„Wagt ein Jahr eures Lebens!“

100 000 Menschen leiste­ten in den vergangenen zwölf Monaten einen Freiwilligendienst. Die Idee für solche ein­jährigen ­Einsätze gegen ein Taschen­geld kam aus der Diakonie – vor genau 60 Jahren. Zwei, die dabei waren, erzählen, was sie in ihrem Dienst erlebten

Sima Dehgani

Am Krankenbett

Als ihr Vater den Freiwilligendienst ausrief, wusste Erika Geiger: Das will ich machen! Sie war eine der ersten Frauen, die sich für ein diakonisches Jahr meldeten. Ein Rückblick

Fast 60 Jahre ist es her. Erika Geiger erinnert sich noch genau an die Pein, die sie verspürte, als sie am ersten Tag ihres diakonischen Jahres im Speisesaal der Klinik Hallerwiese in Nürnberg in ihre trockene Schrippe biss. Es war still im Saal. Nur Geiger kaute. Den Kopf gesenkt, das Gesicht hochrot. Sie saß morgens um sechs mit den anderen Schwestern am ­u-förmigen Tisch und hatte das Gefühl, dass alle sie anstarrten. Kurz schaute sie auf, um zu sehen, ob sie wirklich die Einzige war, die noch aß. Aber die anderen Teller waren leer. Kein Krümel zu sehen. Wie hatten die Schwestern es geschafft, das Brötchen so schnell zu verdrücken?

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Geiger würgte die Schrippe herunter, auch wenn sie ihr nicht schmeckte. Erst als sie fertig war, entließ Oberschwester Leni die Schwestern auf die Krankenstationen. Geiger lief mit, den Blick weiter auf den Boden gerichtet. Irgendwas war faul, das spürte sie. Auf der Krankenstation angekommen, fasste sie Mut und fragte: Wie habt ihr so schnell gegessen? Da lachten die Schwestern und zogen die Brötchen aus ihren Schürzen. Im Kühlschrank lagerten Butter und Marmelade. Sie frühstückten erst auf der Station.

Erika Geiger erinnert sich an ihr diakonisches Jahr 1956 - Foto: Sima Dehgani
„Das war mir vielleicht peinlich“, sagt Erika Geiger heute und lacht offen, wie jemand, der sich gern mal über sich selbst amüsiert. Ihr Körper wippt ein wenig nach vorne, alle Gesichtsmuskeln lösen sich und ihre blauen Augen leuchten hinter dicken Brillengläsern. Die 77 Jahre merkt man ihr kaum an. Sie sitzt in ihrem Wohn­zimmer auf einem dunkelgrünen Sessel und wirbelt die Hände durch die Luft, während sie sich an das Jahr 1956 er­innert: Damals war sie eine der ersten ­diakonischen Helferinnen überhaupt.

„Ich wusste sofort, dass ich das machen möchte“

Ihr Vater, Hermann Dietzfelbinger, der damals die Diakonie Neuendettelsau ­leitete und später bayerischer Landes­bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland wurde, rief das diakonische Jahr vor sechzig Jahren ins Leben. Da war Erika Geiger gerade mal 17 Jahre alt. Bei der Hundertjahrfeier der Diakonie Neuendettelsau stand Geiger ­neben ihrer Mutter und ihrem Bruder ­zwischen den Feiernden in der St.-Laurentius-Kirche und hörte über Lautsprecher der Rede ihres Vaters zu. Niemand ahnte, was Dietz­felbinger in seinem Vortrag „Wagnis der Diakonie“ gleich verkünden würde. Nicht einmal seine Tochter.

Hermann Dietzfelbinger sagte: „Überall warten Menschen darauf, dass Menschenhände ihnen den Dienst der Liebe tun. Ihr jungen gesunden Menschen von 18 Jahren, gebt ein Jahr eures Lebens zum Dienst für sie!“ Das diakonische Jahr, so Dietzfelbinger, werde die jungen Menschen ausbilden im „Dienen, Beten, Leiden und Mittragen“. Erika Geiger stellte ihrem Vater noch am selben Abend viele Fragen: Wer kann das machen? Welche Einrichtungen kommen infrage? Kann man wirklich helfen? Was trauen die einem wohl zu? Sie fragte nicht ohne Hintergedanken. „Ich wusste sofort, dass ich das machen möchte“, sagt Erika Geiger.

Einige von Dietzfelbingers Kollegen ­waren skeptisch: „Du hast in deinem Aufruf ja nicht mal die soziale Sicherung geklärt. Wie können wir garantieren, dass die Frauen ihren Arbeitsplatz behalten, wenn sie ein Jahr aussetzen?“ Probleme wie diese lösten sich ganz von selbst. Der Chef der ersten Industriearbeiterinnen, die das diakonische Jahr machen wollten, versprach ihnen, den Arbeitsplatz frei zu halten.

Information

60 Jahre Diakonisches Jahr, 50 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr

1954 „Wagt ein Jahr eures Lebens für die Diakonie“, sagt Hermann Dietzfelbinger am 9. Mai bei seiner Festrede zum 100-jährigen Jubiläum der Diakonissen­anstalt Neuendettelsau. Das ist die Geburt des diakonischen Jahres, zunächst aber nur im Einzugsgebiet der Diakonie Neuen­dettelsau. Im Nachkriegsdeutschland herrscht in den Ein­richtungen der Diakonie starker Mitarbeitermangel, der Freiwilligendienst soll die Lücken füllen.

1957 In den ersten drei Jahren des ­„Diakonischen Jahres“ leisten 250 Freiwillige ihren Dienst. Darunter sind Hausfrauen, Schneider, Fotografen und Fabrikarbeiter. Auch in anderen evangelischen Landes- und
in Freikirchen wird das dia­konische Jahr ausgerufen und die katholische Kirche folgt dem Beispiel.

1964 Am 17. August schafft das „Gesetz zur Förderung eines freiwilligen sozialen Jahres“ in der Bundes­republik den rechtlichen ­Rahmen für das einjährige Engagement.

1998 Das freiwillige öko­logische Jahr wird als Modellprojekt eingeführt, vier Jahre später gilt es offiziell bundesweit: Die Schwerpunkte liegen im Umwelt-, Tier- und Naturschutz.

2011 Die Freiwilligendienste werden um den Bundesfreiwilligendienst (BFD) erweitert, der eingeführt wird, um die Plätze zu füllen, die mit der Abschaffung des Zivildienstes frei werden. Während Freiwillige im FSJ in der Regel nicht älter als 27 Jahre alt sind, steht der BFD auch älteren Bewerbern offen.

2014 Jährlich machen ­bundesweit rund 100 000 Freiwillige ­einen Bundesfreiwilligendienst, ein frei­williges soziales oder öko­logisches Jahr oder einen Freiwilligendienst im Ausland.

7. September 2014 ZDF-Fernsehgottesdienst zum 60. Jubiläum des diakonischen Jahres und zum 50. Jubiläum des freiwilligen sozialen Jahres (FSJ).

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