Von Herz zu Herz

Der Mann im roten Bischofsmantel mit dem Hirtenstab sieht nur so katholisch aus. Bischof Wolfgang Herz-Lane ist Chef der Lutheraner in Baltimore an der amerikanischen Ostküste. Aber egal wo. Wenn er irgendwo ankommt, gründet er als Erstes mal eine Gemeinde

Foto: Erika Larsen

Es gibt Leute, die können Chaos nicht ausstehen. Aber sie brauchen es dringend, weil sie das Ordnen lieben, das Organisieren. Margaret Herz-Lane grinst: „Da, auf der anderen Seite des Tisches sitzt so einer. Ich mische alles durcheinander, schaffe neue Sachen an, türme alles auf. Und dann kommt mein Wolfgang und knurrt. Was ist denn das schon wieder für ein Chaos? Und dann räumt er auf.“ Wolfgang Herz-Lane, evangelisch-lutherischer Bischof von Baltimore, und seine Frau Margaret, Gemeindepfarrerin in der Hafenstadt in Maryland, sind seit mehr als 30 Jahren little america. Ein melting pot, ein Schmelztiegel gegensätzlicher Talente.

Melting pot – auch ihrer einstmals sehr europäisch wirkenden Kirche haben die Herz-Lanes und ihre Mitstreiter an der Ost­küs­te der Vereinigten Staaten ein neues Gesicht gegeben. Zunächst in New Jersey und seit fünf Jahren in Maryland und ­Delaware, auf einem Kirchengebiet so groß wie Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zusammen. Dieses neue Gesicht sieht man am Sonntagmorgen im wohlhabenden Ellicott City beim Konfirmationsgottesdienst in der First Lutheran Church. Und man sieht es am Nachmittag in der Landgemeinde Myersville im waldigen Hügelland im Westen oder weiter südlich in Hyatts­ville beim gemeinsamen Gottesdienst mit den Anglikanern.

Menschen namens Funke, Thielemann oder Bauer, MacLellan, Facto oder Danker singen und feiern mit Hispanics, mit dunkelhäutigen Christen. Eine Pfarrerin kommt aus Indien, die andere von den Philippinen.

Amerika! Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte.

Der Bischof predigt über Schafe. Und darüber, dass er in seiner Jugend nur Schäfer kennengelernt hat, die brummig und unfreundlich waren. „I grew up in the black forest.“ Wenn Wolfgang Herz-Lane, 59, in seiner Muttersprache redet, ist nicht zu über­hören, wo er herkommt. Ein Schwabe vom Ostrand des Schwarzwalds, aus dem Städtchen Lauterbach. Dort hat er auch seinen ersten Beruf erlernt. Journalist. Dass er in dieses Metier geriet, ergab sich aus der Passion, von der er allerdings noch nicht wusste, dass sie zu seinem Lebensthema werden sollte: gründen und organisieren. „Ich zog mit meinen Eltern um, in ein Dorf ein paar Kilometer weiter. Und da gab es gar nichts für Jungs meines Alters.“ Was tun? Was machen! „Ich war Messdiener, kam aus ­einer katholischen Familie. Da habe ich den uralten Pfarrer in dem Dorf gefragt, ob ich eine Katholische Junge Gemeinde gründen dürfte, eine KjG. Er hatte nichts dagegen.“

Aber was nutzt eine solche Neugründung, wenn keiner von ihr weiß? Also schrieb der Teenager einen Artikel und schickte ihn der nächsten Lokalredaktion des „Schwarzwälder Boten“. Der Text gefiel deren Chef so gut, dass er den Buben zur freien Mitarbeit aufforderte und ihm bald vorschlug, nach dem Abi ein Redaktionsvolontariat zu beginnen. Das tat er und nahm ein Jahr später die angebotene Redakteursstelle im Städtchen Nagold an.

Wolfgang und Margaret haben zwei Söhne. Joseph ist der jüngere.
Ein Brief der Aktion Sühnezeichen störte die ordentliche Laufbahn. Der evangelische Friedensdienst schlug Herz, dem Kriegsdienstverweigerer, vor, die 18 Monate Zivildienst als Freiwilliger in der Jugendarbeit in Camden/New Jersey zu leisten. Amerika! Ein Angebot, das man nicht ablehnen konnte. Das mussten die im Verlag verstehen. Obwohl: „Diesen Dienst sollte ich in einer Kirchengemeinde leisten, in der Lutheran Parish.“ Kirche! Da zieht der Bischof noch fast vierzig Jahre später eine Grimasse. „Das war fast das Killerargument. Mit Kirche, so wie ich sie im Schwarzwald erlebt hatte, wollte ich eigentlich nichts mehr zu tun haben, egal ob katholisch oder evangelisch. Ich war total auf Antikurs.“ Zu viel Ordnung, zu wenig Bewegung. Zu viel von diesem „Das machen wir schon immer so, das haben wir noch nie so gemacht!“ Zu wenig Chaos. Die Neugier auf Amerika war stärker als die Kirchenskepsis. So stieg Wolfgang Herz dann doch im November 1975 in den Flieger gen Westen. „Ich wollte raus aus der Enge. Das ist ja nichts Besonderes. Das geht ja vielen jungen Leuten so.“ Also auf nach Camden! Alles in Ordnung.

Camden, jenseits der Delaware Bay, gegenüber der Hafenstadt Philadelphia gelegen, war einst eine der blühenden Industrie­städte rund um die großen Häfen am Atlantik. Hier produzierte beispielsweise Campbell in einer großen Fabrik seine Dosen­suppen, von Andy Warhol berühmt gemacht.

Information

Arnd Brummer traf einen alten Bekannten. Mit Wolfgang Herz hatte er seine journalistische Laufbahn beim „Schwarzwälder Boten“ begonnen.

Erika Larsen hat die Gemeinden gleich ins Herz geschlossen. Es war „amazing“, sagt die Fotografin.

 

 

Lesermeinungen

Vielen Dank Deutschland für Bach,Wagner,Schubert,Bismarck,Brandt,Nena,und Wolfgang!

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