Denn letztlich bedeutet die vollständige Kommerzialisierung seiner Idee den Sieg der Kräfte, gegen die er mit Olympia ankämpfen wollte.

In den Gründerjahren des Industriezeitalters sah der Pädagoge Coubertin sein traditionelles Weltbild aufs Tiefste erschüttert. Aus Bauern wurden Fabrikarbeiter, aus Bürgern Angestellte. Profitstreben und Egoismus, war Coubertin überzeugt, würden gegenüber familiären Bindungen und überkommenen Werthaltungen triumphieren. Die Dynamik der Veränderung empfand der Aristokrat als geradezu krankhaft. Gegen die allgemeine Verrohung, gegen Dekadenz und Trägheit wollte Coubertin eine umfassende Therapie setzen. Fasziniert vom Sportsgeist in den Schulen der britischen Oberschicht, angetrieben von dem Wunsch, junge Männer von Kindheit auf gegen Krieg und Barbarei immun zu machen, und angeregt von Berichten über Ausgrabungen an den historischen Stätten Olympias entwickelte er die Idee der modernen Olympischen Spiele als einer "Athletenreligion".

Geistig-sittliche Muskulatur

Kern seines erzieherischen Konzeptes war die Überzeugung, dass Sport mehr sei als "Muskeltraining". Mit der Arbeit an der Vervollkommnung des Körpers, schrieb der Olympiagründer, trainiere sich der Mann (Frauensport hielt er für bizarr) "auch eine harte ,geistig-sittliche Muskulatur'; an". Mit den körperlichen Qualitäten Wendigkeit, Geschicklichkeit, Kraft und Härte wüchsen auch die psychischen Eigenschaften Energie, Ausdauer und Schlagfertigkeit.

Diesen Geist, glaubte der Gründer, könne man aber mit den herkömmlichen Wettkampfformen, mit einzelnen Wettbewerben und Weltmeisterschaften nicht fördern. Die rein am Ergebnis orientierte sportliche Auseinandersetzung unterschied sich für Coubertin nur wenig von barbarischen Gladiatorenkämpfen. Deshalb plante er ein gigantisches Fest, eine Begegnung der Jugend aller Völker, umrahmt von kultisch-religiösen Feiern. Der Olympismus sollte "eine Religion mit Kirche, Dogmen, Kultus" sein. In diesem Rahmen würden dann die Ideen der Elite und der Chancengleichheit, der Höchstleistung, des Fairplay und der Ritterlichkeit, der Internationalität, der sportlichen Gemeinschaft, vor allem aber der Amateurgedanke die zentralen Rollen spielen.

Das Bild der Religion wählte Coubertin nicht mit der Absicht, Glaubensinhalte zu vermitteln, mit denen die Teilnehmer inhaltlich übereinstimmen sollten. Er wollte seiner Idee lediglich den Glanz "kultischer Rituale" geben, um Olympische Spiele "mittels der Pracht ... machtvoller Symbolik von der einfachen Serie von Weltmeisterschaften" unterscheidbar zu machen und mit ihnen eine "philosophische und historische Lehre gewaltiger Reichweite" zu begründen. So beschreibt es der Sportwissenschaftler Elk Franke.

Vierzig Jahre dauerte es, bis das kultisch-religiöse Zeremoniell Olympias in seiner heutigen Gestalt entwickelt war. Ausgerechnet die Spiele 1936 in Berlin unter der Herrschaft der Nazis versetzten "Religionsstifter" Coubertin, den Verfechter von Frieden, Freiheit und Demokratie, in den Zustand höchster Zufriedenheit. Sein deutscher Schüler und Freund Carl Diem, anfänglich von den braunen Machthabern kritisch beäugt, vollendete die olympische Liturgie mit ihren bis heute gültigen Symbolen und Ritualen. Schon 1931, vor der Machtergreifung Hitlers, hatte das IOC Berlin die Spiele zugesprochen. Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels begriff schnell, welches Geschenk dem Regime mit diesem internationalen Großereignis in den Schoß gefallen war, und unterstützte Diem in seinem Bemühen, aus den Spielen ein sinnlich-weihevolles Gesamtkunstwerk zu machen.

Ein Lichtdom aus Hunderten von Flak-Scheinwerfern

Nach Berlin führte der erste Fackellauf mit dem im heiligen Hain von Olympia entzündeten Feuer. Und zur Abschlussfeier bauten die Strahlen aus Hunderten von Flak-Scheinwerfern einen Lichtdom über dem Olympia-Stadion. Wenige Wochen nach den Spielen starb Coubertin, noch getragen von dem Gedanken, dass ausgerechnet in jenem Deutschland seine Idee in vollem Glanz erstrahlte, dessen Turnerriegen er für paramilitärische Drillkolonnen hielt. Als sehr bald auf grausame Weise klar wurde, wie leicht sich der eigentlich hohle religiöse Aufbau des Olympismus gerade in Berlin hatte missbrauchen lassen, war dies für die Nachfolger des Barons kein Grund, die Liturgie aufzugeben.

An seinem Erben, dem amerikanischen Unternehmer Avery Brundage, der nach dem Krieg die Führung des IOC übernahm, hätte Coubertin seine Freude gehabt. Strikt hielt Brundage an den Idealen des Gründers fest. Nach dem Mordanschlag palästinensischer Attentäter auf die israelische Olympiamannschaft während der Spiele von 1972 in München forderte er auf der Trauerfeier im voll besetzten Stadion: "The Games must go on ­ die Spiele müssen weitergehen!" Die olympische Idee, davon war Brundage überzeugt, dürfe sich durch Terrorismus nicht erschüttern lassen.

Ebenso hartnäckig hatte Brundage ein halbes Jahr zuvor den österreichischen Skistar Karl Schranz von den Winterspielen in Sapporo (Japan) ausschließen lassen, weil er Werbung für seine Skifirma gemacht habe. Doch der Schranz-Ausschluss war nur ein letzter, verzweifelter Versuch gewesen, Coubertins heile Amateurwelt zu retten. Wenige Jahre nach Brundages Tod vergab das IOC die Jubiläumsspiele von 1996 nicht nach Athen, sondern ins amerikanische Atlanta, verkaufte sie an den dort residierenden Hauptsponsor Coca-Cola.

Athleten: Eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft

Auch als Vertreter der Ansicht, Olympia sei eine Religion, blieb Brundage der letzte Jünger Coubertins. Auch der Amerikaner sah in den Athleten "eine Art Priester und Diener der Religion der Muskelkraft". Manche dieser "Priester" nutzten als Soldaten von Volksarmee und Roter Armee, als so genannte "Staatsamateure", die Olympischen Spiele vor allem dazu, den Kalten Krieg zwischen den Blöcken auf dem Sportplatz fortzusetzen. Dieser Zweck heiligte für ihre Trainer und Ärzte auch den Einsatz von Dopingmitteln. Im Gegensatz zu Verstößen gegen den Amateurgedanken nahm Brundages IOC Dopingvergehen eher am Rande wahr.

Die offenkundig mit männlichen Hormonpräparaten erstarkten Schwestern Irina und Tamara Press holten 1960 und 1964 olympisches Gold im Diskuswerfen und Kugelstoßen. Gleichzeitig gab der IOC-Präsident Brundage 1964 zu Protokoll: "Die olympische Bewegung ist eine Religion des 20. Jahrhunderts, eine Religion mit universalem Anspruch, die in sich die Grundwerte anderer Religionen vereinigt. Eine moderne, dynamische Religion, attraktiv für die Jugend, und wir vom Internationalen Olympischen Komitee sind seine Jünger. Hier gibt es keine Ungerechtigkeit der Rasse, der Familie, des Geldes. Man suche in der ganzen Geschichte und wird kein System von Grundsätzen finden, das sich so weit und so schnell ausgebreitet hat wie die brillante Philosophie Coubertins. Er hat die Fackel entzündet, die die Welt erleuchten wird."

Als der Spanier Juan Antonio Samaranch 1980 die Führung des IOC übernahm, wurde Coubertins Fackel rasch vom Neonlicht des großen Geschäfts überstrahlt. Samaranch schaffte innerhalb kurzer Zeit den Amateurstatus ab. 1984 in Los Angeles wurden Olympische Spiele erstmals fast ausschließlich privat organisiert. Und nach den Coca-Cola-Games in Atlanta entwickelten sich die Spiele 2000 im australischen Sydney zum optimalen Medienereignis. Tausende von Kameras sorgten bei den "besten Spielen aller Zeiten" dafür, dass jeder Schweißtropfen eines erfolgreichen Triathleten ebenso live und in Farbe ins Wohnzimmer nächtlicher Zuschauer auf der anderen Seite der Erde transportiert wurde wie die Tränen eines gescheiterten Zehnkämpfers.

Nach Nationalismus und Staatssozialismus hat nun der Kommerzialismus die kultisch-religiöse Feier von Coubertins Idee zu seiner Sache gemacht. Die olympische Inszenierung erlaubt es den Medien, erfolgreiche wie geschlagene Sportler wahlweise als Helden oder Heilige zu präsentieren. Die Höchstleistung wird als Ereignis des Augenblicks übermittelt, nicht als das Ergebnis langer und zäher Trainingsarbeit. Die TV-Gemeinde ist direkt dabei, wenn sich das Wunder ereignet, das Unfassbare, die unglaubliche Leistung. Das Olympiapublikum nimmt unmittelbar teil an der Selbstüberwindung des Marathonläufers, der Schwimmerin und des Ringers.

"In Olympia feiert der Mensch sich selbst."

Coubertins Weg, den Olympismus mit religiösen Ritualen und Symbolen anzureichern, bleibt problematisch. Im Gegensatz zur Antike kennen die Spiele der Neuzeit weder Gott noch Götter. Deshalb warnt der Theologe Jürgen Moltmann: "In Olympia feiert der Mensch sich selbst. Eine Religion ohne Gott führt zur Vergötterung der Menschen und ihrer Leistung."

Und dennoch hat gerade die Kommerzialisierung den pompösen Anspruch des Gründers Coubertin, eine Religion gestiftet zu haben, relativiert. Der ökonomische Zweck entheiligt die Spiele. Im schrillen Zirkus der Werbeeinblendungen und gesponserten TV-Gewinnspiele wird das gravitätisch Weihevolle ironisch gebrochen. So gewinnt als Nebeneffekt oft das Leichte, das Menschliche die Oberhand ­ hoffentlich auch in Athen.

Verloren gehen könnten dabei allerdings vollends die ethischen Grundlagen des Sports: der Fairplay-Gedanke, der Verzicht auf Doping. Hier könnte sich das IOC um das Erbe des Olympia-Gründers Coubertin bleibend verdient machen. Anstatt sich als Priester oder Jünger der Sport-Religion zu präsentieren, könnten seine Mitglieder die Spiele von Athen zum Wendepunkt im Kampf gegen den unlauteren Wettbewerb ­ das Doping ­ markieren.

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